17.01.2022

Finetrading – Wareneinkaufsfinanzierung

Ebbe in der Kasse. Als GmbH kennen Sie das Problem, wenn Sie Ihr Lager aufstocken müssen, um sich auf einen zu erwartenden Nachfrageschub vorzubereiten. Ihr Banker hat Stacheldraht in der Tasche, wenn Sie ihn um einen Kredit angehen. Aus der Patsche kann Ihnen Finetrading helfen.

Finetrading Wareneinkaufsfinanzierung

Bevor wir tiefer einsteigen ins Finetrading: gibt es noch andere Möglichkeiten?

Ja, die gibt es, denken Sie etwa an:

  • Factoring: Ihr Lieferant veräußert seine Forderung gegen Sie als seinen Kunden an einen Factoring-Unternehmer. Auftraggeber ist der Lieferant. Beim Factoring werden grundsätzlich alle Debitoren benannt und alle Forderungen abgetreten. Beteiligt sind also drei Seiten:
    • Lieferant
    • Factoring-Unternehmen
    • Kunde
  • Reverse-Factoring: zwar auch um ein Handel zwischen drei Parteien. Allerdings werden dabei nicht Rechnungen, sondern Güter verkauft. Wenn Sie näheres über Abtretung von Forderungen und deren Wirksamkeit wissen möchten, empfehlen wir Ihnen die Lektüre unseres Beitrags „Abtretung von Forderungen: So ist die Rechtslage“.
  • Leasing: anders als beim Finetrading, wo die Ware nach dem Kauf in Ihr Eigentum als Auftraggeber übergeht, bleibt sie immer Eigentum des Gläubigers. Leasing ist zudem weniger eine Finanzierung als vielmehr eine Art Miete.
  • Mezzanine-Kapital: In der Finanzwelt nimmt es eine Zwischenstellung (ital. mezzanini) ein als Mischform aus Eigenkapital und Fremdkapital. Als Unternehmen können Sie bei einer Mezzanine-Finanzierung einerseits, ähnlich wie bei Eigenkapital, Genussrechte vereinbaren oder stille Beteiligungen mit den Darlehensgebern festlegen. Andererseits können Sie ein partiarisches oder nachrangiges Darlehen vereinbaren. Dabei bilanzieren Sie das Mezzanine-Kapital zum Fremdkapital und so als Verbindlichkeit.

Das alles sind Finanzierungsformen, die schon weitgehend bekannt sind. Alle Methoden dienen dazu, die Liquidität in Ihrem Unternehmen zu stärken. Finetrading eignet sich überwiegend, wenn Ihr Unternehmen Güter kauft, die zum Umlaufvermögen zählen. Factoring oder Reverse-Factoring helfen Unternehmen Ihnen dabei, sich gegen Zahlungsausfall abzusichern. Leasing können Sie als Unternehmen hingegen verwenden, um Ihr Betriebsvermögen nicht zu erhöhen und um Maschinen oder Fahrzeuge zu nutzen, ohne dabei das Eigenkapital zu verwenden.

Was also hat Finetrading, was die anderen Finanzierungsformen nicht bieten?

Zunächst einmal ist diese Finanzierungsmöglichkeit noch recht neu. „Financescout24.de“ leitet das Kunstwort „Finetrading“ als Wortkombination aus den Begriffen „Finance“ und „Trading“ ab. Die Plattform definiert es zwar als Alternative zu einer Finanzierung, aber in der Praxis als Geschäft zwischen drei Parteien:

  • Finetrader,
  • Lieferant und
  • Abnehmer.

Das Finetrading ist damit flexibler als Factoring. Finetrading ist eine bankenunabhängige Möglichkeit, Waren- oder Materialeinkäufe zu finanzieren in folgenden Stufen:

  • Sie als Kunde kaufen Waren beim Lieferanten ein.
  • Der Lieferant liefert an Sie als seinen Kunden die Waren aus.
  • Der Finetrader zahlt Ihre Bestellung an den Warenlieferanten.
  • Der Finetrader gewährt Ihnen als Warenkäufer eine verlängerte Zahlungsfrist, häufig zwischen 90 und 120 Tagen. Für diese Zeit fallen Gebühren an.

Tipp der Redaktion

Als GmbH-Geschäftsführer sind Sie zahlreichen Risiken ausgesetzt, die nicht nur Ihre berufliche, sondern auch Ihre private Existenz bedrohen können. „GmbH-Brief AKTUELL“ hilft Ihnen mit praxisnahen Handlungsempfehlungen die GmbH zu schützen sowie steuerliche Gestaltungsspielräume rechtssicher auszuschöpfen. Haftungsrisiken vermeiden, rechtssicher handeln – volle Sicherheit und steuerliche Vorteile genießen!

