News | Praxis
24.04.2016

Gefahrgutdeklaration wird dank Software sicherer

Gefahrgutdeklaration ist ein heikles Thema. Noch immer werden dabei sehr viele Fehler gemacht. 4.314 Fälle von falsch deklariertem Gefahrgut deckte die Containerreederei Hapag-Lloyd im vergangenen Jahr bei systematischen Kontrollen auf. 2014 waren es noch 2.650. Insgesamt untersuchten die Gefahrgut-Experten von Hapag-Lloyd dafür mehr als 236.000 „verdächtige“ Container, (2014: 162.000).

© damedeeso/​iStock/​Thinkstock

Durch eine fehlerhafte Gefahrgutdeklaration entstehen nicht zu unterschätzende Risiken. Nicht oder falsch deklariertes Gefahrgut an Bord eines Seeschiffes beispielsweise gefährdet

  • die Mannschaft: Wenn z. B. bei Bränden nicht klar ist, wo an Bord sich welche gefährlichen Güter befinden.
  • die Schiffe: Falsche Staupositionen (z.B. unter Deck) würden die Sicherheit des gesamten Schiffes bedrohen.
  • die Ladung: Andere Güter könnten durch Gefahrgut kontaminiert oder zerstört werden.

 

Hinsichtlich Gefahrgutdeklaration jede Buchung mit „Watchdog“ geprüft

Hapag-Lloyd will diese Risiken mit Hilfe der Technik minimieren und nutzt dazu seit 2011 die selbst entwickelte Software „Watchdog“. Die Gefahrgutspezialisten der Reederei durchsuchen damit von Hamburg aus systematisch alle Buchungen weltweit. Sechs Kataloge mit heute rund 6.000 Suchbegriffen verknüpfen bestimmte Informationen so, dass möglicherweise falsch oder gar nicht deklarierter Gefahrgutladung angezeigt wird.

Das Programm reagiert auf generische Begriffe wie „hazardous“ und „dangerous“ und forscht nach Synonymen und Handelsnamen, wie „bleaching powder“. Hinterlegt sind auch Kandidaten wie „drone“, „gun“, „Radar“ aus dem militärischen und „catalyst“,  bzw. „used“ aus dem Abfallbereich. Dazu kommen Begriffe aus der Welt der Radioaktivtät, etwa „cobalt-60“. Die Pflanzenschutzbehörde Hamburg hat weitere rund 400 Suchbegriffe beigesteuert.

Im Detail: Warum Gefahrgutdeklaration so wichtig ist

Als gefährliche Güter werden Stoffe und Produkte eingestuft, die zum Beispiel brandfördernd oder explosiv sind, die giftig, ätzend oder umweltgefährdend wirken. Eine breite Palette von Gütern zählt dazu – vom Asbest bis Zinkpulver. Selbstverständlich werden auch diese Güter transportiert, per Lkw und Bahn, im Flugzeug und auch auf Seeschiffen.

Um die Risiken überschaubar zu halten, müssen die Güter sicher verpackt und auf geeignete Weise gestaut werden. Und, ganz wichtig: Alle, die am Transport beteiligt sind, müssen wissen, dass sie es mit Gefahrgut zu tun haben. Dazu werden Versandstücke und Container mit den auffälligen Kennzeichen, Großzetteln und Warntafeln markiert und die Transportdokumente müssen Informationen zum Gefahrgut enthalten. Nur so können bei Unfällen und Zwischenfällen auf See die erforderlichen Notfallmaßnahmen eingeleitet werden.

Wird in einer Buchung einer dieser Begriffe verwendet und der Hinweis auf die Gefahrgutdeklaration fehlt oder passt nicht, gibt es ein Warnsignal.

Diese potenziellen Treffer werden täglich geprüft. So gibt es keine Verladung ohne endgültige Klärung. Die Absender sind manchmal einfach ahnungslos, manchmal aber auch sehr trickreich. So werden Abschnitte in Sicherheitsdatenblättern gelöscht, technische Bezeichnungen geändert, oder die Ware wird neu verpackt und noch mal angemeldet. Im Interesse der Sicherheit für Mannschaft, Schiff und die restliche Ladung behält sich die Reederei auch vor, bestimmte Sendungen abzulehnen.

 

Katastrophe von Tianjin und die Folgen für Gefahrguttransporte

Der Anstieg fehlerhafter Gefahrgutdeklarationen im vergangenen Jahr lässt sich nur zum Teil mit der gestiegenen Zahl der Kontrollen erklären. Ken Rohlmann, Leiter der Gefahrgutabteilung bei Hapag Lloyd, verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf das Unglück im chinesischen Hafen Tianjin. Dort kamen im August 2015 bei einem Containerbrand mit anschließenden Explosionen nach offiziellen Angaben 173 Menschen ums Leben, 797 wurden verletzt. Dieses Ereignis stellt Gefahrgut-Versender und Logistikketten bis heute auf eine enorme Belastungsprobe. Quasi über Nacht änderten chinesische Häfen ihre Gefahrgutvorschriften. Dabei ist derzeit von einheitlichen Regelungen keine Spur. Mitunter weichen die Vorgaben sogar von Terminal zu Terminal ab. Sprachbarrieren und unklare Anweisungen sorgten zusätzlich für Probleme im Tagesgeschäft.

In einigen Häfen sind Gefahrgutsendungen seit Monaten völlig unerwünscht. Reedereien haben dadurch einen erheblich höheren Planungsaufwand. Und einige Unternehmen sehen nun die einzige Chance auf reibungslose China-Transporte darin, ihre Gefahrgüter nicht mehr zu deklarieren. Die Auswertung der „Watchdog“-Treffer hat gezeigt, dass auch bisher vorschriftengetreu arbeitende Versender plötzlich durch falsche Gefahrgutdeklaration auffallen. Das schafft neue reale Risiken, kann aber für die Unternehmen auch ein juristisches Nachspiel haben.

Autor: Uta Fuchs

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