02.12.2021

Die Millennials: Auf dem Weg zur Führungskraft

Zu alt, arbeitsmüde, abfindungsversessen – egal warum, feststeht: langsam, aber sicher verlassen die Babyboomer das Erwerbsleben. Im Positionsvakuum wäre eigentlich Gen X an der Reihe. Doch schon drängt Gen Y als neuer Spieler nach. Ein Generationenkonflikt bahnt sich an.

Millennials als Führungskraft

Babyboomer, Gen X, Gen Y: geht’s noch?

Es muss gehen, man wird sich an immer neue Generationenbegriffe und deren griffige Schlagzeilenkürzel gewöhnen müssen. Mit dem allmählichen Ausscheiden der geburtenstarken Nachkriegsgeneration der Babyboomer aus den Unternehmen drängen neue Generationen nach:

  • Gen X: eigentlich eine Formel der Soziologie für unterschiedliche Generationen oder Bevölkerungskohorten mit jeweils unterschiedlichen Charakterisierungen, dann aber zunehmend auf die den Babyboomern folgende Generation der Jahrgänge 1965 bis 1980 angewandt
  • Gen Y, Generation Why (Warum?) oder Millennials für Jahrtausender: im Zeitraum der frühen 1980er bis zu den späten 1990er Jahren geboren, vermeintlich mit dem Charakterzug ausgezeichnet, alles und jedes zu hinterfragen; was diese Generation in ihrer Funktion als Investoren umtreibt, welche Erwartungen sie an gute Unternehmensführung haben, das erläutert Ihnen unser Beitrag „Investoren wenden sich nachhaltigen Unternehmenskonzepten zu“.
  • Gen Z, Generation Greta (Thunberg, Fridays for Future) oder Post-Millennials: Nachfolgegeneration der Generation Y überwiegend 1997 bis 2010 zur Welt gekommen

Schon seit einiger Zeit erreicht die Nachkriegsgeneration zunehmend ihr Rentenalter. Gleichzeitig macht sie von den gesetzlichen Regelungen für den vorzeitigen Ruhestand Gebrauch. Abfindungen polstern ihr familien-, miet- und stromrechnungsgerechtes Hinausgleiten aus den Unternehmen ab. Denen kommt dies in Unkenntnis künftiger Entwicklungen aus einer vorschnellen Ad-Hoc-Betrachtung bestehender und künftiger Personalbedarfe heraus zugute. Sie wollen – oder müssen – ihre Belegschaften verjüngen oder ausdünnen.

Damit sehen die Millennials der Gen Y ihre Stunde schlagen. Diese neue anspruchsvolle Generation schlägt in den Führungsetagen auf. Sie greift nach den Sternen, um in die Wolken zu gelangen. Sie nimmt nicht ohne weiteres hin, dass nach den Babyboomern die Kollegen der Generation X die Führungsjobs unter sich ausmachen wollen. Sie will mitspielen, mitgestalten und die Unternehmen modern und zukunftsfähig machen – jetzt.

Wie nehmen Babyboomer und Gen X die Jungspunde auf?

Nicht immer mit offenen Armen. Vorurteile pflastern die Wege ihrer Ablehnung, genährt aus pauschalem Hörensagen, abgeleitet von einer Minderheit dieser Gruppe, kaum exemplarisch für ihre Gesamtheit. Eine Auswahl der milderen Einstufungen:

  • eigensinnig
  • verwöhnt
  • willensschwach
  • weniger Work, mehr Life – keine ausgewogene Balance
  • leistungsresistent
  • ich-orientiert
  • vorlaut
  • überzogen anspruchsvoll.

… und wie begegnen die Millennials solchen Vorurteilen?

Nicht weniger sanft. Auch sie sind nicht frei von Vorurteilen gegenüber den Vorgängern in den Positionen. Zwischen ihnen und den Generationen zuvor herrscht eine Kluft, die es bei früheren Staffelübergaben in den Organisationen so nicht gegeben hat. Gen Y ist die erste Gruppe, frei von Nachkriegserfahrungen erzogen, aus grundlegend neuem historischen Rahmen und soziokulturellem Niveau. Sie kennen den Kalten Krieg nur aus Geschichtsbüchern. Von Ausnahmen abgesehen, haben ihre Eltern keine Kriegserfahrungen am eigenen Land und Leibe mehr.

