01.03.2022

Ukraine-Krieg: Lufträume zu, Häfen dicht, Schiene Abstellgleis

Einer der ersten Leidtragenden des Ukraine-Krieges ist der Transport. In einem erwartbaren Wie-du-mir-so-ich-dir-Spiel schlossen EU und Russland gegenseitig ihre Haupttransportwege nach und nach. Den Anfang machte der Luftraum, Häfen und Schiene folgen auf dem Fuß.

Ukraine-Krieg

Prinzip der Gegenseitigkeit

Die EU hat ihren Luftraum komplett geschlossen für alle:

  • in russischem Besitz befindlichen,
  • in Russland registrierten oder
  • von Russland kontrollierten Flugzeuge.

Diese Flugzeuge sind seit heute früh nicht mehr in der Lage, im EU-Gebiet zu landen, zu starten oder es zu überfliegen, heißt es in einer Mitteilung der Kommission an die Presse dazu.

Als Reaktion auf die Luftraumsperrungen der EU sowie anderer Staaten für russische Maschinen dürfen künftig Flugzeuge aus Deutschland und 35 weiteren Staaten nicht mehr über Russland fliegen. Das teilte die russische Luftfahrtbehörde Rosawiazija mit, auf die sich eine entsprechende Meldung der dpa beruft. Ausnahmen könne es mit einer Sondergenehmigung etwa des russischen Außenministeriums geben. In einer veröffentlichten Liste werden weitere europäische Staaten erwähnt wie

  • Österreich,
  • Polen,
  • Frankreich,
  • Finnland,
  • Tschechien,
  • Belgien,
  • Kanada.

Wann diese Beschränkung wieder aufgehoben wird, habe die Behörde nicht mitgeteilt. Zuvor hatte der Kreml angekündigt, auf die Schließung des Luftraums für seine Flugzeuge in der Europäischen Union sowie auf die anderen Sanktionen ebenbürtig zu reagieren. Es gelte das Prinzip der Gegenseitigkeit, allerdings gemäß russischen Interessen, zitiert dpa Kremlsprecher Dmitri Peskow aus einer Mitteilung der Agentur Interfax in Moskau.

Luftraum über Weißrussland gesperrt

Eine Luftraumsperrung hatte die EU bereits im vergangenen Jahr für weißrussische Flugzeuge erlassen als Reaktion auf eine von Weißrussland erzwungen Landung einer Ryanair-Passagiermaschine auf dem Weg von Athen nach Vilnius zur Zwischenlandung in Minsk. Der Luftraum über der Ukraine ist ebenfalls gesperrt. Die lettische Fluggesellschaft Air Baltic zitiert „aerotelegraph“, aufgrund der Sperrung des Luftraums für die Zivilluftfahrt habe man alle Flüge von und nach der Ukraine vom 24. Februar 2022 bis einschließlich 13. März 2022 gestrichen. In den vergangenen Tagen hatte es noch vereinzelte Flüge von ukrainischen Airlines wie Ukraine International und Sky Up gegeben. Beide stellten den Betrieb mittlerweile ein. Neben Air Baltic annullierten ihre Flüge in die Ukraine:

  • Wizz Air,
  • Ryanair,
  • Pegasus
  • Turkish Airlines

Der ukrainische Generalstab habe berichtet, das russische Militär habe mehrere Flugplätze bombardiert, darunter den Flughafen Kiew-Boryspil. Die russische Luftfahrtbehörde hat elf Flughäfen bis zum 2. März geschlossen:

  • Gelendzhik,
  • Simferopol,
  • Elista,
  • Anapa Vityazevo,
  • Krasnodar Pashkovsky,
  • Bryansk,
  • Belgorod,
  • Kursk Vostochny,
  • Lipetsk,
  • Voronezh Chertovitskoye,
  • Rostov-na-Donu Platov.

