06.12.2019

Der Prozessmanager Elektrotechnik

Die Elektrofachkraft (EFK) ist heute nicht mehr ausschließlich fachlich gefordert. Mittlerweile umfasst das Tätigkeitsfeld alle Prozesse, beginnend mit der Bedarfsermittlung beim Kunden und der Auftragsannahme, der technologischen Umsetzung, Einkauf, Logistik, Beschreibung der erforderlichen Arbeitsprozesse, bis hin zur umweltverträglichen Entsorgung.

Prozessmanager

Eine neue Weiterbildung für Elektrofachkräfte

Um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden, gibt es nun für Fachkräfte im Bereich Elektrotechnik zur Meister- und Techniker-Ausbildung eine weitere gleichwertige Möglichkeit, sich im Rahmen der Aufstiegsfortbildung zu qualifizieren: den Prozessmanager Elektrotechnik (IHK).

Warum wurde eine neue Fortbildung ins Leben gerufen?

Im Gegensatz zum Industriemeister, dessen Handlungsschwerpunkt eher in der Führung von Arbeitsgruppen in der Produktion liegt, und dem Techniker, der häufig in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen zur Unterstützung von Ingenieurteams oder in der Arbeitsvorbereitung eingesetzt ist, bietet der Prozessmanager Elektrotechnik (IHK) hier einen völlig anderen Ansatz.

Im Berufsbild des Prozessmanagers sollen gerade bisher vernachlässigte Themen wie Qualitätssicherung, Prozessoptimierung bzw. das Generieren verfahrenstechnischer Prozesse, Analyse von Marktstudien, Entwicklung von Dienstleistungskonzepten bei gleichzeitiger Kostenüberwachung und temporärer Übernahme von Personalprozessen berücksichtigt werden.

Ausrichtung auf Arbeitsprozesse

Die starke Ausrichtung auf Arbeitsprozesse unterscheidet den neuen Lehrgang von den etablierten Weiterbildungen. Die Kenntnisse der Spezialisten werden vor allem bei Herstellern von elektrotechnischen Anlagen und Geräten oder Dienstleistern für diese Produkte nachgefragt sein. Hier übernehmen die Prozessmanager Elektrotechnik (IHK) prozessbezogen Führungsaufgaben. Die dazu erforderlichen Kenntnisse im Personal- und Projektmanagement werden ebenfalls im Lehrgang vermittelt.

Der zeitliche Umfang von etwa 1.000 Unterrichtsstunden ist mit dem des Industriemeisters vergleichbar, wobei beim Prozessmanager kognitive Fähigkeiten ausdrücklich gefördert werden sollen. Dazu kann die Schulungsmaßnahme im Wechsel von Präsenzphasen und Selbststudienphasen stattfinden. Zusätzlich ist eine betriebliche Projektarbeit durchzuführen und zu dokumentieren.

Vorteile der Fortbildung zum Prozessmanager gegenüber anderen Weiterbildungsgängen

Innovation und Flexibilität

Innovation und Flexibilität sind prägende Merkmale der Ausbildung zum Prozessmanager.

Die neue Weiterbildungsform des Prozessmanagers basiert auf arbeitsprozessorientiertem Lernen in einem der drei Handlungsfelder Entwicklung, Produktion oder Service. Die betriebliche Projektarbeit in der Fortbildung ermöglicht es dabei dem angehenden Prozessmanager, erlernte Inhalte in einem konkreten betrieblichen Projekt umzusetzen und damit seinen Lernerfolg in der angewandten Praxis gegenüber sich selbst, aber auch gegenüber dem Arbeitgeber transparent werden zu lassen. Andererseits können dadurch reale betriebliche Aufgaben sinnvoll als Prüfungsprojekt abgebildet werden.

Rechtliche Voraussetzungen zur Prüfungszulassung

Der klassische Weg zur Fortbildungsprüfung des Prozessmanagers Elektrotechnik führt über einen anerkannten Elektroberuf, der zusammen mit einer einschlägigen Berufserfahrung einen Mindestzeitraum von vier Jahren bis zur ersten Teilprüfung einschließen muss.