Tipp der Redaktion

Erfolgreich als Führungskraft und Manager: Ganz gleich, ob Sie Tipps zur Führung von Mitarbeitergesprächen, Vertriebsteams oder Optimierungswünsche zu Ihrem eigenen Führungsstil haben: „Führung & Management AKTUELL“ hilft praxisnah und innovativ!

Millennials sind unbeschwert durch Kindheit und Jugend gekommen. Sie haben Ihren Nutzen aus dem Fleiß und den Werten ihrer Elterngeneration gezogen. Sie sind in eine Welt voller Möglichkeiten hineingewachsen, in der kulturelle Phasen mit Raketengeschwindigkeit aufsteigen und so schnell wieder vergehen, wie sie den Himmel erobert haben.

Wie also gelingt Unternehmen die schrittweise Übergabe der Führung?

Durch Diversität. Ganz abgesehen davon, dass Sie Ihrem Unternehmen damit Wettbewerbsvorteile verschaffen, wie Sie unserem Beitrag „Wettbewerbsvorteile durch Diversity-Management“ entnehmen können: nur mit ihr wird der Wechsel zur Frischzellenkur Ihrer Organisation als Unternehmen. Sie mutet zwar immer noch wie ein Luxusproblem der Gesellschaft an. Gleichwohl ist sie bereits eine ökonomischen Aufgabe. Ein funktionierender Generationenmix spricht ein breiteres Kundenspektrum an. Das erhöht den Umsatz. Konflikte um Vorherrschaft und Deutungsmacht gefährden ihn.

Mit Feststellen und Ansprechen der Generationsunterschiede ist es nicht getan. Die kulturelle Kluft ist zu groß. Sie kann man nicht mit ein paar Gesprächsrunden und Teambuilding-Events überwinden. Es braucht Zeit, bis junge Führungskräfte mit älteren Mitarbeitern warm werden und bis diese akzeptieren können, von emotional und mental anders tickenden Jungspunden geführt zu werden. Die Neuen denken und reden anders. Sie handeln mit einer Konsequenz und ohne Rücksicht auf Tradition, dass viele der 50- bis Mitte-60-Jährigen die Welt nicht mehr verstehen.

Dabei ist eine kürzere Halbwertszeit denn je zu berücksichtigen von:

  • Moden,
  • Methoden,
  • Meinungen,
  • Sprachmustern,
  • digitalen Werkzeugen
  • ethischen Sichtweisen

In einer Welt der erodierenden Muster und flüchtigen Wahrheiten fällt es nicht leicht, das konservative Korsett der Älteren zu akzeptieren. Es wirkt starr, altmodisch und für alles verantwortlich, was für die Menschen und die Erde zur Gefahr geworden ist.

Wie können Sie den Abgrund zwischen den Generationen überwinden?

Vor allem durch eine weithin unterschätzte Geheimwaffe der Führung, von Mitarbeitern oft gefordert und von Chefs zu selten gelebt, Ihre Empathie als Führungskraft:

  • personenbezogen führen
  • Erwartungen des Einzelnen kennen
  • zwischen den Generationen vermitteln.

Wo junge Mitarbeiter Arbeit und Freizeit im Work-Life-Übergang geschmeidig verzahnen möchten, drängen die älteren, die vertraute Trennung zu bewahren. In der Welt von Babyboomern und Gen X heißen Gehaltserhöhung und Prämie:

  • gut gemacht.

Millennials ziehen andere Formen der Wertschätzung vor:

  • Lob,
  • Zeit zur Weiterentwicklung,
  • sinnstiftende Tätigkeiten,
  • Weiterbildungsmöglichkeiten und einiges mehr.

Wo zeigt sich der Abgrund im Arbeitsalltag beispielsweise?

Zum Beispiel beim ersten Online-Meeting am Morgen. Schon hier gehen die Haltungen auseinander. Den Älteren von der Pandemie aufgezwungen, gilt es den Jüngeren als wichtige digitale Plattform für die Zusammenarbeit. Hier gewinnen sie den Eindruck, dass wertlose Termine lediglich unnötige Routine- und Kontrollfunktion haben. Das nervt die Jüngeren. Sie wollen nach Ansicht von Madeleine Kühne, freiberufliche Interims-Managerin im SAP-Umfeld und Vortragsrednerin zu Digitalisierung und Führung, lieber am frühen Tag etwas bewegen, während die Älteren es ihr zufolge benötigen, um eine Marschrichtung für den Tag zu bekommen – eine in ihrer Eingrenzung auf die in Rede stehenden Generationen durchaus nicht unumstrittene Einschätzung.

