28.06.2022

Die Betriebliche Altersvorsorge – Übersicht gewinnen und Ziele festlegen

Erst was ich weiß, macht mich heiß – auf die betriebliche Altersvorsorge (bAV). Erst wenn Sie als Arbeitgeber um die bestmögliche steuerliche und individuelle Justierung der bAV wissen, können Sie sich darum kümmern – zum Besten Ihres Arbeitnehmers. Das Finanzministerium sagt, wie.

Betriebliche Altersvorsorge

Worauf beruht die Altersversorgung Ihres Mitarbeiters?

Im Grunde und nicht zuletzt nach einem vielseitigen Schreiben des Bundesfinanzministeriums zu den gesetzlichen Regelungen auf drei Säulen:

  • dem Staat: über sein Rentensystem
  • Ihrem Unternehmen oder Betrieb: durch Ihre betriebliche Altersvorsorge
  • Ihrem Mitarbeiter selber: durch seine private Altersvorsorge
Drei Säulen der Altersversorgung

Die Säulen der Altersversorgung sind in der Abbildung unterschiedlich hoch. Wonach richtet sich das?

Das kann Ihr Mitarbeiter – von Ausnahmen abgesehen – frei gestalten. In der Regel wird es so aussehen:

  • Das gesetzliche Rentensystem ist die dominierende Säule
  • Die betriebliche Altersversorgung Ihres Unternehmens als Arbeitgeber dürfte nicht zuletzt hinsichtlich ihrer steuerlichen Förderung durchaus ein Bestandteil mit guten Chancen sein.
  • In welchem Umfang Ihr Mitarbeiter darüber hinaus für sein Alter Vorsorge treffen will, bestimmt er selbst – oder wie seine Umstände es ihm erlauben. Oft bleibt vom Lohn ja nicht gerade viel, um es noch auf die hohe Kante zu legen, schon gar nicht angesichts von
    • Pandemie mit ihren politisch gewollten Lockdowns oder
    • politisch gewollter Energieverknappung, womit wir bei der Verlässlichkeit der ersten Säule, dem Staat, wären.

Welche Durchführungswege der betrieblichen Altersvorsorge können Sie als Arbeitgeber Ihren Arbeitnehmern anbieten?

Da haben Sie nach dem Altersvermögensgesetz (AVmG) und dem  Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) mehrere Möglichkeiten:

  1. direkte Pensionszusage: ein Beispiel zu „Zahlungen aus der Direktzusage“ haben wir für Sie zum Download bereit gestellt.
  2. Unterstützungskasse
  3. Pensionskasse
  4. Direktversicherung
  5. Pensionsfonds

Was sollten Sie als Arbeitgeber zur Vorbereitung tun?

Tipp der Redaktion

Dieser Beitrag beruht auf einem Artikel aus dem „Lohn und Gehaltsprofi AKTUELL“ (Ausgabe 07/2022). Unser Beratungsbrief „Lohn und Gehaltsprofi AKTUELL“ informiert Sie monatlich über alle Neuerungen in Sachen Lohn- & Gehaltsabrechnung – praxisnah, kompakt und mit konkreten Handlungsempfehlungen. Mit rechtssicheren Informationen und Arbeitshilfen zu einem optimalen Gehaltsmanagement.

Zunächst sollten Sie eine gesunde Struktur der Altersversorgung ermitteln. Daraus leiten Sie die Höhe einer sinnvollen betrieblichen Altersversorgung ab. Eine Anleitung dazu und weitere Informationen zu den einzelnen Durchführungswegen finden Sie in unserem Beitrag „Die Durchführungswege der betrieblichen Altersvorsorge“. Dort finden Sie einige Annahmen, die Sie je nach Ihren individuellen Verhältnissen ändern können.

Was, wenn Ihr Arbeitnehmer Ihr Angebot als Arbeitgeber auf eine bAV nicht annehmen möchte?

Grund dafür sind oft Unsicherheiten wegen der Komplexität der Materie. Wer versteht schon die betriebliche Altersvorsorge? Dabei muss sie gar nicht so komplex und schwer zu verstehen sein. Man braucht die Sache nur selbst in die Hand zu nehmen, dann verliert sie sehr schnell von ihrem Schrecken. Das gilt für Sie als Arbeitgeber genauso wie für Ihren Arbeitnehmer.

