Fachbeitrag | CE-Kennzeichnung
20.04.2015

Risikobeurteilung – eine Chronik des Versagens

Die gesetzliche Anforderung zur Durchführung einer Risikobeurteilung ist seit der Veröffentlichung der ersten Maschinenrichtlinie 89/392/EWG im Jahre 1989 bekannt. Die Praxis jedoch sah von Anfang an anders aus. Sowohl von den betroffenen Herstellern als auch von den einschlägigen Industrieverbänden und Behörden, die es versäumten, ihrer Informationspflicht nachzukommen. Erst in den letzten Jahren, insbesondere seit dem Inkrafttreten der derzeit gültigen Maschinenrichtlinie 2006/42/EG, ist ein deutliches Interesse der Hersteller an der Thematik Risikobeurteilung zu verzeichnen. Jedoch ist das zunehmende Interesse nicht zu verwechseln mit der notwendigen Kompetenz für die praktische Umsetzung der entsprechenden Anforderungen.

Risikobeurteilung© stnazkul /​ iStock /​ Thinkstock

Die Risikobeurteilung ist einer der wichtigsten Bausteine im sicherheitsgerichteten Prozess der CE-Konformität. Alle CE relevanten Bausteine zusammen münden bei vorschriftsmäßiger Durchführung in ein sicheres Produkt. Die einzelnen Merkmale dieses Prozesses und damit auch die Anforderungen an den Inhalt einer Risikobeurteilung sind im einschlägigen Regelwerk detailliert definiert.

 

Risikobeurteilung im Maschinen- und Anlagebau

Jedes Produkt, das im Europäischen Wirtschaftsraum seither bereitgestellt wird und in den Anwendungsbereich der Maschinenrichtlinie fällt, muss diesen Prozess nachweislich vollständig und gesetzeskonform durchlaufen haben.

Die gesetzliche Anforderung zur Durchführung einer Risikobeurteilung ist seit der Veröffentlichung der ersten Maschinenrichtlinie 89/392/EWG im Jahre 1989 bekannt – also seit nunmehr über 25 Jahren. Soweit die Theorie.

Die Praxis jedoch sah von Anfang an anders aus. Die erste Maschinenrichtlinie wurde weitestgehend ignoriert. Sowohl von den betroffenen Herstellern als auch von den einschlägigen Industrieverbänden und Behörden, die es versäumten, ihrer Informationspflicht nachzukommen.

Dieser Trend setzte sich fort. Zwar kamen Verbände und Behörden ihrer Informationspflicht im Laufe der Zeit immer besser nach, aber erst in den letzten Jahren, insbesondere seit dem Inkrafttreten der derzeit gültigen Maschinenrichtlinie 2006/42/EG, ist ein deutliches Interesse der Hersteller an der Thematik Risikobeurteilung zu verzeichnen.

Geltendes Recht immer noch regelmäßig verletzt

Jedoch ist das zunehmende Interesse an der Thematik Risikobeurteilung nicht zu verwechseln mit der notwendigen Kompetenz für die praktische Umsetzung der entsprechenden Anforderungen.

Trotz der hohen Bedeutung der Risikobeurteilung für ein sicheres Produkt und trotz der damit verbundenen Haftungsrisiken wird geltendes Recht noch immer regelmäßig verletzt. Wissen und Bewusstsein der Hersteller hinsichtlich des CE Prozesses im Allgemeinen und hinsichtlich der Thematik Risikobeurteilung im Speziellen sind in der Praxis immer noch nicht oder nur lückenhaft angekommen.

Behördliche Maßnahmen auf europäischer und nationaler Ebene, die Ergebnisse von einschlägigen Studien und Aussagen von Experten deuten darauf hin, dass die Mehrzahl der Unternehmen die Thematik Risikobeurteilung nicht gesetzes- und normkonform umsetzt.

Wo liegen die Ursachen?

Produkte im Anwendungsbereich der Maschinenrichtlinie bestehen aus einer Vielzahl großer und kleiner Einzelkomponenten und -gewerke, die zu einem großen Teil wiederum ihrerseits dem gesetzlichen und normativen Regelwerk unterliegen und diese Einzelkomponenten und -gewerke ihrerseits ebenfalls wieder. Die gesamte Lieferkette und im Ergebnis das fertige Produkt sind betroffen.

Hinweis

Die praktische Erfahrung mit der Umsetzung der Maschinenrichtlinie zeigt, dass sich die betroffenen Hersteller sehr oft blind auf ihre Vorgänger in der Lieferkette, also ihre Lieferanten, verlassen und den eigenen Handlungsbedarf nicht erkennen.

Insgesamt ist festzustellen, dass die betroffenen Unternehmen die Erzielung der CE Konformität noch lange nicht als Prozess begriffen haben, den es unternehmensintern bereichsübergreifend zu organisieren gilt. Das Rad wird täglich neu erfunden. Initiativen aufgrund von Leidensdruck gehen meist von den unmittelbar Betroffenen im Unternehmen aus: von Konstrukteuren und gelegentlich auch Redakteuren – oftmals einhergehend mit hoher Frustration, weil die notwendige Unterstützung versagt wird.

Der Grund hierfür liegt im Wesentlichen bei den Unternehmensleitungen. Gemäß Maschinenrichtlinie liegt die Verantwortung für die Umsetzung der CE-rechtlichen Vorgaben ausschließlich beim Hersteller und damit bei der Unternehmensleitung. Die Unternehmensleitung muss ihren Betrieb so organisieren, dass nur sichere Produkte auf dem Markt bereit gestellt werden (vgl. BGB § 823 Abs. 1 u. 2 und BGH, VI ZR 158/94, Urteil vom 05.09.1995). Bezogen auf die Erfüllung der sicherheitsgerichteten Vorgaben der Maschinenrichtlinie bedeutet dies:

Die Unternehmensleitung muss alle Unternehmensbereiche, die von der CE Kennzeichnung betroffen sind, also Einkauf, Vertrieb, Fertigung, Entwicklung/Konstruktion und Dokumentation, in einem ganzheitlichen CE Prozess organisieren und Aufgaben, Schnittstellen und Verantwortlichkeiten definieren, organisieren und dokumentieren. Immer noch zu viele Unternehmensleitungen erkennen ihren Handlungsbedarf hinsichtlich des CE Prozesses nicht. U.a. auch deshalb nicht, weil das Qualitätsmanagement die entsprechenden Notwendigkeiten oftmals entweder selbst nicht kennt oder nicht ausreichend kommuniziert.

 

Autor: Elisabeth Wirthmüller 

Produkte und Veranstaltungen

Produktempfehlungen

  • Produktsicherheit |Technische Dokumentation

    TechDok light

    Der schnelle Einstieg in die technische Dokumentation, für Anfänger und Fachleute: Strukturieren einer Betriebsanleitung - Erstellungsprozess ...

    € 39,95 Buch
    zzgl. € 3,00 Versandpauschale und MwSt.
  • Produktsicherheit |Niederspannung & EMV

    EMV Check

    Das Standardwerk für die EMV-gerechte Produktentwicklung. Nach EMV-Richtlinie 2004/108/EG und mit aktuellen Infos über das neue EMV-Gesetz.

    € 198,00 CD-ROM Version
    zzgl. € 5,95 Versandpauschale und MwSt.