22.02.2018

Erstprüfung: In welchem Umfang muss geprüft werden?

Soweit es sinnvoll ist, sollte jede Anlage während sie errichtet wird und/oder nach ihrer Fertigstellung geprüft werden. So soll nachgewiesen werden, dass die Anforderungen der DIN VDE 0100 erfüllt sind. Doch in welchem Umfang muss geprüft werden? Erfahren Sie mehr in unserem Fachbeitrag.

Prüfung

Vorgeschriebener Umfang der Prüfung

Der Umfang einer Erstprüfung bzw. Prüfung ergibt sich aus den Vorgaben in DIN VDE 0100-600. Dort heißt es sinngemäß:

„Jede Anlage muss, soweit wie dies sinnvoll ist, während der Errichtung und/oder nach ihrer Fertigstellung geprüft werden, um nachzuweisen, dass die Anforderungen der DIN VDE 0100 erfüllt sind.“

  • Zu beachten ist, dass demnach nicht nur die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen gegen elektrischen Schlag nach Teil 410, sondern aller nach DIN VDE 0100 errichteten Schutzmaßnahmen (Gruppe 400) sowie
  • das Einhalten der anderen Vorgaben dieser Norm, z.B. der Normengruppe 500 (Errichtung von Betriebsmitteln) sowie der Normengruppe 700 (Anlagen in besonderen Betriebsstätten) nachzuweisen ist.

Gleichartige ergänzende Festlegungen zur Prüfung finden sich z.B. in den Normen für Anlagen in speziellen Betriebsstätten wie z.B. Prüffelder (DIN VDE 0104) sowie in den ggf. geltenden gesetzlichen Vorgaben.

Prüfverfahren

Während die Prüfverfahren zum Nachweis der Wirksamkeit des Schutzes gegen elektrischen Schlag in DIN VDE 0100-600 ausführlich erläutert werden, hat der Prüfer weitgehend selbst zu entscheiden, wie er die Wirksamkeit der anderen Schutzmaßnahmen nachweist.

Inwieweit sich aus der Art oder der Funktion der Anlage die Notwendigkeit ergibt, im Zusammenhang mit der Erstprüfung weitere Einzelprüfungen zum Nachweis der Wirksamkeit von mechanischen oder anderer nicht elektrischer Schutzmaßnahmen vorzunehmen, ist ebenfalls vom Prüfer zu entscheiden. Derartige Prüfungen werden hier nicht behandelt.

Nachweis der Sicherheit

Es ist somit bei allen in der Anlage angewandten bzw. eingesetzten Schutzmaßnahmen und Sicherheitseinrichtungen zu prüfen, ob sie

  • den Vorgaben der Normen entsprechend wirksam werden,
  • ordnungsgemäß errichtet worden sind und somit
  • die Anlage nach dem Geräte- und Produktsicherheitsgesetzin den Verkehr gebracht“ bzw. nach der Betriebssicherheitsverordnungin Betrieb genommen“ werden darf.

Dokumentieren der Prüfergebnisse

Diese Prüfung muss so organisiert und so vorgenommen werden, dass der Prüfer mit dem Protokoll bestätigen kann:

Die Anlage entspricht den technischen Regeln (Errichtungsnormen) und ruft bei bestimmungsgemäßer Anwendung keine Gefährdungen hervor.

Darüber hinaus gehört zur Prüfung nach DIN VDE 0100-600, dass bei einer Erweiterung oder Änderung

  • deren Übereinstimmung mit den Normen und
  • der Erhalt der normgerechten Sicherheit der vorhandenen Anlage nachgewiesen wird,
  • die Übereinstimmung mit den Vorgaben auch dann festgestellt wird, wenn dies nicht ausdrücklich gefordert wird und/oder dafür keine Prüf-/Messverfahren angegeben werden.

Dass die Anlagenteile funktionieren und/oder die vorgegebenen Kennwerte einhalten, ist nach DIN VDE 0100-600 nur bezüglich sicherheitstechnischer Belange nachzuweisen. Der Nachweis von Leistungsparametern (Probelauf, Leistungsabnahme) oder des Einhaltens vertraglicher Vereinbarungen gehört nicht zur Prüfung nach DIN VDE 0100-600; Derartiges ist gesondert zu vereinbaren.

Der Umfang der Prüfung ist außerdem abhängig von den für die zu prüfende Anlage und ihre Betriebsmittel ergänzend zu DIN VDE 0100-600 geltenden Festlegungen in anderen Normen.

Es bleibt dem Prüfer überlassen, wie er diese Vorgaben erfüllt. Niemand, weder der Vorgesetzte noch der Auftraggeber, können ihm vorschreiben, was und wie im Einzelnen zu prüfen ist.

Auch die in den Prüfnormen angegebenen Prüfverfahren sind Empfehlungen für den Prüfer. Ob alle diese oder andere Prüfschritte an einem oder an allen Anlagenteilen vorgenommen werden müssen, und auch, ob sie immer ausreichen, um zu einer Beurteilung zu kommen oder ob sie ergänzt werden müssen, das ist vor Ort zu entscheiden.

Es gilt im Prinzip auch hier die in DIN VDE 0105-100 für eine Wiederholungsprüfung getroffene Festlegung:

Der Umfang wiederkehrender Prüfungen … darf je nach Bedarf und nach den Betriebsverhältnissen auf Stichproben sowohl in Bezug auf den örtlichen Bereich (Anlagenteile) als auch auf die durchzuführenden Maßnahmen beschränkt werden, soweit dadurch eine Beurteilung des ordnungsgemäßen Zustands möglich ist.