Ein Abschluss in einem beliebigen staatlich anerkannten Ausbildungsberuf kann mit einschlägiger Berufserfahrung in einem Gesamtzeitraum von fünf Jahren zur Prüfungszulassung führen.

Eine weitere Zugangsmöglichkeit ergibt sich durch eine mindestens fünfjährige einschlägige Berufserfahrung.

Anforderungen

An die Berufspraxis werden dabei folgende Anforderungen gestellt:

  1. wesentliche Bezüge zu den Aufgaben eines Prozessmanagers oder einer Prozessmanagerin Elektrotechnik und Qualifikation eines der Elektrotechnik-Spezialisten oder
  2. eine fachlich und nach Breite und Tiefe entsprechende nachweisbare Qualifikation, z.B. eine Zusatzausbildung zur Elektrofachkraft für festgelegte Tätigkeiten (EFKffT), besser jedoch zur Elektrofachkraft (EFK).

Spezialistenprofil der beruflichen Tätigkeit eines Experten

Für die berufsnahe Tätigkeit ist vom Unternehmen jeweils eine Spezialistenbescheinigung zu erstellen. Zum einen werden darin die Einsatzschwerpunkte des Prüfungsteilnehmers charakterisiert, zum anderen kann diese Unterlage als Gesprächsgrundlage für den Betrieb und den Prüfungsteilnehmer bezüglich der späteren betrieblichen Projektarbeit im Unternehmen dienen (in der Regel stellt der Bildungsanbieter eine Musterbescheinigung zur Verfügung).

Schwerpunkte im Vorbereitungskurs

Rahmenlehrplan

Für die Qualifizierung in den Arbeitsprozessen und -aufgaben beschreibt der Rahmenlehrplan des Prozessmanagers Elektrotechnik folgende handlungsübergreifende Fachthemen als Lernziele:

  • Datenkommunikation und Schnittstellenfunktionalität, IT-Sicherheit
  • Verfahrens-, Fertigungs- und Prozessautomation (Safety-Lösungen)
  • Antriebssysteme und Elektromobilität
  • Gebäude- und Infrastruktursysteme
  • Energieerzeugung, -speicherung, -verteilung (intelligentes Stromnetz (engl. smart grid))
  • Lösungen für Automotive-Systeme
  • Steuerungssysteme der Pneumatik, Hydraulik und Elektrotechnik
  • industrielle Bussysteme, Prozessleitsysteme
  • Sensorik- und Aktoriksysteme
  • Kenntnisse gesetzlicher Vorschriften und Regelwerke

Die Aufgaben des Personalmanagements werden in folgenden Punkten vertieft:

  • Personalbedarfsermittlung
  • Methoden der Personalgewinnung
  • Arten von Personalauswahlgesprächen
  • Gestaltung von Arbeitsverträgen
  • Ermittlung der Personalkosten
  • Planung des Personaleinsatzes
  • Grundlagen der Personalführung und Teamgestaltung
  • Erstellen von Qualifizierungskonzepten
  • Planen und Organisieren von Einarbeitung, Praktika, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen
  • Durchführen der Mitarbeiterbeurteilung
  • Beendigen von Arbeitsverhältnissen, Erstellen von Zeugnissen
  • Kenntnisse in Arbeits- und Tarifrecht

Gliederung der Abschlussprüfung

Die Inhalte des Rahmenlehrplans werden in einer dreiteiligen öffentlich-rechtlichen Prüfung abgeprüft:

  1. Prozess- und Projektmanagement
  2. handlungsübergreifende Fachaufgaben
  3. Personalmanagement

Prüfungsteil 1

Der Prüfungsteil 1 fügt sich als betriebliche Projektarbeit an realen betrieblichen Prozessen zwischen den betrieblichen Auftrag der Facharbeiterprüfung und der Bachelorarbeit als Abschlussarbeit des Studiums ein. Im Rahmen dieser Qualifizierung sind die aufgeführten Arbeitsprozesse eigenständig durchzuführen, eine prozessbegleitende Dokumentation anzufertigen, in einer Präsentation eine zusammenhängende Darstellung der durchgeführten Tätigkeiten und des Kompetenzerwerbs aufzuzeigen und darüber ein Fachgespräch zu führen.

