04.09.2017

VDE 0100-704:2007-10: Elektrische Anlagen auf Baustellen

Die VDE-Norm 0100-704:2007-10 ist für das Errichten von Niederspannungs-Schaltanlagen auf Baustellen bestimmt. Bei Baustellen handelt es sich um Orte, an denen Bauvorhaben ausgeführt werden. Bauvorhaben dienen dazu, auf Veranlassung eines Bauherren eine oder mehrere bauliche Anlagen zu errichten, zu ändern oder abzubrechen. Ebenso zählen die dazugehörigen Vorbereitungs- und Abschlussarbeiten mit zum Bauvorhaben bzw. zu Tätigkeiten auf Baustellen (vgl. BaustellV).

VDE 0100-704 Baustellen

Anwendungsbereich der VDE 0100-704

Typische Tätigkeiten auf Baustellen sind z.B. Bauarbeiten an neuen Bauwerken und Erweiterungen, Umbauten, Instandsetzungen oder Reparaturen von vorhandenen Bauwerken. Ebenso zählen Erdarbeiten und Arbeiten, die unter Aufsicht einer Bau– oder Projektleitung durchgeführt werden, sowie die Abbrucharbeiten am Ende des Nutzungszeitraums eines Bauwerks zu den Tätigkeiten auf Baustellen, die in den Anwendungsbereich der Norm VDE 0100-704 fallen. Ausgenommen von der Norm sind jedoch Baustellen im Anwendungsbereich von Tagebauen, Steinbrüchen und ähnlichen Betrieben wie z.B. für Förderanlagen, Bandanlagen und Pumpanlagen zur Trockenlegung oder Absenkung des Grundwasserspiegels. Diese fallen in den Anwendungsbereich der VDE 0168. Ebenso sind elektrische Anlagen von Umkleide-, Besprechungs- und Ruheräumen sowie Büros, Kantinen, Restaurants und Toiletten von Verwaltungseinrichtungen für Baustellen ausgenommen, da diese in den Anwendungsbereich der allgemeinen Teile der VDE 0100 Gruppe 100-600 fallen (normale Nutzungsbedingungen ohne erhöhte Gefährdung).

Bedingungen auf Baustellen können zu einem höheren Risiko führen

Aufgrund der erschwerten äußeren Umgebungsbedingungen (wie z.B. raue Betriebsbedingungen bzw. mechanische Einwirkungen auf elektrische Betriebsmittel, Feuchtigkeit, Niederschlag, Staub oder Dreck) besteht auf Baustellen ein erhöhtes Risiko im Umgang mit elektrischen Anlagen. Dieses Risiko besteht nicht zuletzt auch aufgrund des meist gut leitenden Kontaktes zwischen menschlichem Körper und der Erde bzw. zu leitfähigen Materialien, die mit der Erde verbunden sind. Auch ist oft der Übergangswiderstand der menschlichen Haut, z.B. durch Schweiß aufgrund körperlicher Tätigkeiten, reduziert. Die zuvor genannten Risiken erhöhen sich, wenn unsachgemäß mit elektrischen Anlagen umgegangen wird (wie z.B. bei provisorischen Elektroinstallationen). Weiterhin werden auf Baustellen die elektrischen Anlagen überwiegend von elektrotechnischen Laien genutzt, bei denen ein elektrotechnisches Gefahrenbewusstsein nicht vorausgesetzt werden kann. Die Abbildung zeigt einen Steckdosenverteiler, der durch einen Bauarbeiter ohne Gefahrenbewusstsein auf dem Dach in einer Wasserpfütze abgestellt wurde.

VDE 0100-704 Steckdose in Pfütze
Steckdosenverteiler auf dem Dach einer Baustelle in einer Wasserpfütze

Um den erhöhten Gefährdungen auf Baustellen entgegenzuwirken, sind die Anforderungen VDE 0100-704 für alle fest und beweglich errichteten Anlagen auf Baustellen während der gesamten Dauer der Bauarbeiten anzuwenden.

DGUV Information 203-006 (früher BGI 608)

Neben der VDE 0100-704 enthält jedoch die DGUV Information 203-006 vom Mai 2012 (früher BGI/GUV-I 608) „Auswahl und Betrieb elektrischer Anlagen und Betriebsmittel auf Bau- und Montagestellen“ zahlreiche, die Sicherheit verbessernde, Anforderungen an die Auswahl und den Betrieb von elektrischen Anlagen und Betriebsmitteln auf Bau- und Montagestellen. Auf die aus Sicht des Autors wichtigsten Informationen soll im Folgenden innerhalb dieses Beitrags immer dann eingegangen werden, wenn die VDE 0100-704 diesbezüglich keine näheren Angaben macht. Dies ist z.B. bei der Auslegung der Anschlussleitung der Fall. Laut DGUV I 203-006 darf die Anschlussleitung bis zur ersten Messeinrichtung (z.B. Zwischenzähler auf der Baustelle) maximal 30 m lang sein. Außerdem dürfen in dieser Zuleitung keine lösbaren Zwischenverbindungen vorhanden sein. Bei Hauptsicherungen bis einschließlich 63 A beträgt der Mindestquerschnitt dieser Anschlussleitung 16 mm2 und bei Hauptsicherungen größer 63 A mindestens 25 mm² (vgl. DGUV I 203-006).

