15.07.2021

Weltversorgung mit Vakzinen: Herausforderung für Logistik

Stellen Sie sich vor: erst ist nicht genug Impfstoff vorhanden – und nun will ihn niemand haben. Das ist im Juli 2021 die Situation in Deutschland. Im Rest der Welt fehlt es an dem Stoff hinten und vorne. Logistiker wie DHL, Kühne + Nagel oder Fed arbeiten mit Hochdruck an Lieferketten.

Weltversorgung mit Vakzinen

Erst elf Prozent der Weltbevölkerung geimpft

Weltweit sind bislang 3,1 Milliarden Impfstoffdosen gegen das Covid-19-Virus verteilt. 854 Millionen Menschen sind komplett geimpft – ganze elf Prozent der Weltbevölkerung, berichtet die „Welt“ und beruft sich dabei auf eine Studie des Logistikkonzerns der Deutschen Post DHL. Folge: die Pharmaunternehmen müssen noch eine gewaltige Menge an Vakzinen herstellen und in alle Welt transportieren.

Um in den nächsten zwei Jahren eine weltweite Versorgung mit Covid-19-Impfstoffen sicherzustellen, benötige man:

  • rund 200.000 Palettenlieferungen,
  • 15 Millionen Lieferungen in Kühlboxen sowie
  • 000 Flüge in den unterschiedlichen Lieferketten.

Anstieg der Nachfrage nach medizinischen Hilfsgütern

DHL sieht sich neben Kühne + Nagel und den Expressdiensten UPS und Fedex als einer der größten Transporteure für Impfstoffe. Der DHL-Studie zufolge ist seit Ausbruch der Pandemie die Nachfrage nach medizinischen Hilfsgütern stark gestiegen. Die erforderlichen Lieferungen stellen die Logistikindustrie vor die Herausforderung, medizinische Versorgungsketten für die weltweite Lieferung einer nie dagewesenen Menge von mehr als zehn Milliarden Einzeldosen zu organisieren. Die DHL-Studie setzt sich mit dem Aufbau stabiler Lieferketten für Impfstoffe und medizinische Güter während der Covid-19-Pandemie sowie künftiger Gesundheitskrisen auseinander.

Herstellung der Vakzine in nur acht Ländern

Schließlich konzentriert sich die Herstellung der Vakzine auf einige wenige Regionen. Die weltweite Produktion von Covid-19-Impfstoffen findet der Studie zufolge in lediglich acht Ländern statt:

  • USA
  • China
  • Russland
  • Indien
  • EU.

Von dort aus muss die sensible Fracht verteilt werden.

EU-Kommission schließt Verträge mit Pharma-Industrie

Die Europäische Kommission hat im Juni eine Änderung des zweiten Vertrags mit dem Pharmaunternehmen Moderna beschlossen. Sie ermöglicht laut einer Pressemitteilung der Kommission den Kauf von 150 Millionen zusätzlichen Dosen des Covid19-Impfstoffes von Moderna im Namen aller EU-Mitgliedstaaten. Der überarbeitete Vertrag sieht die Möglichkeit vor, an Virusvarianten angepasste Impfstoffe sowie Impfstoffe für die Verwendung bei Kindern sowie Auffrischungsimpfstoffe zu erwerben. Er soll eine Lieferung ab dem dritten Quartal 2021 bis Ende 2022 gewährleisten.

EU-Staaten können Vakzine an bedürftige Länder abgeben

Die Mitgliedstaaten haben die Möglichkeit, Dosen an bedürftige Länder außerhalb der EU oder über die Covax-Fazilität der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiterzuverkaufen oder zu spenden. Die Covax-Fazilität hat WHO-Angaben zufolge bisher über eine Million Dosen der Covid-19-Impfstoffe von Pfizer–Biontech und Astra Zeneca an insgesamt 14 europäische Länder geliefert.

Diese Initiative steht unter der Federführung der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI), der Gavi-Allianz, des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) und der WHO. Sie soll helfen, Länder der Europäischen Region mit niedrigem bis mittlerem Volkseinkommen zeitgleich mit den wohlhabenden Ländern mit der Covid-19-Impfung zu versorgen.

70 Prozent der erwachsenen EU-Bevölkerung impfbar

In der Europäischen Union sind laut deren Mitteilung derzeit 500 Millionen Impfdosen gegen Covid-19 ausgeliefert worden. Das sei genug, um mindestens 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung noch in diesem Monat vollständig zu impfen. Das hat EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen bekanntgegeben. „Die EU hat Wort gehalten“, sagte sie.

Die Impfkampagne der Kommission habe sich seit Jahresbeginn beschleunigt. Jetzt müssten die Mitgliedstaaten alles dafür tun, dass die Impfungen vorankommen, erklärte die Kommissionspräsidentin. Die Kommission will 250 Teilnehmer im Rahmen eines „Matchmakings“ zusammenbringen, um die Produktion von Covid-19-Therapeutika in der EU voranzubringen.

Bald Vakzine aus Senegal

Unterdessen sei die Produktion von Covid-19-Impfstoffen in Afrika einen Schritt näher gerückt. Kommission, EU-Mitgliedstaaten, Europäische Investitionsbank und andere Finanzinstitutionen hätten zugestimmt, die Investition in die Impfstoffproduktion durch das Institut Pasteur in Dakar zu fördern.

Die neue Produktionsanlage soll Afrika weniger abhängig von Impfstoffimporten machen und die künftige Widerstandsfähigkeit des Kontinents gegen Pandemien stärken. Afrika importiert laut Von der Leyen derzeit 99 Prozent seiner Impfstoffe. Mit der Vereinbarung helfe „Team Europe“ Senegal, der Produktion eigener Impfstoffe einen wichtigen Schritt näher zu kommen. Andere Unterstützungsaktionen für ganz Afrika sollen folgen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)