Der erste Schritt für eine gute Altersversorgung besteht darin, die Verantwortung dafür selbst zu übernehmen. Keine Bank, keine Versicherung und kein Finanzberater sind für Ihre Altersversorgung verantwortlich – weder als Arbeitnehmer noch für Sie als Betrieb, der ein solches betriebliches Angebot ihrem Arbeitnehmer macht. Mit wenigen einfachen Überlegungen und etwas Rechnerei werden Sie als Arbeitgeber im Interesse Ihrer Arbeitnehmer selbst eine gesunde Struktur in Ihrer Altersversorgung und der Ihrer Arbeitnehmer aufbauen.

Wie ermitteln Sie als Arbeitgeber den Geldbedarf der Zukunft?

In der Tat: Prognosen sind immer etwas schwieriger, vor allem wenn sie die Zukunft voraussagen sollen. Aber: warum soweit in die Zukunft schweifen, wenn die Fakten so nah in der Gegenwart liegen? Sehen wir uns also zur Ermittlung des Geldbedarfes den Bedarf an, den Sie heute haben:

  • Wie sieht Ihr durchschnittlicher Monat aus?
  • Kommen Sie mit Ihrem Netto aus?

Aus den Antworten auf diese Fragen ergibt sich die Grundlage für Ihren Bedarf, ansonsten passen Sie den Wert an den aktuellen Monatsbedarf an.

Vom aktuellen Monatsbedarf ziehen Sie die Kosten ab, die Ihr Arbeitnehmer im Alter nicht mehr haben wird, wie z.B.:

  • Darlehensverpflichtungen, weil die Darlehen im Alter ausgelaufen sind,
  • beendete Sparverträge
  • Kosten für Kinder, weil diese dann selber Geld verdienen.

Dazu addieren Sie Krankenversicherung und Einkommen- bzw. Lohnsteuer Ihres Arbeitnehmers. Generell sollten Sie hier die Entwicklung der Bestände bei den Krankenkassen beobachten. Es gab Zeiten, da sanken die Beiträge für Renten- und Krankenversicherung – wenn auch nur leicht, aber immerhin: sie sanken. Wissenschaftler haben damals beispielhaft die Auswirkungen berechnet, über die wir in unserem Beitrag „Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung sinkt“ berichtet haben.

Das lässt sich individuell ermitteln. Oder Sie setzen den Krankenversicherungsanteil Ihres Arbeitnehmers und 25 Prozent seines heutigen Lohnsteuersteuerabzugs ein. Beide Werte stehen in seiner Lohnabrechnung. Dieser bereinigte Nettolohn ist dann der pauschale, bereinigte Geldbedarf heute.

Einen Sonderfall der betrieblichen Altersversorgung stellen geringfügig entlohnte Beschäftigte dar. Solche Mini-Jobber haben im Alter nur eine bescheidene Rente. Es sei denn, Ihr Mini-Jobber lässt sein Entgelt umwandeln. Manche haben jedoch keinen Anspruch darauf. Wie Sie als Arbeitgeber ihm helfen können, lesen Sie in unserem Beitrag „Betriebliche Altersversorgung für geringfügig entlohnte Beschäftigte“.

Wie ermitteln Sie daraus den Geldbedarf der Zukunft?

Dazu rechnen Sie diesen Bedarf hoch, z.B. bis zum Renteneintritt mit 67 Jahren. Als Aufzinsungsfaktor nehmen Sie einen Inflationswert von vier Prozent. Das ist ein einigermaßen – hoffentlich – mittlerer Wert. Normalerweise lag er bei ein bis zwei Prozent, mit den gesetzeswidrigen Anleihekäufen und der jahrelangen Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) erklimmt er fast täglich neue Höhen von mittlerweile sieben und mehr Prozent. Die Inflation ist in Deutschland zurück, berichten die Medien tagaus, tagein. Das merkt inzwischen jeder im Supermarkt und an der Tankstelle. Im Mai 2022 kletterte die Inflationsrate auf 8,1 Prozent. Dabei zitiert der MDR Warnungen von Experten. Es sei nur ein Vorgeschmack. Der Ukraine-Krieg werde die Preise weiter in die Höhe treiben. Schon geistert das Unwort durch den Diskurs: droht Deutschland eine Hyperinflation wie in den 1920er-Jahren? Die Bilder von damals:

  • Schubkarren voller wertloser Geldscheine
  • Schlangestehen vor den Brotläden
  • Weltweiter Börsencrash.

