16.11.2017

Für Unternehmen verschärfen sich Probleme Stellen zu besetzen

Zweifel an Beschäftigungseffekt durch Punktesystem für Einwanderer: Vollbeschäftigung - in vielen Unternehmen ist dies weniger Segen als Fluch. Aufträge müssen abgelehnt, Produktion zurückgefahren, Termine können nicht eingehalten werden. Manch einer erhoffte sich Besserung von der Zuwanderung. Doch ist auch hier Ernüchterung eingetreten.

Stellenbesetzung

Wachstumsbremse Knappheit an qualifizierten Fachkräften

„Für Unternehmen verschärfen sich die Probleme, offene Stellen zu besetzen“, sagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), der „Passauer Neuen Presse“. Fehlendes Personal beschränke die Produktion, Aufträge müssten abgelehnt werden oder könnten nur verzögert abgearbeitet werden. Darüber hinaus wirke die Knappheit an qualifizierten Fachkräften als Wachstumsbremse. Erweiterungen oder Investitionen in neue Technologien unterblieben.

Beschäftigungsaufbau im 13. Jahr in Folge

Schweitzer rechnet damit, dass auch 2018 der Beschäftigungsaufbau bereits im 13. Jahr in Folge weitergeht. 2017 soll die Zahl der Erwerbstätigen nach DIHK-Prognosen um rund 650.000 zulegen, 2018 um 600.000. Mehr als jedes zweite Unternehmen in Deutschland sehe im Fachkräftemangel inzwischen eine „zentrale Herausforderung für seine Geschäftsentwicklung“, berichtete der DIHK-Präsident.

Gemeinsam vieles besser machen

Ein einfaches Rezept zur Lösung gebe es nicht, so der Kammernpräsident. „Wir können aber gemeinsam vieles besser machen“, so Schweitzer. Dazu gehöre die Stärkung der dualen Ausbildung ebenso wie die berufliche Weiterbildung – gerade auch mit Blick auf die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Zudem seien für eine steigende Erwerbsbeteiligung der heimischen Bevölkerung noch bessere und bedarfsgerechtere Kinderbetreuung sowie Ganztagsschulangebote notwendig, gab er zu bedenken.

Rechtssicherheit bei Integration von Flüchtlingen

Zumal bei der Zuwanderung wünschten sich nach den Worten Schweitzers die Unternehmen einfachere Regelungen sowie mehr Rechtssicherheit bei der Integration von Flüchtlingen. Die hiesige Wirtschaft sei dringend auf beruflich qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen, betont auch Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des DIHK in einem Interview mit der „Südwest Presse“.

Blue Card – die Lösung?

Neben den Flüchtlingen kommen die meisten Zuwanderer aus der EU. Sie brauchen wegen der Freizügigkeit keine Arbeitserlaubnis. Für die anderen hob Dercks die Bedeutung der Blue Card hervor. Sie gibt es seit 2012. Damit habe die Wirtschaft eine einfache Regelung, Bewerber mit einem Hochschulabschluss und einem Jobangebot mit einem Jahresverdienst von rund 50.000 Euro oder in Mangelberufen von knapp 40.000 Euro einzustellen. Im letzten Jahr hätten die deutschen Unternehmen auf diesem Weg 17.000 Fachkräfte bekommen.

Demografische Gründe

Verglichen mit der gesamten Einwanderung sei das aber wenig. Aus demografischen Gründen brauche Deutschland rechnerisch rund 200.000 qualifizierte Zuwanderer. Sie müssten allerdings auch die Qualifikationen mitbringen, die in den Betrieben benötigt werden. Das beginnt bei den Gesundheitsberufen und geht über Hotel und Gastronomie sowie Bauberufe bis zur Logistik. Zudem brauche man mehr beruflich Qualifizierte ohne Studium. Die Betriebe hätten gerade hier mit Fachkräftemangel zu kämpfen.

Punktesystem für Einwanderer à la Kanada

Offenbar ist auch die Einführung eines Punktesystem für Einwanderer à la Kanada, wie von manchen gefordert, nicht für alle Unternehmen die Lösung des Problems. Von ihr erwarten einer Umfrage des ifo-Institutes zufolge nur 24 Prozent der deutschen Personalleiter positive Effekte auf die Beschäftigung in ihrem Unternehmen, 74 Prozent keinerlei Beschäftigungseffekte und drei Prozent negative Effekte in ihrer Firma.

Großunternehmen befürworten Punktesystem

Besonders aufgeschlossen gegenüber einem Punktesystem sind die Befragten in Großunternehmen. Von ihnen erwarten immerhin 30 Prozent positive Effekte. Allerdings verlangten die Personalleiter in den Kommentar-Spalten der Befragung, die bürokratischen Hürden vor der Einstellung von Flüchtlingen und Migranten abzubauen sowie schneller Sicherheit in Punkto Arbeitserlaubnis zu schaffen.

Bedarf kurzfristig decken

Flüchtlinge scheinen zumindest keine Lösung, um den Bedarf kurzfristig zu decken. Sie seien in der Regel keine Fachkräfte, die sofort einsetzbar sind. Bei Flüchtlingen, die Deutschland aus humanitären Gründen aufgenommen hat, engagieren sich Dercks zufolge schon viele Unternehmen. Sie bieten Berufsvorbereitung, Ausbildung und Beschäftigung an. Eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen, die ohne Sprach- und Fachkenntnisse kommen, brauche allerdings mehrere Jahre, so der DIHK-Geschäftsführer.

Vorteile von Deutschkursen

Sprachliche Fortbildungen können im ganz überwiegenden betrieblichen Interesse des Arbeitgebers liegen, schreibt „Lohn- & Gehaltsprofi AKTUELL“ (14/2017). Unter bestimmten Voraussetzungen führen berufliche Fort- oder Weiterbildungsleistungen des Arbeitgebers nicht zu steuerpflichtigem Arbeitslohn. Das Bundesfinanzministerium hat kürzlich diese Voraussetzungen für Deutschkurse zur beruflichen Integration von Flüchtlingen präzisiert. Wie und welche Vorteile sich daraus für Unternehmen ergeben können, dazu mehr in dem Newsletter für betriebsprüfungssichere Abrechnung.

 

Lohn- und Gehaltsprofi

Autor: Franz Höllriegel