Wie oft erlebte und erlebt der Verfasser als Vertreter der Gen X in seiner Karriere, wie gerade auch Gleichaltrige und Ältere, aber nicht selten auch Jüngere sich gerne in realen oder virtuellen endlosen Redaktionskonferenzen ergehen, nicht um am Ende etwa produktiv Zählbares vorweisen, sondern sich moralisch selbst auf die Schultern klopfen zu können, wie produktiv man doch heute wieder gewesen sei.

Neben einer Arbeitsethik sieht Kühne mit der ortsungebundenen Arbeit eine weitere Hürde hinzukommen. Millennials arbeiteten wie selbstverständlich virtuell miteinander, Stammkollegen seien in Meetings verkrampfter und zurückhaltender. Die Jungen verstünden mehr von Technik, seien offener. Wie überhaupt die neue Technik sich auf den Personalbereich auswirkt, lesen Sie in unseren Beitrag „Innovativ führen – Wie sich die Digitalisierung auf den Personalbereich auswirkt“. Der „alte Hase“ müsse miterleben, wie sein Wissen in zukunftsträchtigen Bereichen zunehmend überschaubarer ist, seine Erfahrung scheinbar nicht mehr gebraucht wird.

Was bedeutet dies für sie als Führungskraft in der Praxis?

In diesen Fällen sehen Sie es als ihre Aufgabe, die Spannungen zu lösen.

  • Stellen sie den Wert eines jeden einzelnen Teammitglieds heraus!
  • Sorgen Sie für eine gute Verbindung zwischen Ihren Mitarbeitern!
  • Unterstreichen Sie die Stärken jedes Einzelnen!
  • Vermitteln Sie in Konflikten!
  • Praktizieren Sie gute Fehlerkultur!
  • Erkennen Sie das frische Denken der Millennials und ihren Willen zur Mitgestaltung in einem flexiblen Arbeitsrahmen als Ressource für sich als Unternehmer und für Ihr Unternehmen! Ihre Dynamik und ihr Know-how können Ihr Unternehmen bei seinen Transformationsprozessen einen bedeutenden Schub geben, wenn Sie ihnen zuhören und sie vollberechtigt einbinden.
  • Bleiben Sie hierzu ständig im Gespräch und im generationsübergreifenden Austausch.

Wie können Sie die Millennials im Einklang mit den Älteren einbinden?

Hier steht Ihnen mit dem Reverse-Coaching ein Instrument zur Verfügung, mit dem Jüngere ihr spezifisches Wissen an die Älteren weitergeben. Bei allen Unterschieden einen zwei Dinge beide ja auch:

  • Erfolgshunger und
  • Leistungswille.

Gleichzeitig öffnet dieser Ansatz Ihren Babyboomern die Tür zu neuen Welten, für die sich die neue Generation begeistert und einsetzt:

  • Digitalisierung,
  • Social Media,
  • Diversität,
  • Klimapolitik,
  • Vermischung zwischen beruflichen und privaten Belangen oder Work-Life-Blending,
  • Purpose oder Anpassung von Arbeitszeiten an Bedürfnisse
  • und mehr

Hier öffnet sich den Älteren, sofern sie bereit dazu sind, die Gelegenheit zu hören und zu verstehen.

Ruft ein solches Vorgehen nicht wieder neue Widerstände der Älteren hervor?

Zu Anfang durchaus möglich, wenn das Coaching falsch angepackt wird. Mit der Zeit folgt aber ein gefestigtes Miteinander. Die einstigen Vorurteile gehen in gegenseitige Wertschätzung und Verständnis über. Den Älteren kommt die Dynamik der Jüngeren zugute, den Jüngeren die Erfahrung der Älteren. Das Zusammenspiel der Generationen zu leiten, ist für Sie als jüngerer wie als älterer Chef eine gleichermaßen verantwortungsvolle wie schwierige Aufgabe. Sie fordert Ihnen viel Fingerspitzengefühl ab. Gelingt Ihnen dies, können Sie eine Kollegialität erreichen, die quer durch die Hierarchien Ihres Unternehmens sein Klima und seine Kultur prägt. Überdies erhöht sie seine Schlagkraft und Wendigkeit und bringt es Ihren Kunden näher – und damit einer sicheren Zukunft.

Autor*in: Franz