29.08.2018

Teufelsstein und Bergkristall: Alpen-Initiative vergibt Transport-Preise

Krabben von der Nordsee nach Marokko zum Puhlen und zurück zum Essen an die Nordsee. Wer meint, dass dieser Transport quer durch Europa nach Afrika den ersten Preis für Absurdität verdient, muss umdenken. Den Schmähpreis Teufelsstein von der Schweizer Alpen-Initiative erhielt ein anderer Transport – einer von der Schweiz nach China und zurück.

Für eine Hausfassade ließen die Schweizerischen Bundesbahnen Natursteine aus Deutschland nach China schicken, um sie dort verarbeiten zu lassen. Insgesamte Transportstrecke für die Fassadensteine: 43.120 absurde Kilometer.

Brückeneinsturz von Genua

Mit dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua hat der Ausbau des EU-Transportkorridors von der italienischen Hafenstadt nach Rotterdam einen katastrophalen Rückschlag erhalten. Auch die Nutzung der Alpen als besonders schützenswertes Naturreservat ist ein Nadelöhr auf dem Korridor. Immer wieder steht sie in der Kritik. Jetzt prangert die „Alpen-Initiative“ im schweizerischen Altdorf mit dem Schmähpreis Teufelsstein den absurdesten Transport an.

Insgesamt 8.611 Personen haben an der Abstimmung zu den Transport-Auszeichnungen der Alpen-Initiative teilgenommen. Jetzt ist die Entscheidung öffentlich.

Der Teufelsstein für den absurdesten Transport

Der Schmähpreis Teufelsstein für den absurdesten Transport geht an die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und die Fassade an ihrem Objekt in der Züricher Europaallee. Der schweizerische Bundesbetrieb SBB verwendete für seine Prestige-Immobilie Steine, aber ganz besondere. Bevor sie in Zürich ihren Platz fanden, schickte die Bahn sie auf eine über 43.000 Kilometer lange Reise einmal nach China und zurück.

Die Fassade in Zürich wurde zwar mit Natursteinen aus Deutschland gebaut, aber die Steine wurden in China montiert, von dort nach Basel zurück verschifft und mit dem Lastwagen nach Zürich transportiert. Gesamte Transportstrecke laut „Alpen-Initiative“: 43.120 Kilometer.

Wie die Initiative mitteilt, verursachte der Transport 20-mal mehr CO2, als eine Herstellung der Fassade vor Ort produziert hätte. Die Alpen-Initiative kritisiert, dass ein solches Vorgehen in Übereinstimmung mit dem schweizerischen Beschaffungsgesetz steht.

„Ein Unternehmen erhält eher einen Auftrag, wenn es Steine ans andere Ende der Welt und zurück transportiert, als wenn es mit Lieferanten und Materialien aus der Region arbeitet. Das zeigt die Absurdität unseres aktuellen Systems auf“, sagt Jon Pult von der Initiative.

Güterverkehr auf der Straße in der Verantwortung

Marina Carobbio Guscetti ist Vizepräsidentin der Alpen-Initiative und des schweizerischen Nationalrats. Sie fordert eine Klimapolitik, die auch den Güterverkehr auf der Straße in die Verantwortung nimmt. Frau Guscetti ruft dazu auf, den Konsum von lokalen Produkten zu bevorzugen. „Es ist allerhöchste Zeit, dass wir Maßnahmen ergreifen, um die Erwärmung des Klimas zumindest zu bremsen“, sagte sie unlängst auf einer Versammlung von Alpenschützern.

Versiegte Quellen, Kühe, die auf den Alpen per Helikopter mit Wasser versorgt werden müssen: Für die Alpenschutzorganisationen nimmt das Thema Klimawandel angesichts des extremen Hitzesommers, der nach Angabe der Initiative wärmsten Periode seit Messbeginn 1864, an Dringlichkeit zu.

Neben den SBB waren zwei weitere Kandidaten aus dem Transportwesen für den Teufelsstein nominiert: Das Unternehmen Proviande lässt Schweinedärme nach China transportieren und dort zu Wursthüllen für Schweizer Bratwürste verarbeiten. Die Firma Landi verkauft in ihren Läden Brennholz aus Nord- und Osteuropa anstatt Holz aus einheimischen Wäldern.

Bergkristall für Wasser aus der Leitung

Den Bergkristall als positive Auszeichnung erhielt die Luzerner Organisation „Wasser für Wasser“. Sie setzt sich dafür ein, dass Restaurants und Firmen Leitungs- statt Flaschenwasser ausschenken. „Mit der Wahl von Karaffen von ‘Wasser für Wasser’ können sich Restaurants und Unternehmen für das Klima einsetzen, indem sie auf weite Transportwege verzichten und weniger Abfälle produzieren“, sagt Michael Töngi, Nationalrat und Mitglied des Alpenrats der Alpen-Initiative.

Für den Bergkristall waren auch der Cargobike-Hauslieferdienst Collectors und bioRe nominiert. BioRe von Remei: ein Kleiderhersteller, der für Transparenz über die Herkunft der Rohstoffe und deren Verarbeitung sorgt.

Weniger Transporte, weniger CO2-Ausstoß

„Mit den Preisen möchten wir Unternehmen ermutigen, nach Lösungen zu suchen, um weniger Transporte zu verursachen“, sagt Django Betschart, Leiter Alpenschutzpolitik der Alpen-Initiative. Ziel müsse es sein, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und den Klimawandel zu stoppen. Dazu gehöre das Verlagern der Güter von der Straße auf die Schiene, aber auch das Vermeiden von Transporten.

Hier geht es zur Website der Alpen-Initiative.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)