Die betriebliche Projektarbeit kann in einem der drei Handlungsfelder Entwicklung, Produktion oder Service erstellt werden.Dazu ist zunächst beim Prüfungsausschuss ein Vorschlag einzureichen, welchen dieser mit einem Beratungsgespräch begleitet und mit einer Zielvereinbarung über die durchzuführenden Arbeiten zur Bearbeitung freigibt.

Anschließend ist nach längstens einem Jahr eine schriftliche Dokumentation über die Projektarbeit zu erstellen. Die Inhalte der Dokumentation präsentiert der Prüfungsteilnehmer dem Prüfungsausschuss in selbstgewählter Form und verteidigt seine Arbeit abschließend in einem Fachgespräch.

Die Dokumentation soll wenigstens folgende Punkte enthalten:

  • eine detaillierte Aufgabenbeschreibung
  • Auftragsplanung mit Kostenrechnung
  • Beschreibung des Umweltschutzes und der Arbeitssicherheit
  • Testen und Inbetriebnahme
  • technische Unterlagen
  • Einhaltung der Qualitätsstandards
  • Optimierung, Bewertung und Evaluierung von Arbeitsprozessen

Prüfungsteil 2

Im Prüfungsteil 2 „Handlungsübergreifende Fachaufgaben“ soll der Prüfungsteilnehmer in der ersten Situationsaufgabe technische Spezifikationen in Form eines Lastenhefts erstellen können. Dabei werden Aufgaben der Arbeitsplanung und -durchführung unter technischen, organisatorischen, betriebswirtschaftlichen und personellen Gesichtspunkten erfasst und dokumentiert. In der zweiten Situationsaufgabe sind dazu technische Lösungen in Form eines Pflichtenhefts zu erarbeiten.

Prüfungsteil 3

Im Prüfungsteil 3 „Personalmanagement“ weist der Prüfungsteilnehmer die Befähigung nach, situativ also im Rahmen eines Projekts sowohl Personalbedarf, Personaleinsatz als auch die Personalführung unter Beachtung der betrieblichen Vorgaben bzw. der arbeits- und tarifrechtlichen Bestimmungen bearbeiten zu können.

Status des Abschlusses zum Prozessmanager im nationalen Vergleich

Im deutschen Qualifikationsrahmen DQR wird die schulische Ausbildung der beruflichen Ausbildung gegenübergestellt. Der Abschluss zum Prozessmanager (operative professionel) ist dabei in seiner beruflichen Handlungskompetenz mit dem Status eines Bachelorabschlusses im wissenschaftlichen Bereich vergleichbar (vgl. Tabelle Zeile 6).

Tab. 1: Der Prozessmanager im deutschen Qualifikationsrahmen DQR (Quelle: DQR) – Einordnung zukünftiger formaler kompetenzorientierter Abschlüsse

