09.03.2022

Ukraine-Krieg: Iveco hilft betroffenen Menschen

Osteuropäische Lkw-Fahrer – auf deutschen Autobahnraststätten gestrandet. Tankkarte gesperrt, kein Sprit mehr im Tank, nichts zu essen, die Lage aussichtslos. In dieser Situation lassen Teile der Logistik-Industrie ihre Fahrer nicht im Stich. Iveco macht vor, wie es geht.

Ukraine-Krieg Iveco

Aus allen Ecken der ehemaligen Sowjetunion

Sie kommen aus allen möglichen Ecken der ehemaligen Sowjetunion, aus der Ukraine, Kasachstan, Belarus, aber auch aus der Russischen Föderation: Lkw-Fahrer aus dem Osten Europas, manchmal sogar von weit hinter dem Ural. Auf europäischen Autobahnrast- und -Tankstätten sind sie gestrandet, Opfer eines Krieges, den sie nicht zu verantworten haben, Opfer von Sanktionen, Ausgrenzung oder eben der ganz brutalen harten Wirklichkeit, dass ein Magen knurrt und der Diesel nicht anspringt, weil der Fahrer sich keinen Diesel kaufen kann:

  • Tankkarten gesperrt
  • Proviant am Ende
  • In der Bordkasse Ebbe

Sie sitzen fest im Nirgendwo: nach Hause können sie nicht, auf der Rastanlage dürfen sie nicht bleiben, auf dem Auflieger große kyrillische Lettern, vorbeifahrende Autofahrer, die sich womöglich nicht trauen, sich einem leibhaftigen Russen zu nähern, geschweige denn ihn anzusprechen. Schlagzeilen machte erst kürzlich ein Restaurant-Besitzer im Raum Stuttgart, der Staatsbürgern der Russischen Föderation den Zutritt verwehrt.

Hilferuf per Internet

Per Internet setzen hilfsbereite Menschen einen Hilferuf ab, uneigennützig, für die Lkw-Fahrer aus dem Osten, die niemand kennt und an denen alle vorbeifahren: „Die Fahrer können nicht nach Hause fahren, weil ihre Tankkarten gesperrt sind. Sie können sich nichts zu essen kaufen, weil ihre Kreditkarten gesperrt sind. Wir bitten Euch, darüber nachzudenken. Und wenn Ihr in den nächsten Tagen eine Autobahnfahrt vorhabt, packt ein Lunch-Paket ein und geht auf die Fahrer zu. Sie sind nicht böse und wären Euch sehr dankbar – auch die russischen LKW-Fahrer; denn sie können ganz bestimmt nichts für den Krieg.“

Iveco macht Nägel mit Köpfen

Bei LKW-Hersteller Iveco hat man den Hilferuf gehört. Patrick Wanner, Pressesprecher der Iveco Magirus AG in Ulm: „Da werden wir uns etwas überlegen, wie wir den Menschen helfen können.“ Wie immer haben bei der Iveco Group die Sicherheit und das Wohlergehen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oberste Priorität. Ab dem ersten Anzeichen der Eskalation des Ukraine-Krieges waren Gedanken und Handlungen des Unternehmens darauf ausgerichtet, nicht nur Mitarbeiter und ihre Familien zu unterstützen und herauszufinden, wie man Händlern, Lieferanten und anderen Beteiligten in den Konfliktgebieten, sondern darüber hinaus helfen könne.

Die Iveco Group hat laut einer Pressemitteilung die „schreckliche Situation, die durch den Einmarsch in die Ukraine entstanden ist, von Anfang an verfolgt“. Ebenso wie den bewaffneten Konflikt, der sich auf ukrainischem Gebiet entwickelt habe und noch andauere. Das Unternehmen schreibt weiter: „Wir verurteilen die bewaffnete Invasion eines unabhängigen und freien Staates auf das Schärfste und halten uns selbstverständlich an die aktuellen Sanktionen, die die Europäische Union gegen Russland verhängt hat.“

