26.06.2019

Straße von Hormus: Explosionen auf Öltankern

In der Straße von Hormus brannten zwei Schiffe. Warum, wieso – niemand weiß es. Die Regionalmächte schieben sich die Schuld an dem Vorfall zu – aber erst nachdem die USA und Großbritannien ihre Schuldzuweisung getroffen haben: der Iran sei’s gewesen. Zweifel sind angebracht.

Krise in der Straße von Hormus: Explosionen auf Öltankern

Ausgeklügeltheit des Iran – oder doch der USA?

Am Donnerstag, den 13. Juni 2019, kommt es auf zwei Tankern im Golf von Oman in der Straße von Hormus binnen einer Stunde zu Explosionen. Der Explosionsqualm ist noch nicht verzogen, da wollen die USA bereits den Schuldigen dafür ausgemacht haben.

US-Außenminister Mike Pompeo macht noch am Abend selbigen Tages den Iran für die Explosionen verantwortlich. Er beruft sich „Telepolis“ zufolge auf Geheimdiensterkenntnisse zu einer seiner Ansicht nach vorhandenen „Ausgeklügeltheit“ und zu den mutmaßlich eingesetzten Waffen. Konkrete Details dazu nennt er nicht. Das Motiv des Iran bestand seinen Worten nach darin, „die (aktuellen, Anmerkung von Telepolis) Spannungen eskalieren zu lassen“.

In der Nacht veröffentlicht das US-Zentralkommando Centcom ein Video, das Personen in einem Schnellboot angeblich beim Entfernen einer nicht explodierten Haftmine zeigt.

Wettkampf um die moralische Überlegenheit

Bereits kurz nach Beginn der Rettungsmaßnahmen setzte ein „Wettkampf um die moralische Überlegenheit“ ein, so laut Telepolis FAZ-Korrespondent Christoph Ehrhardt. Die in Bahrein stationierte Fünfte Flotte der US-Navy sprach demnach nicht nur von Notrufen, sondern von „uns gemeldeten Angriffen auf Schiffe im Golf von Oman“, wegen derer man „Hilfe leiste“.

Von iranischer Seite hieß es kurz darauf, nicht die US-Navy, sondern das iranische Rettungsschiff Naji habe 44 Seeleute gerettet und nach Bandar-e Dschask gebracht. Nun untersuche man die „schweren Zwischenfälle“ mit Hubschraubern und Expertenteams. Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif nannte die Vorfälle später „äußerst verdächtig“.

Kein Zufall? Wer hätte das gedacht …

Straße von Hormus zwischen Persischem Golf und Golf von Oman

Die meisten Medien, so der Bericht auf „Telepolis“ weiter, gehen anhand der engen örtlichen und zeitlichen Nähe der Vorfälle nicht von einem Zufall aus, halten aber Sabotage für möglich. Vor etwa einem Monat hatte es in der Nähe des ebenfalls am Golf von Oman gelegenen Hafens Fujairah Explosionen auf vier Öltankern gegeben. Eine Untersuchung durch die Vereinigten Arabischen Emirate habe damals eine wahrscheinliche Verantwortung nicht näher genannter „staatlicher“ Akteure ergeben, die über Taucher aus Schnellbooten Haftminen anbringen ließen.

Saudi-Arabien beschuldigte daraufhin die iranische Staatsführung, was diese allerdings zurückwies. Auch Großbritannien schloss sich der Schuldzuweisung gegen den Iran an. In einem sind sich alle Schuldzuweiser einig: dass man sich „fast ganz sicher“ sei – Belege und Fakten aber sind Fehlanzeige.

Hochexplosive Ladung – aber trotz Brand explodiert sie nicht

Was man weiß, ist: Die beiden betroffenen Schiffe hatten petrochemische Flüssigkeiten geladen: Methanol und Rohbenzin. Das Rohbenzin transportierte laut „Telepolis“ die „Front Altair“, ein 250 Meter langes Schiff. Das gehört einer norwegischen Reederei und fuhr unter der Flagge der Marschallinseln von den Vereinigten Arabischen Emiraten aus nach Taiwan. An Bord sei es zu drei Explosionen und einem Brand gekommen, aber nicht zur Explosion der Ladung. Daraufhin habe man die unverletzte Mannschaft evakuiert, obwohl das Schiff nicht sank. Von den 23 Besatzungsmitgliedern waren elf Philippinos, elf Russen und einer Georgier.

Der zweite evakuierte Tanker ist die 170 Meter lange, von der Hamburger Reederei Bernhard Schulte Shipmanagement betriebene „Kokuka Courageous“ der japanischen Firma Kokuka Sangyo. Er hatte unter der Flagge Panamas in Saudi-Arabien für Singapur bestimmtes Methanol geladen. Auf ihm brach etwa 14 Seemeilen von der iranischen und etwa 70 Seemeilen von der arabischen Küste entfernt ein Feuer aus, das jedoch ebenfalls nicht zu einer Explosion der Ladung führte. Hier wurde einer der insgesamt 21 ausnahmslos philippinischen Seeleute leicht verletzt.

Hormus – Nadelöhr der weltweiten Erdöl-Wirtschaft

Die Straße von Hormus ist ein Nadelöhr der weltweiten Erdöl-Wirtschaft. Durch sie wird ein Fünftel des weltweiten Ölbedarfs ausgeschifft. Die Meerenge ist einer der größten Engpässe für die weltweite Versorgung, wie „Statista“ berichtet.

Das Statistik-Portal bezieht sich auf Angaben der „Financial Times“ und kürzlich veröffentlichte Daten der „Lloyd’s List Intelligence“. Aus denen geht hervor, dass im Jahr 2018 täglich fast 17 Millionen Barrel Öl durch die enge Schifffahrtsstraße fuhren – mehr als bei jedem anderen Engpass für Rohöl auf See. Durch die Straße von Malakka werden jährlich rund 16 Millionen Barrel transportiert. Alle weiteren Meerengen liegen unter fünf Millionen Barrel pro Jahr.

Die Grafik von Statista zeigt die Bedeutung der Straße von Hormus für weltweite Öltransporte.

Wenn Öltanker die Straße von Hormus nicht passieren könnten, hätte dies erhebliche Auswirkungen, wie beispielsweise einen Anstieg der Ölpreise oder der Preise für flüssiges Erdgas. Etwa ein Drittel des weltweit verflüssigten Erdgases gelangt ebenfalls über diese Meerenge.

Das gefährliche Spiel des John Bolton

Die Spannungen zwischen dem Iran und den USA nehmen zu, seit die USA 2018 das Atomabkommen mit dem Iran gekündigt haben und neue Sanktionen verhängten, an die sich auch Drittstaaten halten müssen, die mit den USA im Geschäft bleiben wollen. Im Mai 2019 verstärkten die USA die Präsenz ihrer Streitkräfte in der Nähe des Iran.

Nach Angaben von John Bolton, Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, sollte das eine

„klare und unmissverständliche Botschaft an das iranische Regime sein, dass jedem Angriff auf die Interessen der Vereinigten Staaten oder auf die ihrer Verbündeten mit unerbittlicher Kraft begegnet wird“, einerlei, ob er „von Stellvertretern, den islamischen Revolutionsgarden oder den regulären iranischen Streitkräften“, komme –

und wieder einmal offenbar egal, ob dafür tatsächliche Beweise vorliegen oder nicht. Den amerikanischen Präsidenten selbst zitiert „Telepolis“ mit den Worten, wenn er Bolton in der Außenpolitik freie Bahn lassen würde, dann müsste er „schon vier neue Kriege führen“.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)