03.05.2019

Normen für die Technik-Dokumentation: Wird es 2019 endlich besser?

2019 wird die EN 82079, die wichtigste Norm für die Technik-Dokumentation, als Edition 2 „runderneuert” präsentiert. Ihr Titel: „Preparation of information for use (instructions for use) of products – Part 1: Principles and general requirements”. Zurzeit liegt diese Norm als FDIS (Final Draft International Standard) zur endgültigen Abstimmung den ISO-Mitgliedern vor. Die Norm ist aktuell nur in Englisch und Französisch erhältlich.

Piktogramme

Es ist überraschend, dass eine deutsche Übersetzung erst für 2020 prognostiziert wird. Dabei wäre eine zeitnahe Übersetzung aufgrund der bekannten und auch im Rahmen dieses Praxiswerks besprochenen Kritikpunkte der aktuellen Fassung wünschenswert. Beachten Sie dazu auch das Experteninterview sowie weitere Beiträge dieser Praxislösung.

ISO/DIS 20607 – eine neue Norm für Betriebsanleitungen

Vielleicht auch aus dem Grund fehlender einfacher Regeln sah sich ein anderes Normengremium in der Pflicht, neben der 82079 eine weitere grundlegende Norm für Technik-Dokumentation zu entwickeln: ISO/DIS 20607:2018 „Sicherheit von Maschinen – Betriebsanleitung – Allgemeine Gestaltungsgrundsätze”. Vertreter beider Normen präsentierten bisher das Zusammenspiel beider Normen so:

Zusammenspiel von 82079 und 20607

(Quelle: Schmeling/Rieder, tekom-Tagung 2018)

Das Bild jedoch täuscht darüber hinweg, dass beide Normen weitgehend die gleichen Themen abdecken. Allerdings hat die Norm 82079 alle Produkte im Fokus, während die Norm 20607 sich unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit „nur” mit Betriebsanleitungen für Maschinen beschäftigt.

Warum überhaupt Normen für Technik-Dokumentation?

Normen sind von Fachleuten oft in langen Diskussionen erarbeitete Dokumente. Bei Weltnormen wie der 82079 spiegeln diese sogar eine Weltsicht wider. Damit stellen Normen „anerkannte Regeln der Technik” dar, die vertrauenswürdiger wirken als Werke eines einzelnen Experten.

In der Hoffnung, dass mit Normen ein Grundkonsens unter den Wirtschaftsbeteiligten (z.B. Produkthersteller und Produktbetreiber) hergestellt wird, werden Normen als Basis einer höheren Produktivität gesehen: Dank Normen gibt es weniger interne Diskussionen und weniger Unsicherheit. Normen konkretisieren gesetzliche Anforderungen und können bei entsprechender Ausgestaltung eine Grundlage für Ausbildung und interne Kommunikation im jeweiligen Fachgebiet sein.

Voraussetzung für die erwähnte positive Wirkung von Normen ist allerdings ein für die gedachte Zielgruppe nachvollziehbares Gesamtkonzept und die Einhaltung von Grundätzen der Verständlichkeit und Nutzerfreundlichkeit für die Normen selbst. Leider sind diese Grundsätze bei Normen oft nicht erfüllt, sodass doch wieder beliebig lange Normenkommentare von Einzelpersonen die Operationalisierung von Normen ermöglichen.

Der Nutzen dieses Beitrags

Dieser Artikel präsentiert die Norm 82079 in der neuen 2. Auflage und prüft, welche Teile der Norm 20607 zusätzliche oder andere Informationen bieten. Eine direkte, vergleichende Gegenüberstellung beider Normen halten wir für nicht sinnvoll: Das widerspricht eindeutig dem ursprünglichen unterschiedlichen Ansatz (siehe Bild oben) beider Normen. Praktisch bestätigt auch die bisher in Präsentationen vorherrschende vergleichende Gegenüberstellung beider Normen nur die Fragwürdigkeit der Norm 20607 überhaupt.

Ziele des Beitrags

Der Beitrag fasst beide Normen soweit zusammen, dass Sie einen weitgehend vollständigen Überblick über beide Normen erhalten, ohne dass Sie die Normen mit insgesamt mehr als 100 DIN-A4-Seiten lesen müssen. Abschließend und als Fazit geht der Beitrag auf die Frage ein, welche Bedeutungen beide Normen für die Technik-Dokumentation haben.