Einlaufverbot in EU-Häfen

Auch die Seeschifffahrt wird die Folgen des Krieges und der im Zuge dessen verhängten Sanktionen gegen Russland zu spüren bekommen. So rechnet einem Bericht der „Tagesschau“ zufolge der Hamburger Hafen mit Auswirkungen auf die Lieferketten und den Güterumschlag. Die Sendung zitiert Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann dahingehend, konkret lasse sich dies noch nicht beziffern. Er halte es für absehbar, dass es Beeinträchtigungen geben werde. „Das wird Auswirkungen haben“, so Westhagemann. Deutlich größer als die Containerverkehre sei der Umschlag von Massengut wie Kohle und Holz, kommt der Vorstand der Marketinggesellschaft, Axel Mattern zu Wort. Auch er nannte keine Zahlen. Derzeit gebe es den Angaben zufolge:

  • zehn Liniendienste zwischen dem Hamburger Hafen und Russland,
  • sieben davon mit St. Petersburg,
  • anderen mit Kaliningrad, dem früheren Königsberg.

Hamburg betroffen

Der Chef der Hafenbehörde (HPA), Jens Meier, erklärte, der Handelsverkehr mit Russland sei zum Erliegen gekommen. „Im Moment sind alle ein wenig ratlos“, so Meier. In der Hansestadt gebe es viele Firmen, die seit Jahren mit Russland Handel trieben. Man hoffe, dass sich die Dinge wieder normalisierten. Die EU erwägt dpa zufolge eine Sperrung von Häfen für Schiffe aus Russland. Das haben dpa zufolge EU-Beamte in Brüssel bestätigt. Ein Beschluss aus Brüssel hierzu steht jedoch noch aus. Nach Meiers Angaben gibt es in Hamburg nur sehr wenige Anläufe von Schiffen unter russischer Flagge. Bei einem Embargo gehe es um die Waren. Waren mit Ziel Russland würden nicht zwangsläufig von Schiffen unter russischer Flagge transportiert. Frankreich und Großbritannien hätten erste Schiffe von russischen Eignern abgewiesen. Meier rechnet in Kürze mit einer klaren Ansage, was nicht mehr erlaubt sein soll. Dabei werde man u.a. auf die Eigner der Schiffe achten. Laut dem Verein Hafen Hamburg Marketing haben viele Reedereien Buchungsstopps für Transporte in Richtung Russland verhängt.

Hamburg ist den Angaben zufolge davon betroffen, dass es keine direkten Zugverbindungen durch die Ukraine mehr gibt. Dies habe Folgen für den Güterverkehr von und nach China. Die sogenannte Eiserne Seidenstraße zwischen Europa und der Volksrepublik hatte sich in den vergangenen Jahren zu einer Alternative zum Transport über den Seeweg entwickelt.

Containerverkehr nach Russland

Der Containerverkehr zwischen Deutschlands größtem Seehafen und Russland war nach Angaben der Marketinggesellschaft des Hafens bereits nach 2014 und den Sanktionen wegen des Anschlusses der Halbinsel Krim an die Russische Föderation um etwa die Hälfte auf rund 300.000 Standardcontainer (TEU) eingebrochen. Zudem trifft die Ukraine-Krise den Hamburger Hafen inmitten der Erholung von der Pandemie. Im vergangenen Jahr wurden den Angaben zufolge mit 8,7 Millionen Standardcontainern gut zwei Prozent mehr Stahlboxen über die Kaimauern der Hansestadt gehoben. Damit habe der Hafen Hamburg Rang drei unter den Nordseehäfen gefestigt. Während Antwerpen bei zwölf Millionen Containern stagnierte, wurden in Rotterdam 2021 erstmals mehr als 15 Millionen Boxen umgeschlagen, plus 6,6 Prozent.

Neue Güterzugverbindung Deutschland-China

Offenbar unbeschadet durch die Kriegszustände in der Ukraine geht der Transport zwischen Deutschland und China weiter. Wenige Tage vor Ausbruch der Kriegshandlungen ging eine neue, rund 12.300 Kilometer lange Güterzugverbindung zwischen Mannheim in Deutschland und Qingdao in China in Betrieb. Der erste Zug der Strecke fuhr am 16. Februar 2022 in Qingdao ab. Nach Angaben des Betreibers China Ocean Shipping Company (Cosco) war der Zug mit 100 Standardcontainern beladen und soll nach 22 Tagen Fahrt in Mannheim eintreffen.

