04.06.2019

Der Technik-Redakteur als Wissensmanager – eine gute Idee?

Wie ist die ISO 9001:2015 für Technik-Redakteure zu lesen? Welche Rolle spielt betriebliches Wissensmanagement zurzeit in den Firmen? Welche Fähigkeiten des Technik-Redakteurs sind essenziell für die Rolle des Wissensmanagers? Und wo gibt es Deltas zwischen den Anforderungen an den Wissensmanager und der Qualifikation des Technik-Redakteurs?

Eine Bestandsaufnahme

Wissensmanagement war in aller Munde. Mittlerweile scheint die ganz große Welle der Nullerjahre abgeflaut. Ingolf Rascher und Uwe Wilkesmann betitelten schon 2001 einen Artikel im Journal „Arbeit” mit „Wissen ist Macht – und die Macht kommt nicht aus den Computern”. Angesichts des frühen Zeitpunkts dieser Aussage –vor Beginn des Hypes und deutlich vor Implementierung von Wissensmanagement in die ISO 9001 – wirkt das in seinem Trotz fast schon hellsichtig.

Es sollte nicht verwundern, dass ohne methodisches Vorgehen teure Wissensdatenbanken, Dokumentenmanagementsysteme einschließlich ihrer Communities an mangelnder Nutzung eingehen und zu Investitionsgräbern werden.

Kann man Wissen tatsächlich managen?

Denn leider ist heute Allgemeingut: Wissen entzieht sich allen bekannten Managementansätzen. Kurz: Wissen kann nicht gemanagt werden, daher ist die Benennung „Wissensmanagement” mit großer Vorsicht zu genießen. Es handelt sich um eine mehrdeutige Benennung, die im Fachpublikum ganz unterschiedliche Vorstellungen auslöst. Häufig hört man in der Praxis: „Der Begriff ist verbrannt.”

Vermutlich, weil die zugeschriebene Semantik des Worts in vielen Fällen nicht mit der Realität übereinstimmt. Das von Natur aus abstrakte Wort „Wissensmanagement” scheint beliebig, es bedeutet alles und nichts. Ein Indiz, dass das einst fachsprachliche Wort in die Gemeinsprache absinkt.

In der Beratungspraxis konfrontiert man mich häufig mit der Forderung: „Nennen Sie mir EINE Firma, in der das Thema Wissensmanagement funktioniert.” Anfangs war ich sehr irritiert über den drohenden Unterton dieses Satzes, mittlerweile sehe ich ihn als Symptom für Kapitulation und Selbstschutz. Tenor: „Andere bekommen das doch auch nicht hin.” Die Wahrheit ist, es gibt nicht DAS Wissensmanagement als Patentrezept oder neudeutsch „Silver Bullet” gegen anwachsende Datenflut bei immer diffizileren Kommunikationsaufgaben für alle Branchen und Unternehmensbereiche.

Dagegen muss je nach Anwendungsfall eine individuelle Lösung ausgearbeitet werden. Beispielsweise macht es wenig Sinn in einem Unternehmen, bei dem 90 % der Belegschaft kurz vor der Rente steht und fast alles mit Excel macht, ein DMS mit dahinter liegender Graphdatenbank, angeschlossen an eine hoch performante Suchmaschine, für einen sechsstelligen Betrag einzuführen. IT-Lösungen müssen stets auf die Menschen zugeschnitten werden, die hinterher begeisterte Anwender sein sollen. Aber das ist auch nur die IT-Seite von Wissensmanagement.

Wissensmanagement als Phantom

Wenn Wissensmanagement ein Phantom ist oder ein heiliger Gral, dann ist der Wissensmanager ein Suchender, aber eben kein Wissender. Und damit ist er einer von uns. In der Springer-Essentials-Reihe wird im Band „Wissensmanagement für Qualitätsmanager” ein Vorschlag gemacht, wie die Kernaufgaben des Wissensmanagers zu definieren sind: „Der WissensmanagerIn ist für die Entwicklung und die Umsetzung einer wissensorientierten Unternehmensstrategie sowie eines systematischen, integrierten und zielorientierten Wissensmanagement-Instrumentariums verantwortlich.” Als Praktiker stellt man sich beklommen diese Fragen:

  1. An wen soll der Wissensmanager berichten?
  2. Welcher theoretischen Schule hat sich der Wissensmanager zu verschreiben?
  3. Auf was setzt der Wissensmanager seine wissensorientierte Unternehmensstrategie auf?