Deutscher Qualifikationsrahmen (DQR)
Handlungsfähigkeit Ausbildung Fortbildung
8 Kann in unstrukturierten unvorhersehbaren Handlungsfeldern gemäß allgemeiner Ziele und Herausforderungen Problemstellungen aus komplexen Aufgabengebieten bewältigen, die innovative Lösungen und strategisches Denken erfordern. Hat dabei weitgehende Wahlmöglichkeiten und Handlungsspielräume. Promotion Postgraduate-Programme, Abschlüsse internationaler Business Schools u.Ä.
7 Kann in unstrukturierten, teilweise unvorhersehbar wechselnden Handlungsfeldern für Problemstellungen aus komplexen Aufgabengebieten nach Zielvorgaben neue Lösungen finden oder bestehende Lösungen substanziell weiterentwickeln. Entscheidet selbstständig und hat weitgehende Handlungsspielräume. Master (konsekutiv, fachübergreifend) Master (berufsbegleitend), strategische Professionals, Betriebswirte u.Ä.
6 Kann in teilweise unstrukturierten und häufig wechselnden Handlungsfeldern umfangreiche Aufgaben gemäß Zielvorgaben bewältigen, die den Transfer von Lösungsmustern oder ihre Weiterentwicklung erfordern. Entscheidet selbstständig und hat dabei Handlungsspielräume. Bachelor Operative Professionals, Experten, Fachwirte, Meister u.Ä.
5 Kann in teilweise unstrukturierten oder wechselnden Handlungsfeldern Aufgaben nach allgemeinen Anweisungen bewältigen, die die Kombination bekannter Lösungsmuster erfordern. Entscheidet über Alternativen und hat dabei Handlungsspielraum. Berufsausbildung in komplexen Anforderungsprofilen Spezialisten u.Ä.

 Aufgaben des Prozessmanagers

Entwicklung

Im Handlungsfeld Entwicklung analysiert der Prozessmanager Marktstudien und innovative Technologien im Hinblick auf neue Produkte, Systeme bzw. Dienstleistungen. Er definiert technische Schnittstellen, erstellt und testet Hard- und Softwarekomponenten auf Zukunftsfähigkeit. Er überwacht das Änderungs- und Freigabemanagement und treibt Verbesserungsprozesse an.

Produktion

Im Handlungsfeld Produktion setzt der Prozessmanager Ideen für neue und weiterzuentwickelnde Produktionsprozesse um. Er ist in die Produktionsplanung und -steuerung eingebunden. Er bewertet die Produktionsprozesse hinsichtlich Qualität, Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit. Er entscheidet dazu über Eigenproduktion, Produktion im Produktionsnetzwerk oder Einkauf der Leistung.

Service

Im Handlungsfeld Service entwickelt der Prozessmanager neue Konzepte und Dienstleistungsstrategien. Er unterstützt den technischen Vertrieb oder organisiert Serviceeinsätze. Dabei begleitet er sowohl Inbetriebnahmen als auch Instandhaltungsmaßnahmen. Er optimiert Kundenanlagen unter Berücksichtigung des Qualitätsaspekts. Er konzipiert zusätzliche Serviceleistungen oder steigert das Servicelevel. Er führt Kundenschulungen durch.

Die Fortbildung zum Prozessmanager bietet eine zeitgemäße Fortbildung mit aktuellen technischen Inhalten, die im Rahmenlehrplan bewusst sehr offen gestaltet wurden, um jederzeit sowohl bekannte als auch zukünftige Technologien ansprechen zu können.

Bei der Durchführung der Lehrgänge kommen neben den klassischen Weiterbildungsveranstaltungen in Form von Seminaren, Kursen und Lehrgängen auch arbeitsintegrierte/arbeitsplatznahe Formen der betrieblichen Weiterbildung, wie geplante Phasen der Weiterbildung am Arbeitsplatz, selbstgesteuertes Lernen und Informationsveranstaltungen zum Einsatz.

Die Prüfungsteile sind inhaltlich vernetzt und werden anhand von praxisbezogenen Situationsaufgaben abgeprüft. Die betriebliche Projektarbeit erweitert und vertieft die aus den Ausbildungsberufen bereits bekannten betrieblichen Aufträgen, welche direkt am Arbeitsprozess im Unternehmen abgebildet werden. Durch das klare Profil grenzt sich dieses Weiterbildungskonzept deutlich von den bekannten Strukturen ab bzw. ergänzt diese.

Bezüglich der Förderfähigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung hat die Bundesregierung den Lehrgang zum Prozessmanager Elektrotechnik für das „Weiterbildungs-BAföG“ (auch Meister-BAföG genannt) den bereits bekannten Schulungen gleichgestellt.

Autor: Hans-Jörg Bauer