05.07.2022

Westen will Goldembargo gegen Russland verhängen

Russland ist einer der größten Goldproduzenten. Diese Geldquelle will der Westen dem Land verschließen. Auf dem G7-Treffen in Elmau kündigten USA und Großbritannien ein umfassendes Goldembargo an. Kanada und Japan ziehen mit, EU soll folgen. Experten bezweifeln dessen Wirkung.

Goldembargo

Russland Goldförderer Nr. 2, Goldexporteur Nr. 7

331 Tonnen Gold förderte Russland 2021. Das berichtet die „Tagesschau“ und beruft sich damit auf Angaben des „World Gold Council“ (WGC). Nur die Minen in China lieferten demnach mit 332 Tonnen noch etwas mehr. Allerdings: Im selben Jahr exportierte Russland laut dem in der Sendung ebenfalls zitierten Statistikportal WorldsTopExports.com den Gegenwert von 17,4 Milliarden Dollar an Gold – und landete weltweit nur auf Platz sieben. Im gleichen Zeitraum betrugen die russischen Erlöse aus der Ausfuhr von Erdöl, Mineralölprodukten und Erdgas rund 241 Milliarden Dollar. Allein seit Beginn des Kriegs gegen die Ukraine hätten Energieexporte bis Anfang Juni rund 93 Milliarden Dollar in die russischen Kassen gespült.

USA auf G7-Gipfel für Goldembargo gegen Russland

Die USA hätten bereits auf dem G7-Gipfel in Elmau im Juni 2022 einen Importstopp für russisches Gold beschlossen. „n-tv“ zufolge haben Washington und London als die beiden führenden Goldhandelsplätze bereits beschlossen, Russland von ihrem Goldhandel abscheiden. Kanada und Japan ziehen mit. „Wir sind entschlossen, Russlands Einnahmen zu vermindern, auch in Bezug auf Gold“, zitiert der Sender aus der G7-Erklärung. Moskau von dieser Einnahmequelle abzuschneiden, sei laut US-Außenminister Anthony Blinken auf dem US-Sender CNN bedeutsam. Er schätzt, dass der Verzicht der G7-Länder auf Goldimporte aus Russland das Land um Einnahmen in Höhe von 19 Milliarden Dollar pro Jahr bringen würde. Die EU will für sich noch prüfen, wie sie sich dem Boykott anschließt. Die EU-Staaten Deutschland, Frankreich und Italien hätten sich noch zurückgehalten. Sie wollten mögliche neue Sanktionen gegen Russland mit den übrigen 24 EU-Mitgliedsländern abstimmen.

Gold eher nachrangiges Exportgut für Russland

Im Gegensatz zu Öl und Gas spiele Gold als Exportgut und Deviseneinnahmequelle für den russischen Staat somit eine eher untergeordnete Rolle. Nur ein geringer Teil der russischen Goldproduktion dürfte in den Westen gegangen sein, so laut der Sendung Commerzbank-Rohstoff-Experte Carsten Fritsch. Der Großteil verbleibe ohnehin im eigenen Land. Den Rest lieferte laut „n-tv“ Russland 2021 Gold:

  • zum Großteil nach Großbritannien für 15,4 Milliarden Dollar
  • in die Schweiz für 422 Millionen Dollar
  • nach Deutschland für 318 Millionen Dollar
  • von anderen Importeuren für 1,134 Milliarden Dollar an Russland gegenüber befreundeten Ländern wie Kasachstan, Indien, Belarus und die Türkei.

Gold-Einkäufer weltweit decken sich mit russischem Gold ein

Im Falle eines Gold-Embargos westlicher Nationen ständen Gold-Einkäufer weltweit bereit, um sich mit Gold aus Russland einzudecken. Experten zufolge könnte das Land problemlos auf andere, weiterhin offene Handelswege ausweichen. Die wegbrechende Nachfrage aus dem Westen könnte von anderen Ländern ausgeglichen werden, die von Sanktionen gegen Moskau wenig halten. wie z.B.:

  • China
  • Indien
  • Türkei
  • Dubai
  • die Vereinigten Arabischen Emirate.

