16.09.2021

Studie: Lieferengpässe verdüstern Konjunktur

Schlussspurt der Konjunktur im Jahr 2021. Die Aussichten dafür haben sich weiter eingetrübt. Das signalisiert der Konjunkturindikator des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Hauptursachen: Lieferengpässe und gestiegene Preise.

Lieferengpässe

Von grün auf gelbgrün

Von „grün“ auf „gelbgrün“ schaltet der Ampel-Indikator des IMK. Will heißen: gemessen am langjährigen Mittel

  • überdurchschnittliches Wachstum von 50 Prozent im August
  • nur noch durchschnittliches Wachstum von 40,1 Prozent von September bis Ende November 2021.

Zwar könnte die deutsche Wirtschaft in den kommenden Monaten in eine erneute Rezession geraten. Das Risiko dafür ist laut IMK im Vergleich zwar weiterhin niedrig. Es hat aber von 11,4 auf jetzt 19,3 Prozent zugenommen. Die statistische Streuung im Indikator ist ein Maß für die Unsicherheit von Wirtschaftsakteuren. Es ist leicht gestiegen.

Daten über die Wirtschaftslage

Der Konjunkturindikator (KI) ermittelt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Deutschland innerhalb der nächsten drei Monate eine Rezession (Ampelphase rot) oder einen Boom (Ampelphase grün) erlebt. Der KI soll als Frühwarnsystem fungieren. Deswegen basiert eine prognostizierte Rezession (Boom) auf einem nennenswerten Rückgang (Zunahme) der Industrieproduktion. Diese ist deutlich volatiler als das BIP und auf Monatsbasis verfügbar. Das Spektrum möglicher Ab- und Aufschwünge reicht von einem kurzen tiefen Einbruch (einer starken Zunahme) bis zu einer länger anhaltenden, aber schwächeren Veränderung der Produktion. Neben Rezessions- und Boomphasen kennt der KI ein drittes Regime, welches je nach Konstellation der Resultate für ein durchschnittliches Wachstum der ökonomischen Aktivität (Ampelphase grün-gelb) oder für erhöhte konjunkturelle Unsicherheit (Ampelphase gelb-rot) steht.

Ermittlung über Frühindikatorkonstellationen

Ermittelt werden die Wahrscheinlichkeiten auf der Basis von Frühindikatorkonstellationen, die in der Vergangenheit eine Rezession (Boom) zur Folge hatten. Hierfür werden herangezogen:

  • Finanzmarktdaten
  • realwirtschaftliche Daten
  • Stimmungsindikatoren.

Beispiele für die verschiedenen Kategorien sind:

  • diverse Zinsspreads
  • Auftragseingänge des Verarbeitenden Gewerbes
  • ifo Geschäftsklimaindex.

Dabei überprüft der KI die Aussagekraft der einzelnen Daten ständig neu in Echtzeit und filtert die für die aktuelle Lage relevanten Indikatoren heraus, anhand derer die Rezessions- und Boomwahrscheinlichkeit prognostiziert werden.

Gründe für gedämpfte Prognose

Dass die neue Prognose des Indikators gedämpfter ausfällt, liege vor allem an:

  • den Lieferengpässen, insbesondere bei Halbleitern
  • gestiegenen Preisen bei Rohstoffen und Vorleistungen.

Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe erhole sich nur langsam, im Gegensatz zu den dynamisch wachsenden Auftragseingängen. Damit einhergehend habe sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft verschlechtert.

„Der Aufschwung bleibt intakt, aber die Bäume wachsen nicht in den Himmel“, fasst IMK-Forscher Dr. Thomas Theobald den Trend zusammen.
Statt einer kräftigen Beschleunigung stehe im Schlussquartal ein eher moderates Wachstum bevor.

Lieferengpässe Begleiterscheinung des weltwirtschaftlichen Neustarts

Dabei seien die Lieferengpässe als Begleiterscheinung des weltwirtschaftlichen Neustarts nach der tiefen Corona-Krise 2020 „grundsätzlich ein temporäres Problem“, so Theobald. Die angebotsseitigen Anpassungen kämen, sie bräuchten mehr Zeit als zunächst erwartet. Die Engpässe wirkten sich auch noch in der ersten Jahreshälfte 2022 dämpfend auf die Produktion aus. Zudem erhole sich der private Verbrauch aufgrund des Wiederanstiegs bei den Corona-Infektionszahlen noch nicht so stark wie erhofft.

In den IMK-Konjunkturindikator fließen zahlreiche Daten aus der Real- und der Finanzwirtschaft ein. Darüber hinaus berücksichtigt das Instrument Stimmungsindikatoren. Das IMK nutzt die Industrieproduktion als Referenzwert für eine Rezession, weil diese rascher auf einen Nachfrageeinbruch reagiert als das Bruttoinlandsprodukt. Der Konjunkturindikator wird monatlich aktualisiert.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)