Die etwas überspitzte Auflösung

Zu 1: Der Wissensmanager berichtet optimalerweise direkt an den Vorstand oder ist gleich selbst Vorstandsmitglied. Und selbstverständlich managt der Wissensmanager das Wissen, die Handbremse bremst ja auch die Hand und der Zitronenfalter faltet ja auch Zitronen.

Zu 2: Gibt es eine seriöse eigene theoretische Schule für Wissensmanagement, die sich mit einem eigenen Ansatz dem Thema nähert, ohne sich auf informatische, psychologische, linguistische, pädagogische Forschung zu beziehen? Kann es überhaupt eine eigene theoretische Schule für Wissensmanagement geben, wenn Wissen weder transportiert noch gemanagt werden kann? Die Erkenntnis: Wissensmanagement ist ein Paradoxon, wie eine Bio-Banane oder ein herrenloses Damenfahrrad.

Zu 3: Fälschlicherweise werden in manchen Unternehmen Ziele wie Umsatz, Produktivität, EBIT, Mitarbeiterwachstum mit Unternehmensstrategie gleichgesetzt. Hier eine wissensorientierte Unternehmensstrategie aufzusetzen, ist nicht möglich. Es kommt dem Versuch gleich, einen Pudding an die Wand zu nageln oder einen Wolkenkratzer ins Wattenmeer zu setzen.

Die bisherigen Ausführungen lösen vielleicht nicht nur positive Assoziationen aus, doch statt zu kapitulieren, nähern wir uns schrittweise an das Thema an und bewerten zum Schluss, was der Technik-Redakteur im Umfeld des Wissensmanagements leisten kann. Dazu schauen wir zunächst in die ISO 9001:2015.

Erste Annäherung: die ISO 9001:2015

Mit der Fassung der ISO 9001:2015 wurde Wissensmanagement zur Anforderung für zertifizierte Unternehmen. Unter 7.1.6 heißt es:

„Die Organisation muss das Wissen bestimmen, das benötigt wird, um ihre Prozesse durchzuführen und um die Konformität von Produkten und Dienstleistungen zu erreichen. Dieses Wissen muss aufrechterhalten und in ausreichendem Umfang vermittelt werden. Um sich ändernde Erfordernisse und Trends zu berücksichtigen, muss die Organisation ihr momentanes Wissen betrachten und muss bestimmen, auf welche Weise das nötige Zusatzwissen erlangt wird oder wie darauf zugegriffen wird.”

Lieferanten sind teilweise durch große Hersteller gezwungen, sich zertifizieren zu lassen, die Frage ob man sich mit Wissensmanagement nach ISO 9001:2015 beschäftigen muss, stellt sich nicht; man muss.

Bevor wir uns den Inhalten nähern, aus denen neue Betätigungsfelder für Technik-Redakteure hervorgehen könnten, einige generelle Anmerkungen zur Norm.

Unzureichend erklärte Begriffe

Die in der Norm verwendeten Begriffe Wissen, Kompetenz, Bewusstsein und Kommunikation werden nicht ausreichend oder gar nicht definiert. Wer nach einem Thema für eine Dissertation oder Habilitation sucht, hat mit der wissenschaftlichen Untersuchung, wie die Begriffe zu definieren sind und wie sie in den verschiedenen Wissenschaften, Kulturen und Denktraditionen verwendet werden, ein riesiges Forschungsfeld.

Schließen Sie die Augen und machen Sie ein gedankliches Experiment: Stellen Sie sich vor, Sie geben 20 klugen Personen einen leeren Zettel mit der Bitte, kurz in maximal einer halben DIN-A4-Seite zu definieren, was Wissen ist. Wie viele übereinstimmende Definitionen werden Sie wohl erhalten? Genau. Vermutlich keine. Ähnlich verhält es sich mit Kompetenz, Bewusstsein und Kommunikation.

Die weiteren Ausführungen zu diesem spannenden Thema finden Sie in unserem Produkt „Technische Dokumentation“.

Autor: Harald Schenda (Senior Fachexperte Technische Information)