15.02.2017

Technik-Dokumentation im Internet of Things – alter Wein in neuen Schläuchen?

Über das Thema Internet of Things hat unser Herausgeber Kornelius R. Böcher mit Dieter Gust, Leiter Forschung und Entwicklung bei der itl AG in München, diskutiert. Die Meinungen der Gesprächspartner gehen an manchen Punkten auseinander, aber das macht gerade die Spannung des Gesprächs aus. Letztlich liegt jedoch beiden ein gemeinsames Anliegen am Herzen: daran mitzuwirken, dass sowohl Anleitungen als auch ihr Ruf sich weiter verbessern.

Betriebsanleitung

Dieses Gespräch soll vermitteln, wie das Internet of Things auch die Technik-Dokumentation verändern könnte. Erfahren Sie weiterhin, warum es in dieser Hinsicht auch wichtig ist, sich den eigentlichen Zweck von Dokumentation neu vor Augen zu halten. Das Gespräch macht – zwischen den Zeilen – Vorschläge, wie Sie sich den neuen Herausforderungen stellen können und gibt Ihnen Anregungen für Ihre eigene Dokumentationspraxis.

Kornelius Böcher

Wenn wir die Euphorie beobachten, mit der Industrie 4.0 und das Internet of Things seit Langem angekündigt bzw. forciert und gefeiert werden, kann man den Eindruck bekommen, dass manche eine Art heilsbringenden Effekt von den geplanten Maßnahmen erwarten.

Die Gerätedichte wird sich anscheinend explosionsartig erhöhen und es steht zu erwarten, dass sich analog dazu auch der Bedarf an Anleitungen erhöhen wird. Dabei gibt es immer noch mehr mittelmäßige bis schlechte als gute Anleitungen, und wenn sich die Hersteller nicht auf wunderbare Weise doch noch am Riemen reißen, scheint die Katastrophe regelrecht vorprogrammiert. Oder sehe ich das zu schwarz?

Dieter Gust

Internet 4.0 verlangt vor allen Dingen mehr Kommunikation, die in die Geräte integriert ist und kontextsensitiv agiert. Ich nenne das „digitale Benutzerassistenz”. Ein individualisiertes Auto, das seinen Anwender „erkennt” und selbst „weiß” was ihm fehlt, etwa „linkes Rücklicht kaputt”, wird sicher nicht lapidar nur darauf verweisen können: „Lesen Sie die Anleitung”. Also eine Katastrophe ist das per se nicht.

Zur Katastrophe kann das werden, wenn die Kommunikations-Use-Cases nun nicht, wie bei guter Softwareentwicklung üblich, vorausschauend durchgeplant werden. Die „Katastrophe” der klassischen Print- und Online-Dokumentation ist dagegen doch längst da: Entweder die Informationen sind bei Auslieferung der Produkte nicht mehr aktuell, oder die Logistik der gedruckten Informationen ist vergleichsweise aufwendig, weil die Informationserstellung nicht genau so automatisierbar ist wie die Produktion selbst.

Überhaupt wird der Kostenfaktor Dokumentation auch wegen der Übersetzungen wieder zunehmend als zu beseitigender „Kollateralschaden” empfunden.

Allein die zum Teil aber absurd wirkende Überbetonung der Notwendigkeit der Dokumentation abgeleitet aus Gesetzen, Richtlinien und Normen rettet zurzeit noch die Doku-Budgets. Dokumentation als vom Hersteller selbst (also dem Geldgeber) so gesehenes wirksames Marketinginstrument ist doch längst ein schlechter Kalauer. Kein Mensch kauft irgendein Produkt eher wegen der Güte der Dokumentation.

Die Sprüche höre ich sehr wohl, aber die Fakten sprechen eine ganz andere Sprache. Es wird Zeit, die eigentliche Rolle der Dokumentation wieder deutlicher hervorzuheben: Dokumentation ist wie der Feuerschutz in einem Haus, ein zurzeit noch notwendiges Übel, das Schlimmeres verhindert, wenn das Übel durch Produkteigenschaften selbst nicht verhindert werden kann. Jede Dokumentation, die man aufgrund einer intuitiven Produktergonomie nicht braucht, ist die bessere Lösung.

Dokumentation ist eine Produktsicherheitskomponente, die der laufenden Herausforderung unterliegt, wie man sie noch mehr verringern kann und das ist ganz ok so.

Die Grundidee, wie mache ich ein Produkt besser nutzbar, ist dagegen gerade bei Industrie 4.0 noch mehr im Fokus. Dabei spielt Kommunikation an der Mensch-Maschinen-Schnittstelle eine außerordentliche Rolle. Wie heißt doch ein Motto bei Landmaschinen, das Industrie 4.0 so schön umreißt: „Kunden wollen keine Mähdrescher, sondern gemähte Wiesen.” Umgemünzt auf Dokumentation heißt das: „Kunden wollen keine Anleitungen, sondern digitale Assistenten, die ihnen helfen, ein Problem zu lösen” (wenn es die Maschinen schon nicht selbsttätig können).

Doch parallel zu einer Neuausrichtung der Technik-Dokumentation geht die Bewertung der klassischen Dokumentation und ihrer Erstellung mit einem Preisverfall für Doku-Dienstleistungen auf dem Weltmarkt einher. Übersetzungen werden nach Asien verlagert, weil sie dort viel billiger eingekauft werden können. Der Technik-Redakteur wird entweder zur Schreibkraft mit entsprechend niedrigem Gehalt degradiert oder ist wieder der Ingenieur, der nebenbei Dokumentation macht.

In Großunternehmen gibt es auch andere Ansätze, die haben Technik-Redakteure mit Masterabschluss eingestellt. Aber praktisch managen diese Personen doch überwiegend Gesamtprojekte, um dann „Schreibarbeiten” möglichst billig auszulagern. Dort, wo keine „Rechtskeule” greift, ist die firmeninterne Doku längst verkümmert und die eigentliche Informationserstellung findet in der „Crowd” statt.

Nehmen wir das Beispiel Microsoft und das Produkt Word. Vor 15 Jahren benötigte Word ein dickes Handbuch mit Hunderten von Seiten. Wenn man heute die Word-365-Onlinehilfe nutzt (gedruckte Dokumentation gibt es nur als kommerzielle Produkte von Drittanbietern zu kaufen), fühlt man sich als Dokumentationsprofi regelrecht „veräppelt”: Nach irgendwelchen „häufig genutzt”-Kriterien findet man zusammenhanglose Themen, die eigentlich nur wiedergeben, was man sich aus der Benutzeroberfläche auch selbst ableiten kann. Die wirklich verwertbaren Infos finde ich nur in speziellen Word-Foren oder auf YouTube.

Zusammengefasst: Für die klassische Doku sehe ich auch schwarz, als digitale Benutzerassistenz könnte sie jedoch neue Höhenflüge erleben, wenn ihr Mehrwert von den Anwendern auch so gewollt und vom Hersteller rechtzeitig erkannt wird. Solange Rechtsanwälte (eine gedruckte) Dokumentation „vorschreiben”, wird das Thema eher als negativer, aber wegen der Rechtsprechung nicht vermeidbarer Kostenfaktor gesehen.

Das vollständige Gespräch finden Sie in unserem Praxismodul „Technische Dokumentation“.

Autor: Kornelius R. Böcher (Technik-Redakteur in einem Maschinenbauunternehmen)