Überblick über die IEC/IEEE FDIS 82079-1:2018

Neuer professioneller Ansatz für die Norm selbst: Strukturierung und Sprache

An der Neuauflage der 82079-1 waren Vertreter der Technik-Redakteure und Berater aus dem Verband für Technische Kommunikation, tekom, initiativ beteiligt. Und das merkt man. Endlich präsentiert die Norm ein überwiegend nachvollziehbares Gesamtkonzept für Benutzerinformationen. Allerdings werden nicht ausgebildete Technik-Redakteure sich schwertun, einfache Kochrezepte aus der Norm abzuleiten: Die Norm ist von Experten für Experten geschrieben.

Leider sind den Autoren der 82079 auch einige Satzformulierungen „durchgerutscht”, die gegen grundlegende Regeln des verständlichen Schreibens verstoßen. Passivkonstruktionen und Sätze mit mehr als 45 Wörtern pro Satz und ein Flesh Reading Ease (bekannteste Lesbarkeitsformel) von weit unter 30 (Optimum: 70–100) signalisieren sprachlichen Optimierungsbedarf.

Allerdings sollten Kritiker auch bedenken, dass die Formulierung des Normentexts, bei dem oft um jedes Wort gerungen wird, keine leichte Angelegenheit ist. Bei Normen gibt es kein echtes Lektorat, bei dem z.B. eine Technik-Redaktion mit Blick auf die Zielgruppe der Normenleser den Text reviewt. Zu schwierig erscheint die Abstimmung über zahlreiche Sprachen hinweg.

In den folgenden Erklärungen sind bei den wichtigsten Schlüsselbegriffen ergänzend zu den deutschen Begriffen die originalen englischen Begriffe genannt (die Norm ist bisher noch nicht offiziell übersetzt).

Änderungen gegenüber der aktuellen Version 82079-1:2012: die wichtigsten Neuerungen

Im Vergleich zur Vorgängerversion wurden in der neuen Auflage der Edition 2 zahlreiche Änderungen vorgenommen, die wir im Folgenden näher beleuchten.

Einführung (Introduction)

Vorstellung der drei grundlegenden Informationstypen für Nutzerinformationen:

  • konzeptuelle Informationen (conceptual information),
  • instruierende oder Handlungsinformation (instructional information),
  • Nachschlageinformation (reference information).

Diese Unterteilung orientiert sich an den DITA-Topic-Typen (DITA ist die bekannteste Topic-basierende XML-Architektur)

Kapitel 4: Erfüllung der Anforderungen, die in der Norm genannt sind (Fulfilment of requirements for information for use)

Die bisherige Norm von 2012 enthielt noch eine interessante umfassende Anforderung, um einen Anspruch auf Konformität mit der Norm zu erheben: „Ein Anspruch auf Konformität mit diesem Teil der IEC 82079 kann nicht erhoben werden, es sei denn, die Gebrauchsanleitungen wurden von geeigneten qualifizierten Experten bewertet. Diese Experten dürfen nicht schon vorher beim Schreiben der Gebrauchsanleitungen oder an der Entwicklung, Gestaltung, Produktion oder Vermarktung für das fragliche Produkt beteiligt gewesen sein.”

Die neue Norm verzichtet auf diese Mussanforderung. Sie betont stattdessen, dass neben inhaltlichen Anforderungen auch der Informationsmanagementprozess Bestandteil einer Konformitätserfüllung mit der Norm sein kann bzw. sein sollte. Insgesamt wirkt das Kapitel sprachlich wenig überzeugend und wird sicher Thema zahlreicher Diskussionen werden.

Kapitel 5: Prinzipien (Principles)

Die Prinzipien sind:

  • Vollständigkeit (completeness)
  • Minimalismus (minimalism)
  • Richtigkeit (correctness)
  • Prägnanz (conciseness)
  • Verständlichkeit (comprehensibility)
  • Zugänglichkeit (accessibility)

Einsteigern fehlen vermutlich einfache nachprüfbare Regeln zu den einzelnen Themen.

Die weiteren Ausführungen zu diesem spannenden Thema finden Sie in unserem Produkt Technische Dokumentation.

 

 

Autor: Dieter Gust (Senior Consultant und Leiter Forschung und Entwicklung bei der itl AG)