07.06.2018

Babyboom trägt Zinsniveau, was kommt danach?

Eigentlich gibt es gar keine Zinsen – und wenn, dann Strafzinsen. Gemeinhin macht man dafür die Europäische Zentralbank verantwortlich. Doch ist dies zu kurz gegriffen. Die Demographie hat entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Lohn, Inflation und Zinsen.

Babyboom

Konjunktur ohne Inflation

Die Konjunktur befindet sich bereits seit längerem im Aufschwung. Trotzdem bewegen sich in vielen Industrienationen Inflation, Zinsen und Wachstum auf niedrigstem Niveau. Für den Finanzmarktredakteur der „FAZ“ Gerald Braunberger könnte ein Grund dafür in der Demographie liegen. Seit mehreren Jahrzehnten befindet sich die Generation der Babyboomer, also der in Westdeutschland etwa ab Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre geborenen Menschen, auf dem Arbeitsmarkt. Allmählich treten diese nun in den Ruhestand. Zumindest nähmen die Babyboomer Einfluss auf langfristige Trends, so Braunberger.

Arbeitsmarkt und Digitalisierung

Viele Mitglieder dieser Generation befänden sich heute in der Spätphase ihres Arbeitslebens und füllten dank ihrer beruflichen Qualifikation ansprechend bezahlte Stellen aus. Einerseits stiegen deswegen ihre Löhne nur unterdurchschnittlich. Sie investierten nicht mehr viel in berufliche Weiterbildung und wechselten weniger für besser bezahlte Stellen den Arbeitsplatz. Zudem entfielen aufgrund der Digitalisierung viele der von Babyboomern besetzten ansehnlich bezahlten Arbeitsplätze. Bei einem großen Teil der entstehenden neuen Stellen handele es sich um weniger gut bezahlte Positionen für Menschen mit niedrigerer Qualifikation, deren Arbeitsplatz weniger stark durch die Digitalisierung bedroht ist.

Unternehmen werden Netto-Sparer

Auch das Zinsniveau ist, so Braunberger, in den vergangenen drei Jahrzehnten zurückgegangen. Zugleich werden die Menschen in den Industrienationen immer älter. Äußerungen von Ökonomen und empirische Untersuchungen ließen hier einen Zusammenhang vermuten. Die Babyboomer nutzten seit vielen Jahren ihre Arbeitseinkünfte für die private Altersvorsorge. Eine steigende Lebenserwartung und eine nur langsame Anhebung des Ruhestandsalters sorgten dafür, dass die Menschen die Früchte ihrer Arbeit immer länger genießen könnten. In ihren letzten Arbeitsjahren hätten die Babyboomer mehr angespart. Ihre Arbeitseinkommen erreichten ihren Höhepunkt, laufende Ausgaben gingen zurück, Wohneigentum ist abbezahlt, die Ausbildung der Kinder abgeschlossen. Die hohe Ersparnis der privaten Haushalte treffe auf eine Investitionsnachfrage der Unternehmen. Sie leide unter der digitalen Revolution. Durch sie erübrigten sich viele traditionelle Investitionen in Sachkapital. Seit mindestens zehn Jahren seien die Unternehmen selbst Netto-Sparer geworden und die Babyboomer-Generation trage zum Fall der Zinsen bei.

Babyboomer gehen in Rente

Somit sind die Babyboomer eine Ursache für die niedrigen Zinsen und das niedrige Lohnwachstum. Sie leisten damit einen Beitrag zu der nachhaltig niedrigen Inflation. Solange die Löhne nicht deutlich stiegen, so Braunberger, ist ein kräftiger Anstieg der Inflationsrate wenig wahrscheinlich. Die Trends der vergangenen Jahrzehnte ließen sich allerdings nicht fortschreiben. Die Babyboomer befinden sich im Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand. Damit dürften sie zu einer allmählichen Trendumkehr beitragen. Dies treffe insbesondere für die langfristige Zinsentwicklung zu. Im Ruhestand bildeten die Babyboomer immer weniger Ersparnisse. Die nachfolgende Generation möchte zwar auch sparen. Aber sie sei weitaus weniger zahlreich. Zwar würden viele Babyboomer ihre Ersparnisse nicht gänzlich im Alter aufbrauchen und den Nachkommen etwas vererben. Andererseits stiegen mit zunehmendem Alter die Gesundheitsausgaben. In der letzten Lebensphase müssten viele Babyboomer mehr Geld ausgeben, als ihnen lieb ist. Damit sinke das Kapitalangebot und die Zinsen könnten tendenziell wieder steigen.

EZB wird Niedrigzinsen beibehalten

Wenn – ja, wenn da nicht wieder die Europäische Zentralbank (EZB) wäre. Führende Ökonomen wie der frühere Präsident des Münchner ifo Institutes Prof. Dr. Hans-Werner Sinn werden nicht müde auf die verhängnisvolle Wirkung hinzuweisen, die der im kommenden Jahr bevorstehende Brexit haben wird. Damit erhalten die Hochschuldenländer Südeuropas die Mehrheit im EZB-Rat. Sie haben kein Interesse daran, dass im Euro-Raum die Zinsen wieder steigen.

Finanzgericht beharrt auf Wucherzinsen

Sollten die Zinsen demgegenüber irgendwann einmal wieder steigen, hätte wenigstens die Finanzgerichtsbarkeit wieder eine Begründung, für Verzugszinsen weiterhin sechs Prozent verlangen zu lassen. Das zahlen nämlich laut einem Bericht in GmbH-Brief AKTUELL“ (08/2018) Unternehmen, bei denen der Betriebsprüfer Fehler festgestellt hat. Auch wenn mehrere Revisionsverfahren dazu beim Bundesfinanzhof anhängig sind, sehe das Finanzgericht Köln keinen Grund, die Zinsbescheide auszusetzen. Der Beratungsbrief für Steuervorteile und Haftungsfragen erklärt das besondere Ärgernis Zinsen bei Betriebsprüfungen – und gibt einen Expertentipp, was Unternehmen gleichwohl in ähnlicher Situation tun sollten.

 

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Autor: Franz Höllriegel