26.07.2017

Gestern Steuer-, heute Start-up-Paradies

Deutschland bei Neugründungen zurück – Malta strebt Spitzenstellung an. Förderprogramme landauf, landab, Start-up-Kampagnen ohne Ende – alles vergeblich? Deutschland hinkt bei Neugründungen hinterher. Gründe: Bürokratie, veraltete digitale Infrastruktur. In Malta hat man die Zeichen erkannt. Der Inselstaat stellt sich als Start-up-Paradies auf.

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Maltas Wende

Steuer-Paradies war gestern – als Start-up-Paradies sieht Malta seine Zukunft. In dem Inselstaat, eben noch von der Mehrzahl der Abgeordneten im EU-Parlament mit Nichtachtung gestraft, tut sich einiges. Die sozialistische – auf Deutsch: sozialdemokratische – Regierung des gerade für eine weitere Legislatur ins Amt gewählten Premierministers Dr. Joseph Muscat hat dem Land, in der ersten Jahreshälfte erfolgreiche Inhaberin der EU-Ratspräsidentschaft, eine radikale Wende verordnet: weg vom vorwiegend auf Sonne, blauer Himmel und Meer ausgerichteten Zwischenstopp für Touristen-Dampfer hin zum modernen Technologiestandort mit Gewicht im Konzert der EU-Staaten.

Start-ups für ein lebenswertes Europa

Malta macht sich derzeit zum Vorreiter der auch auf EU-Ebene verfolgten Strategie, die Gründung von Unternehmen massiv zu unterstützen. Hier wie da misst man dabei der Finanzierungsfrage hohe Bedeutung bei. Die EU fördert Investitionen in Neugründungen u.a. in Deutschland. Mikel Landabaso, Direktor in der Generaldirektion Kommunikation der Europäischen Kommission: „Start-ups sind ein wichtiger Motor, um Europa weiter voranzutreiben. Wir brauchen deren Innovationskraft und Kreativität für ein lebenswertes Europa.

FTE: Malta als europäischer Start-up-Standort

Auf Malta setzt man genau hier an. Mit an vorderster Stelle holt man potentielle Geldgeber und Sponsoren junger Unternehmen mit ins Boot. Mitte des Monats fand in St. Julian‘s nahe der maltesischen Hauptstadt Valletta mit dem „Follow The Entrepreneur Investors Summit“ (FTE) erstmals ein europaweiter Kongress zur Zukunft des Inselstaates als Heimat für marktfähige Start-up-Unternehmen einerseits und potentielle Sponsoren und Investoren andererseits statt.

Unternehmer helfen Unternehmern

Unter anderem von namhaften Unternehmen wie der Malteser Börse, Apex oder dem Beratungsunternehmen Ernst & Young (EY) gesponsert, hatte den FTE-Kongress das britische Investmentkapitalunternehmen Ariadne Capital, London, nach sechs Jahren im Vereinigten Königreich jetzt mit Blick auf den tiefgreifenden Wandel Maltas zu einem internationalen Hub für internationales Investmentkapital zum ersten Mal in der einstigen britischen Kolonie ausgerichtet. Ariadne Capital wurde 2000 von 62 führenden Unternehmern der europaweiten Initiative „Unternehmer helfen Unternehmern“ gegründet. Seither realisierte Ariadne Transaktionen und Investitionen im Wert von fast einer Milliarde Euro. Die Ariadne Capital angeschlossenen Unternehmen verwalten in dem von ihnen gegründeten „EntrepreneurCountry“ den Ariadne Capital Entrepreneurs-Fonds und die ECO2 Investitions-Plattform.

Sponsoren und Kapitalgeber aus 30 Ländern

Fast 500 Vertreter renommierter Sponsorenunternehmen und Kapitalgeber aus 30 Ländern, darunter international führende Unternehmen für Investmentkapital wie BMW Digital Services and Business Models, Apex, Jerusalem Global Ventures oder die Europäische Handelsvereinigung für Business Angels (EBAN), nahmen an den beiden FTE-Konferenztagen teil.

Bunter Strauß an Unternehmensvorhaben

Bis zu 70.000 Zuseher waren per Live-Videostream zugeschaltet. Vor ihnen fächerten über 50 internationale Redner einen bunten Strauß zukunftsträchtiger Unternehmensvorhaben von digitaler Wirtschaft über Kunst und Gutem Essen bis hin zu Transport und Energie auf – der Großteil mit Standort auf den maltesischen Inseln.

Ein deutscher Unternehmer stellte Maltas Weichen in die Zukunft

Der deutsche Unternehmer Andreas W. Gerdes ist seit Jahrzehnten mit Start-ups im digitalen Geschäft erfolgreich und im Zuge der Liberalisierung des Telekom-Marktes in Deutschland dort Pionier im Mobilfunksektor (Orange plc, iWorld Group). Auf seine maßgebliche Initiative entfaltet Malta bereits seit den späten 1990er Jahren ein umfangreiches Investitionsprogramm zu seiner Aufstellung als moderner Wirtschaftsstandort. Mit einem Minimum an Bürokratie und einem Maximum an bedarfsgerechter Infrastruktur.

Deutschland selbst nur Mittelmaß

Der FTE-Kongress auf Malta – für Gerdes „ein Beispiel, von dem auch Deutschland lernen kann“. Immer weniger Menschen wagen es hier, ein Unternehmen zu gründen – und das trotz vieler Förderprogramme und Start-up-Kampagnen. Der internationale Vergleich zeigt: Deutschland ist hier allenfalls Mittelmaß.

Viel Bürokratie, zu wenig Infrastruktur

Das liegt nicht an den Gründern. Zu viel Bürokratie bei der Gründung und eine veraltete digitale Infrastruktur halten gründungswillige Unternehmer immer weniger im Land.

Folge: mangelnder Unternehmergeist

Laut aktuellem Gründerreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) haben die IHKn im vorigen Jahr erstmals weniger als 200.000 Gründungsgespräche geführt. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Minus von rund sieben Prozent – absoluter Tiefstand seit der ersten Umfrage vor 15 Jahren. Bereits seit Jahren mangelt es in Deutschland an Unternehmergeist. Laut DIHK-Vergleichsstudie kommen hierzulande 4,4 Gründer auf 1.000 Erwerbsfähige. In Großbritannien sind es mit 8,3 fast doppelt so viele; in Israel sind es sogar 11,6.

 

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Autor: Franz Höllriegel