20.11.2017

Air Berlin-Insolvenz befeuert Diskussion um Chef-Abfindung

Tausende von Mitarbeitern stehen vor dem Aus. Die Bosse bedienen sich bei einer Insolvenz, die Beschäftigten gehen leer aus. Die Insolvenz von Fluglinie Air Berlin sorgt hier für Sozialneid. Doch lassen sich überhaupt noch Chefs finden ohne Gehaltsabsicherungen? Bei Einstellung des Air Berlin-Chefs war jedenfalls kein Protest zu hören.

Abfindung

Grundgehalt von 950.000 Euro

Air Berlin-Chef Thomas Winkelmann muss sich trotz Insolvenz der Fluglinie um sein Gehalt nicht sorgen. Der Manager erhält sein Grundgehalt von 950.000 Euro auch im Falle einer ordentlichen Kündigung weiter bis zum Vertragsende Anfang 2021, berichtet „Zeit Online“. Für das erste Jahr wurde zudem ein Mindestbonus von 400.000 Euro festgesetzt. Die Zahlungsverpflichtungen wurden durch eine Bankgarantie von bis zu 4,5 Millionen Euro bis dahin abgesichert. Sie könnten auch von Gläubigern nicht gepfändet werden, heißt es bei „Spiegel Online“.

Tausende Mitarbeiter vor dem Aus

Derweil müssen Tausende Mitarbeiter der insolventen Fluglinie um ihre Jobs fürchten. Damit nicht genug, müssen sie auch darum bangen, dass für eine Transfergesellschaft Geldgeber gefunden werden. Die Geschäftsführungen von Air Berlin oder Lufthansa behaupten zwar, der große Teil der Mitarbeiter von Air Berlin fänden eine Anschlussbeschäftigung. Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di widerspricht dem. Das sei nicht der Fall. Für viele Beschäftigte sei die Situation immer noch ungewiss. Der dramatische Verlust aller Arbeitsplätze drohe.

Abfindungen rufen Sozialneid hervor

Für Unmut sorgt die Tatsache, dass die Abfindungen für Manager sich dabei auf einem Niveau bewegen, das „schnell Sozialneid hervorruft“. Die Faustregel für normale Arbeitnehmer besage: Pro Beschäftigungsjahr im Unternehmen gibt es ein halbes bis ganzes Brutto-Monatsgehalt als Abfindung. „Kaufmännisch betrachtet sind Abfindungen ein Tauschgeschäft“, kommt bei „Spiegel Online“ der Anwalt und Arbeitsrechtler Martin Hensche zu Wort. Der Arbeitnehmer verkaufe den rechtlichen Bestandsschutz, unter dem sein Arbeitsverhältnis steht, gegen Zahlung einer Abfindung.

Kalkulierbare Beendigung des Arbeitsverhältnisses

Aus Sicht des Arbeitgebers sei die Abfindung dann der Preis für die „rechtssichere, rasche und damit kostengünstige, kostenmäßig kalkulierbare Beendigung des Arbeitsverhältnisses“, so Hensche. Die werde frei verhandelt. Hohe Abfindungszahlungen sind längst Standard. Ohne sie dürfte sich auch kaum ein Manager zu einer Firma locken lassen, zumal wenn es um sie nicht mehr ganz so gut steht. Auch bei Winkelmann ist fraglich, ob er Anfang 2017 ohne die Gehaltsabsicherung den Job als Vorstandsvorsitzender angesichts der kritischen Lage bei Air Berlin angenommen hätte.

Fragen ethischer Natur

Und damals hat sich daran offenbar niemand gestört. Umso lauter nun die Kritik in der öffentlichen Diskussion. Der CDU-Wirtschaftspolitiker Christian von Stetten sagte dem „Handelsblatt“, er gehe davon aus, dass der gesamte Komplex der Übernahme von Air Berlin durch die Lufthansa „zu einem späteren Zeitpunkt noch mal untersucht wird“. Er vermute, dass „einiges im Vorfeld abgesprochen“ worden sei, das dem Wettbewerb „nachträglich schaden“ werde. Der Vorsitzende der CSU-Mittelstands-Union, Hans Michelbach, sprach in diesem Zusammenhang auch von „Fragen ethischer Natur“. Winkelmann habe den Posten zu einem Zeitpunkt übernommen, „als bereits erhebliche berechtigte Zweifel an einer wirtschaftlich erfolgreichen Zukunft von Air Berlin bestanden“. Während der Manager aber umfassend gegen Risiken abgesichert worden sei, gingen viele Mitarbeiter und Kunden nach der Air-Berlin-Insolvenz leer aus. Dieses Ungleichgewicht stärke nicht das „Vertrauen in unsere Wirtschaftsordnung“.

SPD-Fraktionschef: Raffke-Mentalität

Deutlichere Worte fand der neue SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider. „Die Raffke-Mentalität des Vorstandsvorsitzenden von Air Berlin ist erschreckend. In einer Situation, in der Tausende Mitarbeiter vor der Arbeitslosigkeit stehen, ist das einfach nur asozial“, sagte er der „Welt“. Die Grünen-Wirtschaftspolitikerin Kerstin Andreae nannte es wiederum „unmoralisch, wenn Vorstände ihre Unternehmen regelrecht ausplündern, während ihre Mitarbeiter kurz vor der Kündigung stehen“. FDP-Präsidiumsmitglied Michael Theurer sprach von einem „skandalösen Verhalten“ Winkelmanns.

Gehaltverzicht zugunsten der Kunden?

Der Chef der Verbraucherzentralen, Klaus Müller, forderte, dass der Air-Berlin-Chef auf sein Gehalt verzichten soll – allerdings zugunsten der Kunden, deren Flugscheine verfallen. „Wenn Herr Winkelmann den nächsten Job antritt, zum Beispiel bei der Lufthansa, wäre es ein Zeichen des Anstands, wenn er sein Air-Berlin-Gehalt für die Entschädigung der Fluggäste spendet“, sagte Müller dem „Handelsblatt“. Air Berlin wies laut „Zeit Online“ Müllers Kritik zurück. Das Geld für die Bankgarantie sei vom Großaktionär Etihad gestellt worden und gehe nicht zulasten der Insolvenzmasse der Air Berlin. Durch die Garantie habe Etihad Winkelmann als erfahrenen Manager für vier Jahre binden und die Sanierungsbemühungen langfristig unterstützen wollen.

Sorgen um Altersvorsorge?

Wie so oft, sind auch hier die Kirchgänger nach der Kirche frömmer als vor dem Gottesdienst. So gewinnt die öffentliche Diskussion an Scheinheiligkeit. Will man Firmen retten, wird man Retter finden müssen. Und die werden Abfindungen verlangen. Nicht bekannt ist, ob Winkelmann sich derzeit Sorgen darum macht, wie er seine Abfindungszahlung auch noch steuer– und sozialversicherungsfrei in die betriebliche Altersvorsorge hinüberretten kann. Die Möglichkeiten dazu sind nämlich kaum bekannt und werden kaum genutzt, wie GmbH-Brief AKTUELL“ (15/2017) berichtet. Ab 2018 wird dem Bericht zufolge die Regelung in bestimmten Fällen noch deutlich günstiger. Wer was wann dabei in Anspruch nehmen kann, dazu alles Wissenswerte in dem Newsletter für Geschäftsführer.

 

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Autor: Franz Höllriegel