20.04.2018

Entgelttransparenz – Wer muss Auskunft geben und warum ist die Angst so groß?

Wie viel verdienen meine Kollegen für gleiche Arbeit? Seit diesem Jahr müssen Firmen Arbeitnehmern diese Frage beantworten – wenn diese danach fragen. Doch das tun nicht alle, wenn überhaupt. Viele Unternehmen wissen nicht einmal, ob das Gesetz auch für sie gilt.

Gehälter

Große Verunsicherung

Die Verunsicherung über das Entgelttransparenzgesetz (ETG) ist groß – ausgerechnet bei denen, die es umsetzen sollen, schreibt „Spiegel Online“ und beruft sich auf Untersuchungen des Ifo-Institutes München. Es hat im Herbst 2017 die Personalverantwortlichen von 1000 deutschen Unternehmen befragt. Ergebnis: gut ein Viertel wusste nicht einmal, ob das eigene Unternehmen betroffen ist.

Auskunftspflicht für Unternehmen mit mindestens 200 Mitarbeitern

Das ETG verpflichtet seit diesem Jahr Unternehmen mit mindestens 200 Mitarbeitern, diesen unter bestimmten Bedingungen mitzuteilen, ob Kollegen des anderen Geschlechts für die gleiche Arbeit besser entlohnt werden. Der Gesetzgeber will damit den Geschlechterunterschied bei den Gehältern verringern. Das Gesetz war im vergangenen Jahr in Kraft getreten. Unternehmen hatten also Zeit, sich auf mögliche Anfragen vorzubereiten. In dem Zeitraum sollten die Unternehmen nach Vorstellung des Gesetzgebers mitten in den Vorbereitungen stecken. Der Arbeitgeber sollte nachvollziehbar definieren, welche Mitarbeiter überhaupt in ihrem Aufgabenzuschnitt vergleichbar sind.

Gesetz ungeeignet

Generell hält dem Bericht zufolge ein großer Anteil von 42 Prozent der Personaler das ETG für ungeeignet, um Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen zu reduzieren. Nur 13 Prozent glauben, es eigne sich zu diesem Zweck, 45 Prozent machten keine Angabe – was der Spiegel-Bericht teilweise als Zeichen von Verunsicherung sieht. Um Ursachen von Lohnunterschieden zu identifizieren, wurden die Personalleiter auch allgemein zu Lohnungleichheit in ihren Unternehmen befragt. Die Hälfte gab laut Ifo Institut an, dass Entgeltunterschiede zwischen Mitarbeitern mit vergleichbaren Tätigkeiten und Positionen in ihrem Unternehmen existierten. Knapp die Hälfe sah keine Lohnunterschiede, zwei Prozent waren nicht sicher. Als Ursachen für Lohnunterschiede, die in der Person des Arbeitnehmers begründet sind, führten die davon in ihrem Unternehmen betroffenen Personalleiter vor allem die Berufserfahrung an (43 Prozent), die Arbeitsleistung (36 Prozent) sowie die Schulbildung (18 Prozent).

Mobbing nach Gehaltsfrage?

Auch auf Arbeitnehmerseite scheint das Gesetz noch nicht die vom Gesetzgeber gewünschte Folge zu haben. Viele Arbeitnehmer befürchten, der Chef könnte sie nach einer Frage nach dem Gehalt mobben. Im „Management-Blog“ der „WirschaftsWoche“ zitiert Autorin Claudia Tödtmann Marktforscher Statista nach einer Umfrage der Beratung EY, wie das Entgelttransparenzgesetz bei Arbeitnehmern ankommt. Ergebnis: Man habe Angst, die neuen Möglichkeiten des Gesetzes zu nutzen und nur zu fragen.

Angst vor Sanktionen

Schon für die Frage befürchten Frauen offenbar Sanktionen. Jeder zweite Arbeitnehmer will bei seinem Unternehmen nicht anfragen und herausbekommen, wo er mit seinem Gehalt steht. 36 Prozent der Frauen und 31 Prozent der Männer hätten Angst, anschließend berufliche Nachteile zu riskieren – als Strafe nur für die Frage. Sie haben Angst vor ihren Vorgesetzten, fürchten um ihre Karriere und befürchten einen Beförderungsstopp, oder haben Angst vor finanziellen Nachteilen. Egal wie viele Rechte der Gesetzgeber auf dem Papier den Angestellten einräumt: solange das Arbeitsverhältnis besteht, zieht fast keiner vor Gericht um sie durchzusetzen. Aus Angst.

Nicht jeder Konflikt ist Mobbing

Übrigens: Nicht jeder Konflikt mit dem Arbeitgeber gilt (vor Gericht) als Mobbing. Das berichtet „Personaltipp AKTUELL“ (05/2018). Mobbingvorwürfe sollten von jedem Personalverantwortlichen grundsätzlich ernst genommen werden. Aber nicht jeder Konflikt oder jede Meinungsverschiedenheit sollte vorschnell als Mobbinghandlung eingestuft werden. Der Beratungsbrief für aktuelles Arbeitsrecht für Unternehmer und Personalmanager zitiert aus einem Arbeitsgerichtsurteil. Doch er warnt davor, das Urteil gleich als Freibrief für Mobbing zu verstehen – und ganz sicher nicht bei Gehaltsanfragen von Arbeitnehmern nach dem neuen Entgelttransparenzgesetz.

 

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Autor: Franz Höllriegel