Zusätzliche Anforderungen an Baustellenverteiler

Innerhalb der VDE 0100-704 wird noch auf die zwischenzeitlich zurückgezogene VDE 0600-501 verwiesen. Deren Nachfolger ist seit 2013 die DIN EN 61439-4 VDE 0660-600-4:2013-09 Teil 4 „Besondere Anforderungen für Baustromverteiler (BV)“.

Alle Schaltgerätekombinationen auf Baustellen, auch als Verteilerschrank (ACS) bezeichnet, müssen der DIN EN 61439-4 bzw. VDE 0660-600-4:2013-09 entsprechen. Die Norm enthält die besonderen Anforderungen an Baustromverteiler, wie z.B. Werkstoffe, Schutzarten, Luft- und Kriechstrecken, Wärmeabfuhr und Anschlussmöglichkeiten der von außen eingeführten Kabel und Leitungen. Zu den Baustromverteilern gehören:

  • Schaltgerätekombinationen, deren Bemessungsspannung 1.000 V Wechselspannung oder 1.500 V Gleichspannung nicht überschreitet
  • Schaltgerätekombinationen, bei denen sich die Primär- und die Sekundär-Nennspannung von Transformatoren, die sich in dem Bauvorhaben befinden, innerhalb der oben festgelegten Grenzen liegen
  • Schaltgerätekombinationen für den Einsatz auf Baustellen, sowohl im Innenraum als auch im Freien, wie zeitweiligen Arbeitsstätten, die im Allgemeinen der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind und auf denen Bauarbeiten, Montage-, Reparatur- oder Änderungsarbeiten oder der Abriss von Gebäuden oder Bauwerken oder Ausschachtungsarbeiten oder vergleichbare andere Arbeiten ausgeführt werden
  • transportable (vorübergehend fest montierte) oder bewegliche Schaltgerätekombinationen mit Gehäuse

Normativ besteht ein Baustellenverteiler somit aus einem oder mehreren Betriebsmitteln zum Schalten, Steuern, Messen, Melden oder Umspannen, die zu einer Einheit zusammengebaut sind. Der Baustellenverteiler übernimmt damit die folgenden vier Funktionen (vgl. DIN EN 61439-4 bzw. VDE 0660-600-4):

  • Anschlussfunktion (Anschluss des Baustellenverteilers an das öffentliche Verteilungsnetz, die Transformatorenstation oder den Baustellengenerator)
  • Messfunktion (Messen und Zählen der verbrauchten Energie auf der Baustelle zu Abrechnungszwecken)
  • Verteilerfunktion (Verteilung der elektrischen Stromkreise auf der Baustelle und Sicherstellung der Schutzmaßnahmen z.B. von Steckdosen-Endstromkreisen)
  • Transformatorfunktion (Bereitstellung von verschiedenen Spannungsebenen mittels Transformatoren sowie der dazugehörigen Schutzmaßnahmen)

Aufpassen

Die VDE 0100-704:2007-10 wird aktuell von der DKE überarbeitet. Der Entwurf trägt den Titel E DIN VDE 0100-704 bzw. VDE 0100-704:2016-12 „Errichten von Niederspannungsanlagen Teil 7-704: Anforderungen für Betriebsstätten, Räume und Anlagen besonderer Art – Baustellen (IEC 64/2088/CDV:2016); Deutsche Fassung FprHD 60364-7-704:2016“.

Die Einspruchsfrist ist seit Januar 2017 abgelaufen. Laut DKE soll es folgende Änderungen geben:

  • Angleichung des formalen Aufbaus / der Abschnittnummerierung an die aktuell gültigen Teile 100 bis 600 der Normenreihe VDE 0100;
  • Hinweise zu Abständen zu Freileitungsanlagen aufgenommen;
  • Vorgaben zu den zu verwendenden Leitungsbauarten erweitert;
  • Festlegung zur Verwendung von Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen (RCDs) Typ B bei Drehstrom-Steckdosen aufgenommen;
  • Vorgaben zu Einrichtungen zum Trennen von der Einspeisung in Baustromverteilern erweitert;
  • Hinweise zur Überprüfung des Zustands der elektrischen Anlage aufgenommen.

Mit Inkrafttreten der neuen Norm ist noch im Laufe des Jahres 2017 zu rechnen.

Autor: Dipl.-Ing. B.A. Christoph Schneppe (FH)