Ähnlich kommt es in DGUV Vorschrift 3 zum Ausdruck:

Eine elektrotechnische Regel – also auch die Vorgaben der Prüfnormen – gilt als eingehalten, wenn eine andere ebenso wirksame Maßnahme getroffen wird.

Somit muss der Prüfer bei jeder zu prüfenden Anlage entscheiden, wie umfangreich die Prüfung oder die einzelnen Messungen sein müssen, mit welchen Prüfmethoden/Prüfmitteln er arbeitet und ob ihm Stichproben ausreichen, um den Zustand der gesamten Anlage beurteilen zu können.

Es ist nicht zulässig, eine Elektrofachkraft z.B. mit einer Prüfanweisung wie folgt oder ähnlich zu beauftragen, die Prüfung in Form von Stichproben vorzunehmen wie z.B.:

  1. Je Zimmer ist nur eine Steckdose zu öffnen.
  2. An jedem Potenzialausgleich und an einer Klemmverbindung ist nur eine Widerstandsmessung vorzunehmen.
  3. Nur bei den FI-Schutzschaltern mit dem Bemessungstrom IΔN = 30 mA ist es erforderlich, den Auslösestrom zu ermitteln.

Denn nur allein der verantwortliche Prüfer kann vor Ort erkennen, worauf (nicht) verzichtet werden kann. Außerdem darf er auch „… keiner Weisung von Personen unterliegen …, die nicht für die jeweilige Prüfung als Elektrofachkraft (Arbeitsverantwortlicher) eingesetzt wurden“ (Zitat sinngemäß nach VDE 1000-10). Dies entspricht der Vorgabe in [2], nach der die „… befähigte Person in ihrer Prüftätigkeit keinen fachlichen Anweisungen unterliegt …“.

Maßstab ist die Sicherheit für den Nutzer beim Betreiben der Anlage. Zu beachten ist weiterhin, dass die Nutzfunktion der Anlagen und Betriebsmittel insoweit erfasst werden muss, wie sie direkt die Sicherheit betrifft (z.B. Not-Aus-Einrichtung, FI-Schutzschalter, Verriegelung) oder eine Gefährdung hervorrufen kann (z.B. Drehbewegung, Überhitzung).

Erfahrung des Prüfers

Der Prüfer muss den Umfang der Prüfung auf der Grundlage seiner Kompetenz, seiner Erfahrungen und unter Beachtung der Vorgaben in Gesetzen und Normen so festlegen, dass er letztlich mit gutem Gewissen feststellen kann:

Die geprüfte Anlage gestattet zum Zeitpunkt der Prüfung einen sicheren Betrieb. Ihr Zustand bietet erfahrungsgemäß die Gewähr, dass die Sicherheit bei bestimmungsgemäßem Anwenden auch künftig – bis zur nächsten vorgeschlagenen Wiederholungsprüfung – nach menschlichem Ermessen gewährleistet ist.

Die Prüfung der elektrischen Anlage muss beginnend bei der Einspeisung bis zu den Steckdosen erfolgen und alle ihre Teile umfassen.

Die Prüfung schließt selbstverständlich alle fest mit der Anlage verbundenen Verbrauchsgeräte, Arbeitsmittel, Maschinen und Maschinensteuerungen ein. Ausgenommen sind lediglich Anlagenteile, z.B. Informationsanlagen, die keine elektrische Gefährdung hervorrufen und von der Versorgungsanlage elektrisch sicher getrennt sind, soweit sie keine Sicherheitsfunktion für die übrige elektrische Anlage haben.

Zur Prüfung gehört auch der Nachweis, dass andere Anlagen (Blitzschutz-, Antennen-, Heizungsanlagen, Hausanlagen wie Fahrstuhl usw.) keine schädigenden Einflüsse durch z.B. zu geringe Abstände, Oberwellenströme oder fehlenden Potenzialausgleich auf die zu prüfende Anlage haben.

Sollen Anlagenteile oder Sonderanlagen von der Prüfung ausgenommen werden, z.B. weil deren Prüfung von einer Spezialfirma vorgenommen werden muss, so ist dies ausdrücklich im Auftrag und im Protokoll der Prüfung zu vermerken.

Ortsveränderliche Geräte sind bei ihrer Benutzung ebenso wie die ortsfest angeschlossenen Geräte und Maschinen ein Teil der Anlage. Da sie

  • im Fehlerfall Funktion und Sicherheit der Anlage beeinflussen können oder
  • möglicherweise ein Fehler in der Anlage erst bei ihrem Einsatz zu erkennen ist,

gehört ihre Prüfung – sicherheitstechnisch gesehen – mit zur Prüfung der Anlage. Eine solche gemeinsame Prüfung ist jedoch nur dann sinnvoll bzw. erforderlich, wenn eine Aussage über die Sicherheit der Anlage nur auf diese Weise zu erhalten ist.

Ortsfest angeschlossene Gebrauchsgeräte oder Maschinen können mit der Anlage, aber – unter Beachtung der eben genannten Aspekte – auch von der Anlage getrennt und gesondert geprüft werden.

Der Umfang der Prüfung wird natürlich auch von der Zielstellung bzw. der Gründlichkeit des Prüfers bzw. von der Aufgabenstellung des Betreibers beeinflusst.

Zu berücksichtigen sind ebenfalls Prüfaufgaben, die sich aus den einzelnen, nicht immer offensichtlichen oder dem Prüfer nicht immer bekannten Vorgaben der Errichtungsnormen ergeben.

Autor: Dipl.-Ing. Klaus Bödeker