Der Zug transportiert den Angaben zufolge Waren im Wert von rund 2,5 Millionen US-Dollar, darunter:

  • chemische Rohstoffe,
  • Autoteile,
  • Güter des täglichen Bedarfs
  • andere.

Nach Angaben der Shandong Hi-Speed Group Corporation (SHSC) verlässt der Zug China über den Bahnhof Alataw Pass im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang im Nordwesten Chinas. 2021 wurden in der ostchinesischen Provinz Shandong mit der Hauptstadt Qingdao mehr als 1.800 Güterzüge zwischen China und Europa abgefertigt. Über insgesamt 51 internationale Zugstrecken können Güter aus Shandong 54 Städte und 23 Länder entlang der chinesischen Gürtel und Straße-Initiative (Belt and Road Initiative – BRI) erreichen, so SHSC.

DB Cargo stärkt deutsch-chinesischen Zugverkehr

Die DB Cargo, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn, gründete Ende 2021 in Shanghai das Unternehmen DB Cargo Transasia. Sie soll den Schienengüterverkehr zwischen China und Europa stärken und 18 europäische Länder verbinden, teilte die Deutsche Bahn mit. „Der klimafreundliche und zuverlässige Transport mit dem Schienengüterverkehr wird für globale Lieferketten immer wichtiger“, erklärte die Deutsche Bahn „German News China“ zufolge. 2020 transportierte DB Cargo rund 200.000 Container von Europa nach Asien und umgekehrt. Bis 2025 will die Deutsche Bahn die jährliche Kapazität auf 500.000 Container mehr als verdoppeln. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilte, stieg der gesamte Außenhandelsumsatz zwischen Deutschland und China im Jahr 2021 gegenüber dem Vorjahr um 15,1 Prozent auf 245,4 Milliarden Euro. China war damit 2021 zum sechsten Mal in Folge Deutschlands wichtigster Handelspartner, laut der Nachrichtenagentur Xinhua.

Medien und Finanzsektor ebenfalls sanktioniert

Man werde außerdem die staatlichen Medien „Russia Today“ und „Sputnik“ sowie deren Tochtergesellschaften in der EU verbieten und ein neues Sanktionspaket gegen die Regierung in Weißrussland unter dem Präsidenten Alexander Lukaschenko verhängen. Diese Sanktionen ergänzen das Sanktionspaket von Samstag, das u.a.

  • wichtige russische Banken vom Swift-System ausschließt
  • Transaktionen der russischen Zentralbank verbietet
  • alle ihre Vermögenswerte einfriert.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell haben die neuen Sanktionen in einem Pressestatement vorgestellt. Die Sanktionen gegen Weißrussland beinhalten restriktive Maßnahmen gegen die wichtigsten Sektoren des Landes, um die Ausfuhr von Produkten zu stoppen. Man werde die Ausfuhrbeschränkungen für Güter mit doppeltem Verwendungszweck für Russland auf Weißrussland ausdehnen. Die Sanktionen sollen zudem Staatsbürger des Landes treffen, die russische Kriegsanstrengungen unterstützen.

Vermögenswerte der russischen Zentralbank eingefroren

Mit den Sanktionen gegen die russische Zentralbank und der Einfrierung ihrer Vermögenswerte bezweckt die Kommission, sie an der Finanzierung von Russlands Kriegsführung zu hindern. Zudem sollen russische Oligarchen nicht mehr unbeschränkt über ihr Geldvermögen verfügen können. Die Präsidentin der Europäischen Kommission sowie die Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Deutschlands, Italiens, des Vereinigten Königreichs, Kanadas und der Vereinigten Staaten stellen sich in einer gemeinsamen Erklärung hinter die Regierung der Kriegspartei Ukraine. Darin verurteilen sie die Entscheidung der russischen Regierung zum Einmarsch in die Ukraine sowie die Angriffe auf das Land. „Wir stimmen uns weiterhin eng mit unseren Partnern auf der ganzen Welt ab“, sagte die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Man stehe in engem Kontakt mit seine ukrainischen Freunden unter Führung des ukrainischen Präsidenten Wladimir Zelenskij.

Autor*in: Friedrich (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)