13.12.2018

Verbände warnen vor Logistik-Kollaps

Ein einfaches Rechenexempel: Jährlich minus 67.000 Berufskraftfahrer, plus jährlich 27.000 neue – macht 40.000 Lkw-Fahrer jährlich zu wenig. Was tun? Eine Logistik-Initiative hat einen Forderungskatalog aufgestellt. Deutschland und die EU wollen Güterverkehre von der Straße verlagern.

Engpässe in der Logistikbranche

Engpässe in der gesamten Logistikbranche

Jedes Jahr scheiden in Deutschland etwa 67.000 Berufskraftfahrer aus dem Berufsleben aus. Es können jedoch nur knapp 27.000 neue Fahrer hinzugewonnen werden. Damit fehlen jährlich etwa 40.000 Fahrer. Das führt mittlerweile zu akuten Engpässen in der gesamten Logistikbranche – mit gravierenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft.

Eine breite Verbändeallianz aus Transport, Logistik, Industrie und Handel schlägt Alarm. Sie warnt vor einem Versorgungskollaps. Die Initiative hat jetzt einen Fünf-Punkte-Plan gegen Logistikengpässe und Fahrermangel im Straßengüterverkehr an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) übergeben.

Logistik-Kollaps: Gemeinsame Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Die Initiative repräsentiert eigenen Angaben zufolge rund 60 Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands. In dem Fünf-Punkte-Plan fordern die Verbände gemeinsame Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ihrer Ansicht nach besteht in den fünf zentralen Feldern dringender Handlungsbedarf. Schnellstens müsse diesen eine gemeinsame Arbeitsgruppe unter Beteiligung aller relevanten Bundesministerien konkretisieren und umsetzen. Zu den Handlungsfeldern gehören:

  • Mehr Wertschätzung und Erhöhung der Attraktivität des Fahrerberufs,
  • Verbesserung der Ausbildung und Qualifizierung,
  • Imagekampagne,
  • bessere Infrastruktur,
  • umfassende Digitalisierungsstrategie.

Sorgenkind Infrastruktur

Insbesondere die bestehenden Mängel in der Infrastruktur als Teil des Arbeitsumfelds eines Lkw-Fahrers hätten einen erheblichen Anteil daran, dass sich die Attraktivität des Fahrerberufs verschlechtert hat. Der Zustand der Straßen-, Parkplatz- und digitalen Infrastruktur ist schlecht und somit dringend reparaturbedürftig. Insbesondere beim Straßen-, Verkehrs- und Baustellenmanagement liegt es aus Sicht der Verbände im Argen. Bestehende Baustellen werden an die Nutzer schlecht kommuniziert.

Nicht zuletzt aus Gründen der Verkehrssicherheit und der Verlässlichkeit der Lieferketten sehen die Logistiker den Gesetzgeber in der Pflicht, für ausreichende Lkw-Stellplatzkapazitäten und für eine sichere Ausstattung der Parkplätze zu sorgen. Nur so könnten die gesetzlichen Vorgaben zur Einhaltung der Ruhezeiten erfüllt werden.

Umfassend digitalisieren

Zu einer Verbesserung könnten zudem der Ausbau digitaler Informationssysteme beitragen. Die Verbände fordern vernetztere, smartere und effizientere Prozesse im Transport- und Logistiksektor. Voraussetzung dafür sei der flächendeckende Ausbau der digitalen Infrastruktur, die der Wirtschaft den verstärkten Einsatz u. a. dynamischer Informations- und Steuerungssysteme ermöglicht.

Darüber hinaus sollte das Zusammenspiel von industriellem Know-how und professioneller Logistik grundlegend verbessert werden. Der Industrial Data Space böte nach Ansicht der Logistikverbände hierfür eine geeignete Plattform. Sie steht allen Branchen und Logistikdienstleistern offen. Das Fraunhofer-Institut hat hier die Federführung, finanziell gefördert durch Bundesmittel.

