19.08.2021

Studie: Stillgelegte Bahnstrecken wiederbeleben – sofort!

Bahnstrecken stilllegen ist nicht schwer – sie wieder wachküssen dagegen sehr, aber notwendig, wie das ifo Institut in einer neuesten Studie erklärt. Ohne die dafür nötigen Kraftanstrengungen zur Belebung des Transportträgers Bahn sei eine Verkehrswende nicht zu haben.

Stillgelegte Bahnstrecken

Statt Börsengang Verkehrswende

Jahrzehntelang dünnten Bahn und Bund das Bahnnetz aus – zum höheren Nutzen des Börsenganges auf Schienen. Ergebnis: an der Börse fährt immer noch kein Aktienzug der Deutschen Bahn, Aktien des Bahn-Monopolisten fragen Börsianer umsonst zum Kauf an.

Dafür hat die Verkehrswende die Bahn längst eingeholt. „Vor allem auf dem Land“, sagt Felix Rösel. Er ist Mitautor einer neuen Studie des ifo Instituts Niederlassung Dresden in Zusammenarbeit mit Forscherinnen vom Deutschen Zentrum für Schienenverkehrsforschung beim Eisenbahn-Bundesamt. Sie befürwortet die Wiederbelebung stillgelegter Bahnstrecken. Auf diese Weise könnte der ländliche Raum schneller angebunden werden.

30 Prozent Bahnstrecken stillgelegt

Fast 30 Prozent der Bahnstrecken in Deutschland wurden in den vergangenen 60 Jahren stillgelegt, in Ost und West gleichermaßen, heißt es in der Studie. In vielen Fällen seien die Gleise noch nicht abgebaut. Deshalb könnten einige stillgelegte Strecken reaktiviert werden. Dieses Potenzial gelte es so weit wie möglich auszuschöpfen, bevor Trassen neu gebaut würden.

15.000 km – dreimal so lang wie NRW-Bahnstrecke

Das deutsche Bahnnetz ist im Vergleich zum Jahr 1955 um fast 15.000 Kilometer geschrumpft. Hintereinandergelegt wäre die Schienenstrecke dreimal so lang wie die gesamte Länge des Streckennetzes von Nordrhein-Westfalen oder mehr als ein Drittel des Umfangs der Erde. Die Streckenstilllegungen erfolgten zu unterschiedlichen Zeitpunkten:

  • im Westen vorrangig während des „Wirtschaftswunder“-Booms,
  • im Osten in der ökonomisch schwierigen Phase nach der Wiedervereinigung.

Reaktivierungen stillgelegter und noch nicht entwidmeter Strecken könnten dazu beitragen, den Bahnverkehr schneller zurück in die Fläche zu bringen.

Stillgelegte Streckenkilometer
Stillgelegte Streckenkilometer

Die Tabelle zeigt die Länge des öffentlichen Streckennetzes der Eisenbahn in Kilometern für Ost- (mit Berlin), West- (ohne Berlin) und Gesamtdeutschland in den Jahren 1955, 1989 und 2019 bestehend aus:

  • Betriebslänge,
  • Schmalspur und Normalspur,
  • Privat- und Staatsbahn,
  • Haupt- und Nebenbahnen.

Der hintere Teil der Tabelle gibt die Veränderung des Streckennetzes an. Die Daten zur Netzlänge sind verschiedenen Jahrgängen der Statistischen Jahrbücher des Deutschen Reichs, der Bundesrepublik Deutschland, des Saargebiets/Saarlandes und der Deutschen Demokratien Republik sowie Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes und des Eisenbahn-Bundesamtes entnommen und auf den jeweiligen Gebietsstand umgerechnet worden.

Unterschiedliche Wahrnehmung Ost und West

„Uns hat sehr überrascht, dass Ost- und Westdeutschland in exakt gleichem Umfang von Stilllegungen betroffen sind“, sagt Rösel.
Im Westen habe man Bahnstrecken zur Zeit von Wirtschaftswunder und Auto-Boom stillgelegt, im Osten in der ökonomisch schwierigen Phase nach der Wiedervereinigung.
„Das erklärt eine deutlich unterschiedliche Wahrnehmung in Ost und West“, so Rösel.
Für die Studie werteten die Forscher zahlreiche historische Datenquellen zum öffentlichen Streckennetz der Eisenbahn in Ost- und Westdeutschland zwischen 1919 und 2019 aus.

Der Aufsatz von Stefanie Gäbler, Manuela Krause und Felix Rösel mit dem Titel „15.000 Kilometer Bahnstrecken weniger als vor 70 Jahren in Deutschland – Ost und West gleichermaßen betroffen“ ist in Heft 04/2021 der Zeitschrift „ifo Dresden berichtet“ veröffentlicht.

Autor: Franz Höllriegel (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)