Hilfe für ukrainische Kollegen

Mit diesem Ziel vor Augen gewähre man ukrainischen Kolleginnen und Kollegen sowie ihren Familien, die sich für einen Umzug in sicherere Gebiete des Landes entscheiden, logistische und unterkunftsbezogene Unterstützung und biete ihnen zusätzliche Kommunikationshilfen und finanzielle Unterstützung an. Man helfe auch Kolleginnen und Kollegen und ihren Familienangehörigen, die das Land verlassen dürfen, wenn sie dies wünschen. Eine identische Betreuung, die sich ebenfalls auf rechtliche und psychologische Unterstützung sowie spezielle finanzielle Initiativen für Bedürftige erstreckt, werde allen von diesem Konflikt betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angeboten: „Die Iveco Group ist eine Gemeinschaft, die aus mehr als 160 Nationalitäten besteht, und wir stehen an der Seite all unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“

Verschiedene Initiativen für unter Krieg leidende Bevölkerung

Darüber hinaus ergreife man Maßnahmen, um die unter dem Krieg leidende Bevölkerung mit verschiedenen Initiativen zu unterstützen, indem man Lebensmittel und andere Güter des Grundbedarfs direkt an die lokale Bevölkerung liefere. Kindern, die in der Ukraine onkologisch behandelt werden, ermögliche der deutsch-italienische LKW-Hersteller die Behandlung in einem italienischen Krankenhaus und setzte sich insbesondere für die Rechte von Frauen und Kindern ein, unter anderem durch Informationsmaßnahmen für die Flüchtenden. Zudem prüfe man die Möglichkeit von Fahrzeugspenden

  • zur Unterstützung humanitärer Maßnahmen,
  • der Beförderung von Zivilisten und
  • dem Transport von lebenswichtigen Gütern.

Sovtransavto: Kümmern uns

Betroffen sind neben den Fahrern anderer Speditionen auch die der ehemaligen Staatsspedition Sovtransavto. Für sie betreibt das Deutschland-Geschäft seit dem Ende der UdSSR die Sovtransavto Deutschland GmbH mit ihrer Zentrale in Köln und Außenstellen in Aschaffenburg, Kiel und Fürstenwalde/Spree. Wie ein Sprecher des Unternehmens auf telefonische Nachfrage mitteilt, sei man sich des Problems bewusst und kümmere sich darum, soweit eigene Fahrer ihnen eine Notlage melden. Das Unternehmen wurde 1991 gegründet. Seit über 30 Jahren biete man Kunden Transport-, Zoll- und Lagerlösungen an. Das Unternehmen sieht sich als zuverlässiger Partner für das Geschäft seiner Kunden. Transporte in die Länder der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (ehemalige UdSSR-Staaten, GUS), Osteuropas, Baltikum, der EU, der Kaukasus-Region und Zentralasiens bilden den Schwerpunkt in dem Leistungsportfolio von Sovtransavto.

Gesamte Logistikkette und komplette Door-to-door-Lösungen

Das Unternehmen realisiert eigenen Angaben zufolge sowohl einzelne Etappen der Logistikkette als auch komplette Door-to-door-Lösungen einschließlich der Vorbereitung von:

  • Transportdokumenten,
  • Zollabfertigung
  • Versicherung
  • das komplette Außenhandels-Outsourcing,
  • Ausarbeitung von Lieferverträgen
  • Verhandlungen mit ausländischen Lieferanten.

Speditions- und Transportdienstleistungen des Unternehmens umfassen eigenen Angaben zufolge:

  • LKW-Transporte
  • Übermaß- und Schwertransporte
  • Multimodaltransporte
  • Luftfracht
  • Seefracht
  • Sammelgut-Transporte
  • Lagerlogistik
  • Komplettlösungen /3PL
  • Zollabfertigung

Verschärfte Dieselpreise

Kommt hinzu die ohnedies verschärfte Preissituation an den Tanksäulen. Focus meldet: „Viele Fahrer aus Ukraine und Osteuropa: LKW-Verband warnt vor möglichem Versorgungsengpass“. Sieben Prozent aller LKW in Deutschland werden dem Bericht zufolge von ukrainischen Fahrer gesteuert und noch viel mehr von anderen osteuropäischen Fahrern. Der Bundesverband Güterverkehr sieht ein mögliches Versorgungsproblem. Er warne vor einer weiteren Diesel-Preissteigerung.

Zwei Euro pro Super-Liter

Zwei Euro kostet der Liter Super bereits bei einigen Tankstellen. Der Krieg in der Ukraine treibe die Preissteigerung weiter an. „Focus“ benennt den Hauptgrund für die Verteuerung: es sei nach wie vor der deutsche Staat. Er kassiere mehr als die Hälfte des Benzin- und Dieselpreises in Form verschiedener Steuern ein, u.a.:

  • Ökosteuer
  • CO2-Steuer
  • Mehrwertsteuer.