Durch die umfassende Digitalisierung könne man zugleich bürokratische Hemmnisse abbauen und behördliche Kontrollen beschleunigen. Der neue intelligente Fahrtenschreiber müsse ebenso wie der elektronische Frachtbrief schnell europaweit eingeführt werden. Derzeit ist die Einführung des Fahrtenschreibers für 2024 geplant.

Lkw-Fahrer diskutieren auf „ARD Alpha“/Bayern 2

Die von der Initiative angestoßenen Handlungsfelder treiben in besonderem Maße auch die Lkw-Fahrer selbst um. Wie sehr, zeigte vergangene Woche eine zugleich im Radio und auf „ARD alpha“ im Fernsehen ausgestrahlte Diskussionssendung von „Bayern 2“ zum Thema „Mythos Trucker: Was ist noch dran an der großen Freiheit?“ Darüber sprachen in der Sendung „Tagesgespräch“ mit Bayern 2-Moderatorin Eva Köting per Telefon aus ganz Europa zugeschaltete Lkw-Fahrer, der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Europaparlament Ismail Ertug sowie der Fernfahrer-Seelsorger Norbert Jung. Als Experte zu Gast im Studio war der Fachjournalist Friedrich Oehlerking.

Hauptthema auch hier der Druck und Stress der Fernfahrer sowie die geringe Wertschätzung des Berufes durch Politik und Gesellschaft. Die prekäre Situation auf den Straßen, marode Infrastruktur, endlose Lkw-Staus auf der Autobahn und desolate Kommunikationstechnik machten den Fahrern das Leben schwer. Ein Fahrer berichtete in der Sendung per Internettelefon aus Schweden über den Unterschied der Fahrverhältnisse dort zu denen in Deutschland. In Schweden funktioniere so gut wie alles, in Deutschland so gut wie nichts, so sein Resümee zusammengefasst.

Eine Fahrerin forderte „endlich gemeinsame Protestaktionen der Fahrer“, sonst tue sich überhaupt nichts. Zu der Sendung geht es hier lang: https://www.br.de/mediathek

Förderung der Verlagerung des Güterverkehrs

Einen anderen Ansatz zur Entlastung und damit der Verbesserung auf den Straßen bietet die Förderung der Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene. Die Europäische Kommission hat eine deutsche Beihilferegelung dazu nach den EU Beihilfevorschriften geprüft und Anfang dieser Woche genehmigt.

Deutschland will durch öffentliche Zuwendungen von 350 Millionen Euro bis 2023 Schienengüterverkehrsunternehmen unterstützen, um letztlich Staus im Straßenverkehr und CO2-Emissionen zu verringern. EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager erklärte: „Die Förderung der Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene ist eine von vielen Maßnahmen, die in Europa ergriffen werden müssen, um die Umweltbelastung zu verringern.“ Genau dieses Anliegen werde mit der deutschen Beihilferegelung verfolgt:

  • Sie fördere die Verkehrsverlagerung,
  • gewährleiste, dass die Vorteile an die Transportkunden weitergeleitet werden, und
  • trage zur Erreichung der verkehrspolitischen und Umweltschutz-Ziele der EU bei, ohne übermäßige Wettbewerbsverzerrungen hervorzurufen.

Deutschland hat die Kommission im August 2018 von einer Regelung in Kenntnis gesetzt, die öffentliche Zuwendungen für den Schienengüterverkehr vorsieht. Damit könnten Schienengüterverkehrsunternehmen bis zu 45 Prozent der Trassenentgelte, die sie für die Nutzung des Eisenbahnnetzes entrichten müssen, erstattet bekommen.

Die EU-Kommission erwartet, dass die begünstigten Schienengüterverkehrsunternehmen die Vorteile an ihre eigenen Frachtkunden durch niedrigere Preise weitergeben. Sie müssten ihren Kunden mitteilen, dass die von ihnen zu entrichtenden Trassenentgelte deutlich gesenkt wurden. Die Kommission hat festgestellt, dass die Regelung Vorteile für die Umwelt und die Mobilität mit sich bringe.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)