Der Unterschied zu heute: Die Hyperinflation war damals das Ergebnis einer fast zehn Jahre andauernden Geldentwertung, die mit dem Ersten Weltkrieg begann. 1914 finanzierte die kaiserliche Regierung die Materialschlachten des Krieges mit Anleihen. Ihre Tilgung, so der Plan, sollten die besiegten Gegner übernehmen, in Form von Kriegsreparationen. Außerdem stellte die Reichsbank dem Staat 47 Milliarden frisch gedruckte Mark zur Verfügung. Das zusätzlich in Umlauf gebrachte Geld verursachte zweierlei:

  • Der Wert der Mark sank
  • die Preise stiegen.

Damit waren die ersten Weichen für die Hyperinflation neun Jahre später gestellt. Nach der Niederlage von 1918 stand Deutschland vor einem schier unbegleichbaren Schuldenberg:

  • Kriegsanleihen mussten bedient,
  • Invaliden-,
  • Witwen- und Waisenrenten bezahlt werden.
  • Zusätzlich verpflichtete der Versailler Vertrag das Deutsche Reich zu hohen Reparationszahlungen.

Um die immense Zahllast zu bewältigen, warf der Staat erneut die Notenpresse an und steigerte die Geldmenge noch weiter. Sogar Städte und Gemeinden halfen beim Druck und bei der Verteilung neuer Scheine.

Übrigens: nicht nur die EZB ist an dem niedrigen Zinsniveau schuld. Diese Annahme ist zu kurz gegriffen. Wie die Demographie entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Lohn, Inflation und Zinsen hat, lesen Sie in unserem Beitrag „Babyboom trägt Zinsniveau, was kommt danach?“.

Was wir damit sagen wollen: Legen Sie Ihren Berechnungen lieber einen hohen, also schlechten Inflationswert zugrunde. Besser vorher großzügiger ermitteln, als nachher zu wenig zu haben. Die Zeiten sind unsicher. Das sollte Sie aber nicht davon abhalten, für das Alter vorzusorgen. Wie sagte Martin Luther: „Selbst wenn ich wüsste, dass die Welt morgen in Stücke zerfällt, würde ich heute immer noch meinen Apfelbaum einpflanzen.“

Und wie ermitteln Sie die Einnahmequellen der Zukunft?

Nachdem Sie den Bedarf nun einigermaßen eingekreist haben, sehen Sie sich die Einnahmenseite an. Von welcher Einkunftsquelle kommt Ihr Geld dann? Wir zeigen Ihnen in der Sonderausgabe von „Lohn- & Gehaltsprofi Aktuell“ zur Betrieblichen Altersvorsorge, 07/2022, die Vorgehensweise an einem Beispiel. Dort hat der Protagonist Peter Mustermann einen künftigen Bedarf ermittelt, der derzeit noch nicht gedeckt ist. Und das bei einer Inflationsrate von nur drei Prozent. Aus dieser einfachen Prognoserechnung – mag Sie nun noch so pauschal und deshalb ungenau sein – dürfte Ihnen klar werden, dass Sie als Arbeitgeber oder Sie als Arbeitnehmer für die Altersversorgung mehr machen sollten, um eine voraussichtliche Rentenlücke zumindest halbwegs zu schließen. Fazit: Dabei spielt die betriebliche Altersversorgung eine wichtige Rolle.

Sind angesichts zunehmend galoppierender Inflation Aktien eine Option für die Altersvorsorge Ihrer Arbeitnehmer?

Die Experten sind geteilter Meinung. Neben den Edelmetallen sollen auch Aktien keine schlechte Wahl sein. Doch mit der Inflation kam für viele Aktien der Crash. „Arm, ärmer, Aktien? Ganz sicher nicht!“ rät „Yahoo Finanzen“. Auf den zweiten Blick werde klar, dass Aktien auch in der Inflation des Jahres 2022 einen exzellenten Schutz geboten hätten. Der DAX nähere sich unterdessen der Crash-Zone. Mit einem Minus von 20 Prozent zum letzten Allzeithoch wäre es nach dem Lehrbuch Zeit, das Wort Börsencrash in den Mund zu nehmen (Stand 23.06.2022). Viele Tech-Aktien haben den Börsencrash schon hinter sich. Hier sieht man zum Teil Verluste von bis zu 80 Prozent. In einem Umfeld steigender Einkaufspreise geben Unternehmen den Kostendruck an die Konsumenten weiter. Kosten rauf, Umsatz rauf. In Summe erhält der Investor einen Aktienkurs, der sich oft automatisch an die Inflationsrate anpasst. Was lernen wir daraus: Aktien waren diesmal ein hervorragender Schutz gegen die Inflation – bisher. Doch wer vor der Inflation keine Aktien hat, der hat sie eben auch nicht in der Inflation.

Autor*in: Franz Höllriegel