25.05.2020

Wissenschaftler sehen Deutschland für „Nach-Corona“ gut aufgestellt

Corona – die Pandemie könnte offenbar bessere Auswirkungen haben als bisher angenommen. Sie könnte für eine stärkere Diversifizierung der deutschen Lieferketten sorgen. Bei sensiblen Importen wie Medizingütern sei das empfehlenswert. Lieferausfälle könnten drastische Folgen haben.

Nach-Corona

Deutschland auf Lieferausfälle vorbereitet

Deutschland ist auf mögliche Lieferausfälle vorbereitet. Knapp 89 Prozent aller Güter werden aus elf oder mehr Ländern importiert. Zu diesem Ergebnis kommen die Wirtschaftswissenschaftler Rahel Aichele, Martin Braml und Lisandra Flach im „ifo Schnelldienst“.

Nur 3,6 Prozent aller Güter werden ihnen zufolge aus fünf oder weniger Ländern bezogen, davon 44 Prozent aus Ländern innerhalb der EU. Unter den Produkten aus fünf oder weniger Ländern werden die USA und die Schweiz häufiger genannt als China oder Mexiko. Die Güter, die ausschließlich aus einem Land kommen, umfassten weniger als ein Prozent aller Produkte und weniger als 0,1 Prozent des gesamten Importwertes.

Freier Warenverkehr für wirtschaftlichen Neustart

Allerdings halten die Wissenschaftler einen freien Warenverkehr innerhalb Europas für den wirtschaftlichen Neustart nach der Corona-Pandemie für erforderlich. In Deutschland fänden 17 Prozent der Produktion über internationale Wertschöpfungsketten statt. Das sei deutlich mehr als in vielen anderen Ländern. Für Deutschland nehme das Produktionsnetz Europa eine überragende Rolle ein, die deutschen Wertschöpfungsketten seien vor allem regional geprägt.

Einbindung Europas in Lieferketten

Deutschland und die EU sind stärker in internationale Lieferketten eingebunden als China und die USA, aber auch als der Durchschnitt aller Länder weltweit. So habe 2015 nur etwa 69 Prozent der deutschen und 71,8 Prozent der EU-Wertschöpfung keine Grenze überquert. Dies sei im internationalen Vergleich wenig:

  • Weltdurchschnitt bei 80 Prozent,
  • in China bei rund 83 Prozent,
  • in USA sogar bei knapp 90 Prozent.

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat einmal mehr gezeigt, wie fragil das Geflecht internationaler Arbeitsteilung ist. Lieferungen von Vorleistungen aus dem Ausland blieben aus, als ganze Fabriken geschlossen wurden. Die Lieferketten hätten Lücken bekommen – zuerst in China, später in anderen asiatischen und europäischen Ländern.

Wenn es für diese Vorprodukte in einem Importland keine Substitute gegeben habe, so erlitten betroffene Unternehmen erhebliche Produktionseinbußen oder sogar einen Stillstand der Produktion, schreibt der „Schnelldienst“ des ifo-Institutes (5/2020). Demzufolge ist die deutsche Wirtschaft stark in die internationale Verflechtung eingebunden.

Allerdings stellt sich die Frage, ob die Unternehmen – um Lieferengpässe zu vermeiden – zukünftig ihre Versorgung mit Vorleistungen nicht nur unter Effizienz- und Kostenaspekten planten, sondern Risikogesichtspunkte stärker berücksichtigten. Die Autoren des „Schnelldienstes“ fragen, ob sich die Architektur von Lieferketten so gestalten lasse, dass Unternehmen weniger abhängig von globalen Produktionsnetzwerken sind. Wirtschaftspolitische Maßnahmen könnte möglicherweise Anreize für eine heimische Produktion von strategisch wichtigen Gütern schaffen, allem voran lebenswichtigen Arzneimitteln.

Zielkonflikt Effizienz und Resilienz

Thieß Petersen, Bertelsmann Stiftung, geht davon aus, dass viele Unternehmen zukünftig stärker darauf achten werden, ihre Versorgung mit Vorleistungen nicht nur unter Effizienzaspekten zu planen, sondern Risikoaspekte stärker zu berücksichtigen. Ein Zielkonflikt zwischen Effizienz und Resilienz könnte durch eine verstärkte „Relokalisierung“, das heißt Zurückholung der Produktion aus dem Ausland nach Deutschland, – mit vermehrtem Einsatz digitaler Produktionstechnologien, allen voran der 3D-Drucktechnologie – abgeschwächt  werden könnte.

Neubewertung der Wertschöpfungsketten

Holger Görg und Saskia Mösle, Institut für Weltwirtschaft, Kiel, halten ein komplettes Verschwinden von globalen Wertschöpfungsketten für unwahrscheinlich. Anzunehmen sei ihrer Ansicht nach eher, dass Unternehmen die Kosten von Produktionsverlagerungen ins Ausland im Vergleich zur eigenen Herstellung sowie die Just-in-time-Produktion gegenüber Lagerhaltung neu bewerten müssten. Sollte es von Seiten der Unternehmen zu einer Verkürzung oder Regionalisierung von Lieferketten kommen, hätte dies negative Effekte auf die wirtschaftliche Entwicklung von Schwellen- und Entwicklungsländern.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)