18.09.2017

Die neue Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor elektromagnetischen Feldern (EMFV)

Am 19.11.2016 ist die Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch elektromagnetische Felder (Arbeitsschutzverordnung zu elektromagnetischen Feldern – EMFV) in Kraft getreten. Adressat der EMFV ist – wie bei allen Arbeitsschutzverordnungen – zwar der Arbeitgeber, in der Praxis dürfte die Verordnung aber in erster Linie die zuständigen Elektrofachkräfte (EFKs) angehen. Im nachfolgenden Beitrag zeigen wir Ihnen deshalb, welche wichtigen Inhalte die neue EMFV hat, wie die einzelnen Vorschriften zu verstehen und wie sie im betrieblichen Umfeld umzusetzen sind.

Recht

Wichtiger Hinweis

Bei der EMFV handelt es sich um eine reine Arbeitsschutzverordnung. Die vielen Elektrofachkräften bekannte Verordnung über elektromagnetische Felder (26. BImSchV) ist dagegen eine reine Umweltvorschrift. Diese beinhaltet Anforderungen zum Schutz der Allgemeinheit und der Nachbarschaft vor schädlichen Umwelteinwirkungen und zur Vorsorge gegen schädliche Umwelteinwirkungen durch elektrische, magnetische und elektromagnetische Felder bzw. zur elektromagnetischen Umweltverträglichkeit.

Ziele der neuen EMFV

Basis für die EMFV bildet die EU-Richtlinie 2013/35/EU über Mindestvorschriften zum Schutz von Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer vor der Gefährdung durch physikalische Einwirkungen (elektromagnetische Felder) (EMF-Richtlinie). Die Umsetzung der europäischen Vorgaben in deutsches Recht durch die Bundesregierung erfolgte im November 2016 in Form einer sogenannten Artikelverordnung, die aus vier Artikeln besteht.

  • Artikel 1 setzt alle Teile der Richtlinie 2013/35/EU zu elektromagnetischen Feldern um (mit Ausnahme der Gesundheitsüberwachung, dies geschah bereits über die Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge – ArbMedVV).
  • Artikel 2 enthält Änderungen der Lärm– und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LärmVibrationsArbSchV).
  • Artikel 3 enthält Änderungen der Arbeitsschutzverordnung zu künstlicher optischer Strahlung (OStrV).
  • Artikel 4 regelt das Inkrafttreten.

Die EMFV des Artikels 1 stützt sich dabei auf das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG). Wie üblich war die Bundesregierung mit der Umsetzung des Termins allerdings wieder nachlässig. Eigentlich hätte die Richtlinie 2013/35/EU nämlich bis spätestens 01.07.2016 in deutsches Recht überführt werden müssen.

Wesentlicher Inhalt der EMFV

Die EMFV regelt nach Angaben der Bundesregierung

der Beschäftigten vor Gefährdungen durch elektromagnetische Felder bei Tätigkeiten am Arbeitsplatz.

Der Arbeitgeber muss auf der Grundlage des Arbeitsschutzgesetzes eine Gefährdungsbeurteilung durchführen und diesbezüglich geeignete Maßnahmen für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten ergreifen. Dazu legt die EMFV

  1. Expositionsgrenzwerte und
  2. Auslöseschwellen

fest, um Gefährdungen durch direkte und indirekte Wirkungen infolge der Einwirkung von elektromagnetischen Feldern zu vermeiden.

Aufpassen

Es wird hier vom Verordnungsgeber angemerkt, dass sich Expositionsgrenzwerte und Auslöseschwellen nur auf Kurzzeitwirkungen von elektromagnetischen Feldern beziehen. Dies wird damit begründet, dass bisher kein wissenschaftlicher Nachweis für Langzeitwirkungen von elektromagnetischen Feldern vorliegt.

