25.09.2017

Dem Lohn fehlt die Dynamik

Das wirtschaftliche Umfeld in Europa hat sich weiter verbessert. Trotzdem steigen die Löhne in Europa nur langsam. Aber auch die Preise steigen nur geringfügig. Nominallohnerhöhungen schlugen sich 2016 fast ungebremst nieder. Doch was können sich die Menschen dafür kaufen?

Lohngerechtigkeit

 

Deutschland mit höherem Reallohnzuwachs

Im vergangenen Jahr legten die realen Effektivlöhne im EU-Schnitt um 1,5 Prozent zu. Im laufenden Jahr dürfte der Zuwachs durchschnittlich lediglich 0,4 Prozent betragen. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Europäische Tarifbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Deutschland liegt mit einem Reallohnzuwachs von 1,9 Prozent 2016 und prognostizierten 0,8 Prozent 2017 zwar über dem europäischen Durchschnitt, angesichts des stabilen Aufschwungs sind die inflationsbereinigten Zuwächse aber auch hier sehr moderat.

Positive Lohnentwicklung

Um die Binnennachfrage und das Wachstum zu beleben, wären EU-weit deutlich stärkere Steigerungen notwendig. Auch in Deutschland besteht nach Ansicht der WSI-Forscher Prof. Dr. Thorsten Schulten und Malte Lübker Spielraum für eine stärkere Lohndynamik. Eine Reihe von Ökonomen und internationalen Institutionen sieht das mittlerweile genauso. Eine positive Lohnentwicklung sei entscheidend für die Nachhaltigkeit des Aufschwungs, heißt es von Seiten der Europäischen Kommission. Weitere Lohnsteigerungen würden nicht nur die private Nachfrage stärken, sondern auch zur Normalisierung der Inflationsrate beitragen.

EZB fordert höhere Lohnzuwächse

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) plädiert seit einiger Zeit offen für höhere Lohnzuwächse. Aufgrund der aktuell geringen Preissteigerung schlugen sich Nominallohnerhöhungen 2016 fast ungebremst nieder. In diesem Jahr wird die Inflation aufgrund höherer Energie- und Nahrungsmittelpreise anziehen. Dadurch haben viele Menschen in Europa inflationsbereinigt kaum mehr in der Tasche. In Italien, Spanien, Großbritannien, Belgien, Finnland und Zypern müssen die Beschäftigten 2017 sogar mit Reallohnverlusten rechnen.

Reallohnniveau unter Niveau des Krisenjahrs 2009

Die Folgen der Eurokrise sind längst noch nicht überwunden. In zehn EU-Staaten liegt das Reallohnniveau noch immer unterhalb des Niveaus des Krisenjahrs 2009. Am deutlichsten ist diese Entwicklung in Griechenland, wo die Reallöhne zwischen 2010 und 2017 um fast 23 Prozent gefallen sind, gefolgt von Zypern (-12,8 Prozent), Portugal (-8,6 Prozent), Kroatien (-5,8 Prozent) und Spanien (-5,5 Prozent). Lediglich in einigen osteuropäischen Ländern kam es im gleichen Zeitraum zu kräftigen Reallohnzuwächsen, allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau. Außerhalb von Osteuropa konnten Schweden (13,7 Prozent) Deutschland (9,8 Prozent), Malta (8 Prozent) und Irland (6,9 Prozent) seit 2010 deutlichere Reallohnzuwächse verzeichnen.

Geringfügig gestiegene Kaufkraft

Doch können sich die Menschen für ihre Lohnzuwächse etwas kaufen? Die Europäer haben im Jahr 2016 nominal rund 0,3 Prozent mehr Kaufkraft pro Kopf als im Vorjahr. Allerdings variiert das verfügbare Nettoeinkommen der untersuchten 42 Länder erheblich. Die höchste Durchschnittskaufkraft findet sich in Liechtenstein, der Schweiz und Luxemburg, die niedrigste in Weißrussland, Moldawien und der Ukraine. Die Ukrainer haben nur gut ein Achtzigstel der Durchschnittskaufkraft der Liechtensteiner. Dies sind Ergebnisse der Studie „GfK Kaufkraft Europa 2016“.

Niedriges Wachstum europäischer pro-Kopf-Kaufkraft

Insgesamt stehen den europäischen Verbrauchern für das Jahr 2016 etwa 9,18 Billionen Euro für ihre gesamten Ausgaben sowie zum Sparen zur Verfügung. Dies entspricht einer durchschnittlichen Kaufkraft von 13.672 Euro pro Einwohner der 42 Studienländer. Das ist ein nominaler Anstieg von rund 0,3 Prozent. Dieses niedrige Wachstum der durchschnittlichen europäischen pro-Kopf-Kaufkraft ergibt sich unter anderem durch Wechselkurseffekte sowie stagnierende Wachstumsraten in einigen größeren Ländern. Eine Reihe von Ländern – Island, Bulgarien, Rumänien, Estland, die Tschechische Republik, Ungarn, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Malta, die Slowakei, Luxemburg und Lettland – weist Wachstumsraten von über fünf Prozent auf.

Auswärtiges Amt passt Zuschläge an

Wie „Lohn- & Gehaltsprofi AKTUELL“ in seiner neuen Ausgabe (12/2017 September) berichtet, hat das Auswärtige Amt für einige Dienstorte die Kaufkraftzuschläge neu festgesetzt. Die Verwaltung hat demnach die entsprechende Gesamtübersicht über die maßgebenden Kaufkraftzuschläge ergänzt und mit Stand zum 01.04.2017 bekannt gegeben. Für welchen Personenkreis die Vorschrift gilt und was dabei zu beachten ist, dazu alles Wichtige in dem Newsletter für betriebsprüfungssichere Abrechnung.

 

 

Autor: Franz Höllriegel