22.08.2018

Vision Zukunft: EU-Kommission fördert NordLink-Stromtrasse aus Norwegen

Von einigen Wissenschaftlern kaum für möglich gehalten, nimmt die Stromversorgung Deutschlands aus Norwegen Gestalt an. Soeben hat die EU-Kommission einer Aufstockung der Finanzmittel für dieses Projekt zugestimmt: eine Gleichstromverbindung von Norwegen nach Deutschland zu bauen, die NordLink-Stromtrasse.

Die EU-Kommission verstärkt ihre Investition in die norwegisch-deutsche Stromtrasse NordLink.

Stromverbindung zwischen Deutschland und Norwegen

Sie soll die erste direkte Stromverbindung zwischen Deutschland und Norwegen schaffen – die NordLink-Stromtrasse. Dieses „grüne Kabel“ soll dereinst der Energiewende in Europa wesentlich zum Durchbruch verhelfen.

Die Hochspannungs-Gleichstromverbindung wird nach Mitteilung der Betreibergesellschaft Tennet den Austausch von 1.400 Megawatt erneuerbarer Energie ermöglichen, produziert von Windkraft aus Deutschland und Wasserkraft aus Norwegen.

NordLink-Interkonnektor von Statnett und DC Nordseekabel

Der NordLink-Interkonnektor wird jeweils zu 50 Prozent vom norwegischen Übertragungsnetzbetreiber Statnett und von DC Nordseekabel umgesetzt, wobei letztere auf deutscher Seite für den Bau verantwortlich ist. Das Unternehmen gehört zu gleichen Teilen Tennet und der deutschen Förderbank KfW.

Die NordLink-Stromtrasse soll mit einer bipolaren Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) Norwegen mit Deutschland verbinden. Und das durch die Nordsee mit einer Nennleistung von 1.400 MW und einer Gesamtlänge von 623 km. Die Stromtrasse soll zum einen die Diversifizierung und Versorgungssicherheit verbessern, zum anderen die Integration der Strommärkte in beiden Ländern und darüber hinaus zwischen Nordwesteuropa und den skandinavischen Ländern erhöhen.

Außerdem wird die NordLink-Stromtrasse laut einer Mitteilung der EU-Kommission als Projekt von gemeinsamem Interesse eingestuft. Es betreffe das Offshore-Netz in den nördlichen Meeren, einem vorrangigen Korridor der Europäischen Union.

EIB zeichnet 100 Millionen Euro-Anleihe für NordLink-Stromtrasse

Nach der Unterzeichnung von Darlehen an TenneT und Statnett im Jahre 2017 hat die Europäische Investitionsbank (EIB) nun eine Anleihe von Tennet in Höhe von 100 Millionen Euro gezeichnet, um das Projekt weiter zu unterstützen.

Die Finanzierung wird durch den Europäischen Fonds für strategische Investitionen (EFSI) ermöglicht. Dieser bildet das Herzstück des sogenannten „Juncker-Plans“ als Investitionsoffensive für Europa. Damit wollen die EIB-Gruppe und die Europäische Kommission die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft befeuern.

Gleichstrom zur Stromübertragung

Zur Technik: Aufgrund der Streckenlänge wird zur Stromübertragung durch die beiden Kabel (Plus- und Minuspol) Gleichstrom verwendet. Die Kabel sind mit Konverterstationen an jedem Ende verbunden. Gleichstrom bietet sich vor allem bei langen Entfernungen und für große Übertragungsleistungen an.

Die Konverterstationen werden in Wilster (Schleswig-Holstein) und Tonstad (Norwegen) errichtet. An diesen Standorten wird der Strom von Gleich- in Wechselstrom und umgekehrt, je nach Übertragungsrichtung, umgewandelt und in das deutsche bzw. norwegische Übertragungsnetz eingespeist. Auf diesem Weg sollen einmal allein in Deutschland mehr als 3,6 Millionen Haushalte und Unternehmen mit Strom aus erneuerbarer Energie versorgt werden.

NordLink-Stromtrasse in Bundesbedarfsplangesetz eingegliedert

Das Projekt ist in das Bundesbedarfsplangesetz eingegliedert. Dadurch sind Notwendigkeit und dringender Bedarf zur Umsetzung des Projekts für den Energiemarkt gesetzlich verankert. Mit der Verleihung des Status als „Projekt von gemeinsamen Interesse“ gemäß der neuen Leitlinien für die transeuropäische Energie-Infrastruktur unterstreicht die Europäische Union die hohe volkswirtschaftliche und energiewirtschaftliche Bedeutung des Projekts auf europäischer Ebene.

NordLink schafft eine Verbindung zu den Kapazitäten der Wasserkraftwerke in Norwegen. Es soll damit Engpässen im deutschen Übertragungsnetz entgegenwirken. Dieser Interkonnektor vergrößere die Möglichkeiten zum Austausch erneuerbarer Energien und leiste einen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen und zum Erreichen der Klimaziele, so Tennet.

Vorteile für beide Länder

Von der Verbindung der norwegischen Wasserkraft mit der deutschen Windenergie versprechen sich die Väter des Projekts Vorteile für beide Länder. Wenn beispielsweise in Deutschland ein Überschuss an Windenergie erzeugt wird, kann dieser über NordLink nach Norwegen übertragen werden.

Die Wasserspeicher in Norwegen dienen dann als “natürliche Speicher” für die Windenergie, indem das Wasser in den Speichern verbleibt. Umgekehrt könne Deutschland bei hohem Bedarf Energie aus Wasserkraft aus Norwegen importieren.

Kritik von Wissenschaft und Wirtschaft

Gerade derartige Annahmen werden von Teilen der Wirtschaft in Zweifel gezogen. „Norwegen, der Akku Europas“ titelte „Die Zeit“ 2011. „Das ist, freundlich gesagt, praxisfern“, kommentiert noch 2016 Dr. Björn Peters, Ressortleiter Energiepolitik beim Deutschen Arbeitgeberverband (DAV).

Norwegen versorgt sich fast ausschließlich durch Wasserkraftwerke mit Strom. Deswegen bedürfe es, so Peters, riesiger Speicherseen. Sie sammeln ausschließlich natürlich abfließendes Niederschlagswasser im Frühjahr und den Regen im Sommer ein, um über die angeschlossenen Speicherkraftwerke auch im Winter ausreichend Strom zur Verfügung zu stellen.

Pumpspeicherkraftwerke wie in Deutschland hat man in Norwegen so gut wie gar nicht gebaut. Die Übertragungskapazität von rund 1,4 GW bei NordLink müsse insgesamt auf etwa 120 GW erhöht werden, um etwas zu bewirken. Eine Integration norwegischer Speicherseen ins deutsche Stromnetz würde deren übermäßig starken Umbau voraussetzen. Der Neubau von Speicherseen scheitert auch in Norwegen am Widerstand der lokalen Bevölkerung. Ganze Täler müsste man zu Seen umfunktionieren. Sie würden für Mensch und Tier unpassierbar.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)