09.10.2019

Trotz Trendwende: Deutschland exportiert noch immer ein Fünftel seines Plastikmülls

Wohin mit Abfall? Am besten, ihn vermeiden. Das aber ist nicht so einfach, wie das Beispiel Kunststoff zeigt. Eine mögliche Antwort: exportieren. Bis zu einem Fünftel deutschen Plastikmülls wandert ins Ausland, vor allem China. Doch dort will man ihn nicht mehr haben.

Plastikmüll

Nicht mehr Müllhalde für Deutschland

Früher war alles besser. Da exportierte Deutschland seinen Plastikmüll hauptsächlich in die Volksrepublik China. 2013 nahm das Reich der Mitte dem Land in der Mitte Europas 641.000 Tonnen (t) Kunststoffreste und Abfall ab. 2018 waren es gerade noch 13.486 t. Grund: China möchte nicht nur nicht mehr die Werkbank der Welt sein, das Land möchte auch nicht mehr Müllhalde für Plastikmüll aus Deutschland sein.

Anfang 2018 verbot das Land die Einfuhr unsortierter Kunststoffabfälle. Das ergibt sich aus einer Sonderausgabe des Exportseismografen Deutschland (ESD) vom Institut für Angewandte Logistik (IAL) der Hochschule Würzburg-Schweinfurt und dem Stuttgarter Softwareanbieter AEB.

Deutsche Kunststoffexporte rückläufig

Immerhin: Deutschland scheint verstanden zu haben und ist auf einem guten Weg. Die deutschen Exporte von Kunststoffabfällen sind laut ESD im Jahr 2018 gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent auf 1,05 Millionen t gesunken. Im Vergleich mit 2013 ergibt sich demnach sogar ein Rückgang von 20,5 Prozent. Die Exportquote für Kunststoffabfälle schwankt zwischen 15 und 20 Prozent der insgesamt gesammelten Menge.

Plastikabfall-Endstation vor allem Südostasien

Ein Blick in den ESD zeigt, dass Exporte in andere Länder den Mengeneinbruch Chinas teilweise kompensieren. „Bemerkenswert ist die Entwicklung in mehreren Schwellenstaaten“, sagt Prof. Christian Kille vom IAL. Hier beobachtet er große Sprünge. Statt China endeten deutsche Plastikabfälle immer öfter in Süd- und Südostasien:

  • Malaysia Importmenge 131.426 t im Jahr 2018, +75 Prozent gegenüber 2017,
  • Indonesien 64.459 t im Jahr 2018, + 11.733 Prozent gegenüber 2013,
  • Vietnam 56.781 t, + 1.256 Prozent,
  • Türkei 50,228 t, + 603 Prozent,
  • Indien 67.327 t, 180 Prozent.

Nennenswerte Ausfuhren von deutschen Kunststoffabfällen gehen zudem in die Niederlande (123.010 t) und nach Polen (79.388 t).

Export von Plastikmüll legal

Es ist legal, Kunststoffabfälle zu exportieren. Sie sind laut Dr. Ulrich Lison, Außenwirtschaftsexperte von AEB, weltweit als ungefährlicher Müll eingestuft. EU-Recht erlaubt dessen Handel. Sortenreiner Kunststoffabfall bringt je nach Marktpreis 650 bis 900 Euro pro Tonne. Aus eingeschmolzenen Abfällen lassen sich beispielsweise Pelletts herstellen. Diese wiederum könnten in die Produktion von neuen Plastikprodukten einfließen. Das Problem: Viele Kunststoffexporte sind nicht vorsortiert oder auch nur gereinigt. Abnehmer aus der Dritten Welt suchen sich oftmals lediglich bestimmte Teile heraus, deren Verwertung lukrativ ist. Der Rest werde unter fragwürdigen Bedingungen verbrannt, lande auf einer Deponie oder gar im Meer.

Durchschnittlich 118 Euro Bußgelder

Exporteure schrecken dabei nicht vor Falschdeklarationen zurück. Sie erklären beispielsweise Ausfuhren von unsortierten Kunststoffabfällen als sortierte Kunststoffabfälle – für die Exporteure eine ziemlich risikolose Angelegenheit. 108 Mal musste laut einer Statistik des Umweltbundesamtes für das Jahr 2017 illegaler Abfall rückgeführt werden – wohlgemerkt aller Abfallsorten. In 247 Fällen wurden Bußgelder von durchschnittlich 118 Euro verhängt. Dazu gab es 23 Geldstrafen und eine einzige Haftstrafe von drei Monaten. Außenwirtschaftsrechtlich liegen keine Zahlen vor.

Abfallexporte insgesamt rückläufig

Insgesamt exportierte Deutschland im Jahr 2018 14,99 Millionen t an Abfällen. Das waren 1,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch langfristig ist der Trend rückläufig. 2012 wurden noch 16,3 Millionen t Abfälle aus Deutschland exportiert. Den größten Anteil haben Abfälle sowie Schrott aus Eisen und Stahl mit 58 Prozent, gefolgt von Holzabfällen mit 21 Prozent und Aluminiumabfällen mit sieben Prozent. Kunststoffabfälle machen ebenfalls sieben Prozent der Exporte aus.

Export von Müll, Import von Wertstoffen

Andererseits importiert Deutschland auch 10,5 Millionen t Abfälle. Importe und Exporte unterscheiden sich allerdings deutlich im Wert. Der Wert der Exporte liegt mit 598 Euro/t mehr als 40 Prozent unter dem Wert der Importe (1.002 Euro/t).

„Man kann mit etwas Polemik sagen: Deutschland importiert Wertstoffe und exportiert Abfälle“, so Lison.
Streng reguliert ist die Ausfuhr von Hausmüll, sogenannten Siedlungsabfällen. Insgesamt werden davon nur 263.000 t ausgeführt, knapp zwei Prozent der gesamten Abfallexporte. 87,9 Prozent der exportierten Siedlungsabfälle gehen in die Schweiz in dortige große Verbrennungsanlagen.

Manche Produkte in Wirklichkeit Abfälle

Andere durchaus problematische Abfälle tauchen in der Statistik gar nicht auf. Durchschnittlich 175 Fernseher – im Jahr 2018 64.000 Geräte – mit Bildröhren verlassen jeden Tag Deutschland. Die Fachleute gehen davon aus, dass die veraltete Technik nicht fabrikneu ist. Fast 61.000 Geräte landen in Afrika, vor allem Ghana, Nigeria und Kamerun. Dort brächten die Innereien eines Fernsehers zwischen 1,25 bis 1,50 Euro, wobei sich die Wissenschaftler auf Medienberichte berufen. Was sich nicht irgendwie zu Geld machen lässt, landet – auf Müllkippen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)