Die steigenden Diesel-, Benzin- und Heizölpreise heizen aber nicht nur direkt die Inflation an. Sie führen auch indirekt zu allgemeiner Preissteigerung, denn die Transportbranche gebe die gestiegenen Kosten weiter. Der Bundesverband Güterkraftverkehr BGL fordere deshalb schon länger die Einführung von Gewerbediesel, einem verbilligten Dieselkraftstoff für LKW, der gerade in Krisenzeiten die Kosten drücken soll. Dramatischer als die Preissteigerung sei aus Sicht der Logistikbranche der LKW-Fahrermangel, der spätestens seit der vorübergehend LKW-Krise in Großbritannien offenbar wurde und prinzipiell auch Deutschland betreffe.

Mangel an LKW-Fahrern

Etwa 1,4 Millionen Personen mit einer registrierten „Fahrerkarte“ gibt es laut dem „Focus“-Bericht, der sich auf nicht nähere bezeichnete Informationen aus der Branche in Deutschland beruft. Die Karte ist Voraussetzung, wenn jemand gewerblich Transporte fährt. „Von diesen 1,4 Millionen sind aber geschätzte 500.000 über 50“, zitiert die Zeitschrift Fuhrunternehmer Jan-Hendrik Linnenkamp aus Bielefeld. Die Folge: Schon jetzt bestehe auch in Deutschland ein Mangel an LKW-Fahrern, der künftig stark zunehmen werde. Aufgrund des Fahrer-Mangels will Linnekamp die Möglichkeit von Verhältnissen wie in Großbritannien für Deutschland nicht ausschließen. Zurzeit kompensiere man den Mangel mit Fahrern aus dem Ausland. Allerdings würden in Polen zum Beispiel mittlerweile so gute Löhne gezahlt, so dass das Arbeiten in Deutschland für viele Fahrer nicht mehr so attraktiv sei. „Und es mangelt an Nachwuchs. In meiner Spedition zum Beispiel habe ich normalerweise pro Jahr vier Auszubildende – aktuell ist es nur einer“, so Linnenkamp.

Fahrer aus Osteuropa in ganz Europa unterwegs

Martin Bulheller, Sprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung BGL, erklärt auf Anfrage von „Focus Online“, warum diese Situation nun durch den Krieg in der Ukraine noch verschärft werde: „Ukrainische Lkw-Fahrer arbeiten überwiegend bei polnischen und litauischen Transportunternehmen und Speditionen und sind in ganz Europa unterwegs.“

  • Jeder dritte Lkw-Fahrer, der für polnische Transportunternehmen im internationalen Verkehr unterwegs sei, komme nach Angaben des polnischen Schwesterverbandes des BGL aus der Ukraine.
  • In Litauen dürfte der Anteil mindestens ebenso groß sein.
  • Polnische Lkw hatten 2021 laut der Mautstatistik des Bundesamtes für Güterverkehr einen Marktanteil in Deutschland von 17,5 Prozent,
  • litauische einen Anteil von drei Prozent,
  • insgesamt 20,5 Prozent.

Demnach hätten 2021 in mindestens sieben Prozent der in Deutschland eingesetzten Lkw ukrainische Fahrer hinterm Steuer. „Angesichts des europaweit grassierenden Lkw-Fahrermangels – alleine in Deutschland fehlen 60.000 bis 80.000 Lkw-Fahrer- ist das eine nicht zu vernachlässigende Größenordnung“, so Bulheller. Wie stark die Versorgungssituation in Deutschland leiden könnte, lasse sich noch nicht sagen. Der BGL berichte davon, dass erste Spediteure aus Osteuropa bereits Transporte absagen mussten. Die europäische Wirtschaft sollte sich für dieses Szenario wappnen. „Wird nicht nur teurer, sondern: Gibt’s einfach nicht mehr“, so Bulheller.

Und vielleicht kommt der eine oder andere Transporteur auf den Gedanken, Fahrer aus Osteuropa an der Autobahnraststätte in Deutschland abzuholen. Bei allem sonstigen Mangel, den sie haben mögen: an Zuverlässigkeit haben die Fahrer aus Osteuropa ganz bestimmt keinen Mangel.

Autor*in: Friedrich (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)