Elektromagnetische Felder im Sinne der Richtlinie 2013/35/EU

Laut EU-Arbeitsschutzvorgaben sind alle Arbeitgeber verpflichtet, die Gefährdung, die von den Tätigkeiten in ihrer Arbeitsstätte ausgeht, zu beurteilen sowie Schutz- und Präventionsmaßnahmen zur Verringerung der ermittelten Risiken zu ergreifen. Die Richtlinie 2013/35/EU wurde eingeführt, damit Arbeitgeber ihren allgemeinen Pflichten aus der Rahmenrichtlinie im speziellen Fall von elektromagnetischen Feldern am Arbeitsplatz leichter nachkommen können. Elektromagnetische Felder sind in der Richtlinie 2013/35/EU als statische elektrische, statische magnetische sowie zeitvariable elektrische, magnetische und elektromagnetische Felder mit Frequenzen bis 300 GHz definiert. Sie entstehen durch eine Vielzahl von Quellen, mit denen Arbeitnehmer am Arbeitsplatz zu tun haben können. Elektromagnetische Felder werden bei unterschiedlichen Arbeiten und Tätigkeiten erzeugt und genutzt, z.B.:

  • in Fertigungsprozessen
  • in der Forschung
  • bei der Kommunikation
  • in medizinischen Anwendungen
  • bei der Erzeugung, Übertragung und Verteilung von Strom
  • im Rundfunk
  • bei der Navigation in Luft- und Schifffahrt
  • im Sicherheitsbereich

Sie können auch zufällig auftreten, wie Felder, die in der Nähe von Stromleitungen in Gebäuden entstehen oder durch den Gebrauch elektrischer Geräte und Arbeitsmittel hervorgerufen werden. Da die meisten Felder elektrisch erzeugt werden, sind sie nach Abschalten des Stroms nicht mehr vorhanden. Die Richtlinie 2013/35/EU thematisiert die nachgewiesenen direkten Wirkungne und indirekten Auswirkungen elektromagnetische Felder – gesundheitliche Langzeitwirkungen bleiben, wie oben schon angesprochen, unberücksichtigt. Die direkten Wirkungen werden in

  • nicht thermische Wirkungen (z.B. Stimulation von Nerven, Muskeln oder Sinnesorganen) und
  • thermische Wirkungen (z.B. Gewebeerwärmung)

unterteilt. Direkte Wirkungen von statischen und niederfrequenten elektromagnetischen Feldern können bei exponierten Beschäftigten die Funktion des zentralen oder peripheren Nervensystems beeinträchtigen und zu Schwindelgefühl, Übelkeit, metallischem Geschmack im Mund und zu Magnetophosphenen (Lichtempfindungen auf der Netzhaut) führen. Direkte Wirkungen von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern (z.B. Rundfunk-, Mobilfunk- und Radaranwendungen) können bei Überexpositionen zu Gewebeschäden bis hin zu schweren Verbrennungen führen. Indirekte Auswirkungen ergeben sich, wenn das Vorhandensein eines Gegenstands in einem elektromagnetischen Feld eine Gefahr für Sicherheit oder Gesundheit bildet. Die indirekten Auswirkungen sind z.B.:

  • Störungen bei elektronischen medizinischen Vorrichtungen und anderen Geräten
  • Beeinflussung von aktiven implantierten medizinischen Geräten oder Ausrüstungen, z.B. Herzschrittmacher oder Defibrillatoren
  • Störungen bei am Körper getragenen medizinischen Geräten wie Insulinpumpen
  • Beeinflussung von passiven Implantaten (künstliche Gelenke, Stifte, Drähte oder Metallplatten)
  • Auswirkungen auf Geschosssplitter, Piercings, Tätowierungen und Körperkunst
  • Verletzungsrisiko durch die Projektilwirkung loser ferromagnetischer Gegenstände in statischen Magnetfeldern
  • unbeabsichtigte Auslösung von Detonatoren
  • Brände und Explosionen durch die Entzündung von entzündlichen oder explosiven Materialien
  • Stromschläge oder Verbrennungen durch Kontaktströme, wenn eine Person einen leitfähigen Gegenstand in einem elektromagnetischen Feld berührt und nur entweder die Person oder der Gegenstand geerdet ist.

 

 

Autor: Ernst Schneider