Diese könnten in der Folge die weltweite Goldnachfrage bedienen, erklärt Thorsten Polleit, Chefökonom der Degussa Goldhandel. Ihm scheint es mehr als fraglich, ob der Goldimportboykott Russland überhaupt den von Seiten des Westens erwünschten finanziellen Schaden zufügen könne. Vor Indien ist in einem Ranking von Internationalem Währungsfond (IWF) und WGC China 2021 der weltgrößte Abnehmer von Gold mit knapp 960 Tonnen Nachfrage nach Goldbarren, – münzen und -schmuck. Indien und China sind die wichtigsten Produzenten und Konsumenten von Schmuck.

Russische Zentralbank im Gold-Geschäft

Auch die russische Zentralbank will nach einer Pause das heimische Edelmetall wieder im großen Stil aufkaufen – womöglich, um über eigene Kanäle die Devisenbestände aufzubessern, schreibt „Capital“. Viele Zentralbanken seien traditionell Großkunden in Russland, darunter die US-Notenbank und die Zentralbank der Türkei. Goldreserven zu stärken ist ein probates Mittel, um Währungsschwankungen zu stabilisieren. Falls sich die Regulierungsbehörde dazu entschließt, die Goldkäufe auf dem heimischen Markt zu erhöhen, könnte dies die Branche stark unterstützen. Die russische Regierung hat die 13 Prozent Einkommenssteuer und die 20 Prozent Mehrwertsteuer auf Goldbarrenverkäufe bis Ende 2023 abgeschafft, damit die Menschen ihre Ersparnisse in Gold anlegen können. Ein Kaufboom von physischem Gold durch die Bevölkerung in Russland wurde im März beobachtet, als die Mehrwertsteuer abgeschafft wurde. Ein zweiter folgte nach der Abschaffung der Einkommenssteuer, doch jetzt lässt sich keine neue Nachfrage mehr beobachten, so Freedom Finance.

Tetzlaff: großes Handelsvolumen

„Auch das ist ein großes Handelsvolumen“, so York Tetzlaff, Geschäftsführer des Branchenverbandes Fachvereinigung Edelmetalle. Ein Goldembargo hätte somit kaum mehr Wert als Symbolik. Es schmälere die Kriegskasse von Präsident Wladimir Putin kaum und füge dem Westen selbst kaum Schaden zu. Die Einnahmen Russlands aus dem Goldexport sind laut „Freedom Finance“ beträchtlich. Selbst am Waffenexport verdient Russland demnach weniger – 13 Milliarden Dollar im Jahr 2020. Gemessen an den Gesamteinnahmen immer noch kein kritischer Anteil. Zum Vergleich:

  • Der Export von agro-industriellen Erzeugnissen summiert sich 2021 auf 34 Milliarden Dollar.
  • Alle Exporteinnahmen Russlands beliefen sich 2021 auf 498 Milliarden Dollar.
  • 2021 beliefen sich die Haushaltseinnahmen aus Goldexporten auf etwa 7,57 Prozent, 2022 etwa 5,35 Prozent unter Berücksichtigung der Änderungen des Dollarkurses.

Russlands knapp zehnprozentiger Anteil am Weltgoldmarkt wird nicht so spürbar fehlen wie bei Erdgas, Getreide oder Düngemittel. Derzeit gebe es ein Überangebot. Engpässe und preisliche Auswirkungen seien nicht zu befürchten. Außerdem betreffe der Boykott nur neues russisches Gold. Alte Goldbarren, die vor der russischen Aggression im Umlauf waren, dürfen weiter gehandelt werden.

Londoner Goldbörse bereits seit März für russisches Gold geschlossen

Zudem hatte die London Bullion Market Association (LBMA) Gold aus Russland bereits im März vom Handelsplatz in London verbannt. Zu den Vollmitgliedern der LBMA zählen laut „n-tv“:

  • 74 Prägeanstalten, Raffinerien und Banken aus aller Welt, darunter aus China und Indien.
  • Weitere 59 Mitglieder sind assoziiert.

Damit die Londoner Goldbörse nur sogenannte Good Delivery-Standardbarren handeln kann, zertifiziert sie die angeschlossenen Mitglieder und gibt ihnen detaillierte Vorgaben, wie eingelieferte Standardgoldbarren zu rund 400 Unzen beschaffen sein müssen. Normalerweise wird Edelmetall aus verschiedenen internationalen Quellen vermengt, wie aus:

  • Minen,
  • Umschmelzgold von Banken,
  • rückgewonnenes Gold aus Recycling.