Beim Finetrading sind Sie als Kunde und Warenbezieher Auftraggeber. Beim Finetrading sind Sie als Käufer flexibel und können bei jedem Einkauf entscheiden, ob Sie das Finetrading einsetzen wollen. Detailliert läuft der Finetrading-Prozess also folgendermaßen ab:

  1. Sie als Käufer schließen mit dem Finetrader einen Finetrading-Rahmenvertrag.
  2. Ihr Finetrader prüft Ihre Bonität als Käufer.
  3. Sie als Käufer bestellen die Ware beim Lieferanten nach Rücksprache mit dem Finetrader.
  4. Ihr Lieferant liefert an Sie als Käufer.
  5. Zwischen Sie als Käufer und Ihren Lieferanten ist der Finetrader zwischengeschaltet.
  6. Ihr Lieferant berechnet die Ware an den Finetrader.
  7. Ihr Finetrader zahlt die Rechnung grundsätzlich nach Lieferung der Ware.
  8. Ihr Finetrader schließt im Regelfall noch eine Warenkreditversicherung ab.
  9. Ihr Finetrader stellt seinerseits Ihnen als Warenkäufer eine Rechnung aus mit dem vorher vereinbarten Zahlungsziel.
  10. Sie als Warenkäufer bezahlen bei Ihrem
  11. Der Vertrag ist damit abgewickelt.

Bei welchen Einsatzmöglichkeiten bietet sich Ihnen als Unternehmen Finetrading insbesondere an?

Grundsätzlich nutzen Sie Finetrading für Ausgaben, die Ihr Umlaufvermögen betreffen. Hierzu zählen Rohstoffe, Betriebsstoffe, Hilfsstoffe oder unfertige Ware.

Hier weitere Beispiele für Einsatzmöglichkeiten des Finetradings:

  • Als Unternehmen benötigen Sie saisonbedingt mehr Ware und deshalb auch sofort mehr Kapital.
  • Als Unternehmen möchten Sie von besseren Einkaufskonditionen durch eine schnelle Zahlung profitieren.
  • Beim Kauf von Waren mit schwankenden Preisen wie Öl können Sie als Finetrading nutzen, um bei Tiefpreisen zu kaufen.
  • Als Firma möchten Sie Ihre Liquidität trotz Wareneinkauf schonen.

„Financescout24.de“ rät zudem, im Gegensatz zur herkömmlichen Rechnung lange Zahlungsziele beim Finetrading zur Ergänzung möglicher Kreditlinien zu nutzen.

Was bedeutet das Finetrading in der Praxis für Sie?

Es bringt Ihnen als Wareneinkäufer eine Reihe von Vorteilen:

  • Finetrading macht Sie als wareneinkaufendes Unternehmen unabhängig von Ihrer Bank.
  • Finetrading bietet Ihnen als wareneinkaufendes Unternehmen schnelle Liquidität.
  • Finetrading vermindert nicht den Kreditspielraum bei Ihrer Bank.

Gerade, wenn Sie als Unternehmen eine kurzfristige Vorfinanzierung von z.B. Baustellen und Einzelprojekten benötigen, bietet sich das Finetrading an.

Haben Sie als Unternehmen bereits einen Rahmenvertrag mit dem Finetrader, weiß dieser bereits um Ihre Bonität. Wenn Sie dann als Unternehmen möglichst reibungslos und zeitnah das Finetrading einsetzen wollen, haben Sie im Idealfall die Zusage von Ihren Finetrader ziemlich schnell und Sie können ebenso rasch Ihre Bestellung abwickeln.

Rechtlich gesehen entsteht beim Finetrading eine Dreiecksbeziehung. Der Finetrader schließt dabei zwei Kaufverträge ab:

  • einen mit dem Lieferanten,
  • einen zweiten mit Ihnen als Käufer.

Sie als Käufer und Ihr Lieferant stehen in einer Beziehung aus Forderung und Lieferung zueinander. Der Lieferant ist nach Zahlung durch den Finetrader zur Lieferung der Ware an Sie als nachfragendes Unternehmen verpflichtet. Ebenso ist der Käufer zur Zahlung an den Finetrader nach der Lieferung verpflichtet. Somit haftet der Lieferant dafür, dass er pünktlich liefert und der Käufer dafür, dass er pünktlich an den Finetrader zahlt. Der Lieferant oder der Dienstleister werden ihre vertraglichen Leistungen im Normalfall nur dann erbringen, wenn Sie als Besteller sie dafür bezahlen. Auch wenn keine besonderen vertraglichen Regelungen darüber vorliegen – die Zahlungspflicht ist die Hauptleistungspflicht des Einkäufers bzw. Bestellers. Was für Sie als Einkäufer interessant darüber hinaus zu wissen wäre, wie der Gesetzgeber die Sache bei Kauf-, Werk- und Dienstverträgen sieht, erfahren Sie in unserem Beitrag „Zahlung, Zahlungspflicht und Zahlungsverzug im Einkauf“.

Wie finden Sie den geeigneten Finetrader?

„Factoring Preisvergleich“ zählt in Deutschland derzeit etwa 20 Finetrading-Anbieter. Jeder Finetrader hat unterschiedliche Zielgruppen, Annahme- und Vertragskonditionen. Die Plattform empfiehlt, neben den teilweise großen Kostenunterschieden bei Finetrading-Angeboten auf folgende Kriterien zu achten:

  • Akzeptieren Sie keine Prüfkosten vor Vertragszusage, außer eventuell die Limitprüfung auf Ihr Unternehmen!
  • Zahlen Sie keine Bearbeitungsgebühren! Üblich seien Start- oder Einrichtungsgebühr bei verbindlicher Vertragszusage!
  • Vermeiden Sie Verlängerungs- oder Prolongationskosten ab dem zweiten Vertragsjahr!
  • Nehmen Sie keine Zuschläge für Bestellung gegen Vorkasse hin!
  • Achten Sie auf Mindermengenzuschläge!
  • Bestehen Sie auf dem Verbleib verhandelter Skontoerträge in Ihrem Unternehmen!
  • Vereinbaren Sie eine transparente Gesamtgebühr, je nach Zahlungsziel!
  • Stimmen Sie keinem Splitting der Kosten in mehrere Gebührenpositionen zu!

Also nur Vorteile …? Wo sind etwaige Haken?

Dreimal dürfen Sie raten: richtig, nachteilig sind häufig die Kosten. Sie liegen meistens über denen einer Bankenfinanzierung. Finetrading soll ja nur eine kurzfristige Finanzierung ermöglichen. Deswegen fallen diese Kosten meistens nicht so ins Gewicht. Dafür können Sie aber Ihren Auftrag durch die Vorfinanzierungsmöglichkeit umso schneller abwickeln. Umsonst ist der Tod – aber selbst den gibt es nicht kostenlos.

Außerdem ist laut „Financescout24.de“ Finetrading nicht für alle Unternehmensgrößen geeignet. Der Grund: die Anbieter für die Wareneinkaufsfinanzierung treten in der Regel erst ab einem Volumen von 100.000 Euro aufwärts ein. Grundsätzlich müssen Unternehmen außerdem über eine entsprechende Bonität sowie ein gewisses Umsatzvolumen verfügen, um Finetrading nutzen zu können. Welche Konditionen vorliegen, hängt vom jeweiligen Dienstleister ab.

Wer verdient am Finetrading?

Alle drei involvierten Seiten:

  • Der Lieferant dadurch, dass er seine Ware an Sie als Nachfrageunternehmen verkaufen kann. Für ihn entstehen durch Finetrading keine zusätzlichen Kosten.
  • Der Finetrader verdient daran, dass er Kapital für den Kauf von Gütern vorstreckt und diese Güter anschließend an Sie als Abnehmer weiterverkauft. In der Regel verdienen Finetrading-Unternehmen schon dadurch, dass sie das Skonto für die schnelle Überweisung der offenen Rechnungen ziehen. Bei sechsstelligen Beträgen machen sich wenige Prozente deutlich bemerkbar.
  • Sie als Abnehmerunternehmen dadurch, dass Sie Ihr Investitionsgut schneller einsetzen können. Die Dienstleistung kostet wie gesagt für Sie Gebühren in unterschiedlicher Höhe je nach Bonität sowie Volumen des Auftrags.

Wie lange dauert es, bis sich eine Investition bezahlt macht?

Diese Frage ist nicht nur für die Liquiditätsplanung und die Liquiditätssicherung von entscheidender Bedeutung. Auch bei der Planung von Finanzierungen berücksichtigen Sie als Unternehmen die Amortisationsdauer. Anschließend stimmen Sie die Finanzierungsdauer daraufhin ab. Dazu empfehlen wir Ihnen die Nutzung eine Excel-Anwendung in unserem Beitrag „Die Amortisationsdauer berechnen“.

Können Sie nicht auch ein Gesellschafter-Darlehen zur Finanzierung nehmen?

Sie können es versuchen, sollten sich aber dabei der steuerlichen Konsequenzen vorher bewusst sein. Dafür hat der Gesetzgeber 2008 neue Regeln aufgestellt, auf deren Grundlage der Bundesfinanzhof eine interessante Entscheidung gefällt hat. Mehr dazu in unserem Beitrag „Gesellschafter-Darlehen steuerlich riskanter“.

Autor*in: Franz