Dieses Gold wird zu Feingold raffiniert. Die Mitglieder der LBMA unterliegen dem Kodex „Good Delivery Refiner“ (GDR). Er trifft Aussagen über:

  • Herkunft des Goldes,
  • speziell ein Verbot von Zukäufen aus Konfliktregionen
  • regelmäßige Kontrollen sowie
  • Qualitätsstichproben.

Zertifizierung nach GDR

Die LBMA hat als Handelsorganisation eine eigene Zertifizierung. Sie macht Vorgaben hinsichtlich:

  • international gültiger Vereinbarungen,
  • EU-Verordnungen
  • nationaler Gesetze
  • Sanktionen und
  • Importverboten.

Die Teilnehmer müssen Tetzlaff zufolge ihre Einhaltung gewährleisten, wie eben zum Beispiel, dass sie kein Gold aus Konfliktregionen oder zweifelhafter Herkunft anbieten. Eigentlich dürften damit Scheideanstalten, die in London handeln, keine russischen Barren einschmelzen. Wer es dennoch tue, riskiere für das Umschmelzen seinen GDR-Status und damit ein Handelsverbot. Die Auditing-Kontrolle könne wie ein TÜV Nachweise verlangen, woher das Gold stammt.

Wichtigster Handelsplatz für russisches Gold

Mit der Entscheidung der LBMA sei für Russland der wichtigste Handelsplatz für Gold schon vor Monaten weggebrochen. In London würden 90 Prozent der weltweiten Goldjahresproduktion gehandelt. Die LBMA-Entscheidung hatte zu keinen sichtbaren Störungen für das Handels- und Preisgeschehen auf dem Goldmarkt gesorgt. Die Auswirkungen eines möglichen westlichen Importstopps für russisches Gold auf den Goldpreis wären nach Ansicht der Experten begrenzt. „Ein Importstopp der G7 dürfte daher nur ein symbolischer Akt sein“, ist Fritsch überzeugt. Russland sei bereits faktisch vom Weltmarkt abgeschnitten. Für Tetzlaff hätte ein solcher Schritt „vor allem politisch-symbolischen Charakter“. Russisches Gold könnte allerdings ähnlich wie russisches Öl womöglich mit einem Abschlag gegenüber dem Weltmarktpreis gehandelt werden – und damit noch mehr Geld in die Kassen Russlands spülen.

Wichtiger als ein Gold-Embargo gegen Russland für den Goldpreis bleibt die Entwicklung von Inflation und Zinsen, vor allem der Realzins, also der Nominalzins abzüglich der Inflationsrate. Dabei dürften die derzeit hohen Inflationsraten den Erwartungen von Analysten und Ökonomen zufolge im Laufe des Jahres zurückgehen. Laut dem Fed Watch Tool der CME Group dürfte der US-Leitzins im Dezember bei etwa 3,5 Prozent liegen. Wenn andere Notenbanken ebenfalls zugleich die Leitzinsen erhöhen, stiege der Realzins und Gold würde für Anleger weniger attraktiv, da es keine Zinsen abwirft.

Russland stellt Exportkanäle seines Goldes bereits um

Russische Goldproduzenten stellen sich bereits auf eine Belebung ihrer Exportkanäle nach Asien ein. Der Vorsitzende der russischen Goldproduzenten, Sergej Kaschuba, habe angekündigt, man werde nur noch unorganisierte internationale Märkte beliefern, wo Rabatte erwünscht und die Risiken groß seien. Diese Märkte und Routen nach Asien mögen umständlicher zu erreichen sein und Preisabschläge kosten. Aber nachvollziehbar seien sie nicht – bei der gleichen Qualität der gehandelten Barren.

Den weltweiten Run auf Gold, und sei es aus Russland, beflügeln zudem die Sanktionen des Westens gegen das Land, die seine Geldreserven im Westen beschlagnahmen. China macht sich Sorgen und hat begonnen, seine Dollarreserven zu verkaufen aus Furcht, dass diese genauso wie die Russlands gegebenenfalls leicht blockiert werden können. Gold hingegen lagert im eigenen Land, ist dort durch nichts bedroht. Gold ist eine liquide Währung. Sobald das Geld aufhört zu funktionieren, wird das Gold weiterlaufen. Wasser findet immer einen Weg – und Gold auch.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)