13.01.2021

Startschwierigkeiten: EU-Einkauf von Covid-19-Impfstoff

„Bild“ sprach mit dem Embryo. Auch an der Börse handelt man mit Erwartungen in die Zukunft. Der Selbstversuch der Einkäufer der EU als Sensationsjournalisten und Spekulanten bei Covid-19 ging daneben. Sie setzten auf falsche Impfstoffe. Ein Außenseiter ging zuerst durchs Ziel.

Covid-19-Impfstoff

Impfstoff-Favoriten mit Handicap

Count-Down einer Fehleinkaufsstrategie:

  • August 2020: 300 Millionen Dosen bestellt die EU-Kommission beim britisch-schwedischen Konzern Astra-Zeneca.
  • September 2020: 300 Millionen Dosen beim französisch-britischen Konglomerat Sanofi und GSK.
  • Oktober 2020: 200 Millionen Dosen beim belgischen Hersteller Janssen und der US-Pharmafirma Johnson & Johnson.

Dann:

  • Herbst 2020: erste Probleme bei den Briten von Astra-Zeneca, „unter anderem dank nebulösem Studiendesign“, wie „Focus“ schreibt.
  • Dezember 2020: Sanofi fällt mit seinem Impfstoff durch die dritte und letzte Phase der klinischen Tests. Die Franzosen müssen nochmal von vorne anfangen.

Erst im November 2020 bestellt die EU 300 Millionen Dosen bei dem deutschen Hersteller Biontech aus Mainz, als klinische Tests das Potenzial dessen Impfstoffs zeigen. Später folgt noch eine Bestellung von 80 Millionen Dosen bei US-Hersteller Moderna, das voraussichtlich als zweites Impfmittel seine Marktzulassung erhalten wird. Auch der Tübinger Hersteller Curevac und Novavax werden in der Folge noch mit Bestellungen bedacht.

Pech im Unglück

Aber erst hat man kein Glück, dann wird daraus Unglück, und schließlich kommt noch zu einem gewissen Grad Pech hinzu. Wer Impfstoffe bestellt, die sich noch in der Entwicklung befinden, kauft notgedrungen die Katze im Sack.

„Erst in der letzten der drei entscheidenden klinischen Entwicklungsphasen stellen die Unternehmen unter Live-Bedingungen die Stärke des Impfschutzes fest“, sagt Rolf Hömke vom Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA) zu Focus Online, „Das kann bei allen Impfstoff-Kandidaten passieren.“

Zudem sei Biontech gewissermaßen als Überraschungssieger aus dem Impfstoff-Rennen hervorgegangen. Noch im Sommer galten andere Hersteller als Favoriten, aus Deutschland Curevac, nicht Biontech. Er habe damals keinen einzigen Experten getroffen, der zu Biontech geraten hätte, sagte der CDU-Europaabgeordnete und Gesundheitsexperte Peter Liese zu Focus Online. Es sei „neunmalklug bis wohlfeil, im Dezember festzustellen, dass man im August etwas hätte anders machen sollen“.

Revolutionärer Biontech-Impfstoff

Ein Grund für die Skepsis ist logistischer Art. Der Impfstoff von Biontech verwendet ein revolutionär neues Verfahren, das in dieser Form noch nie angewandt wurde. Impfstoffe wie der von Astra-Zeneca funktionieren hingegen ähnlich wie Grippe-Impfstoffe. Das macht es leichter, das Potenzial einzuschätzen.

Der Biontech-Impfstoff erfordert besonders aufwendige Lagerungstechnik. Er muss immer auf 70 Grad minus gekühlt sein. Das sorgt für zusätzliche Probleme in der Logistik. Auch in Deutschland gab es schon Fälle, in denen der Mainzer Impfstoff zunächst nicht verwendet werden konnte, weil es Unterbrechungen in der Kühlung gab.

EU wollte sicheres Verfahren und Bevölkerung beruhigen

Ein anderer: die Politik der EU. Brüssel wollte ein möglichst gründliches und sicheres Verfahren schaffen. Einerseits um den impfskeptischen Teil der Bevölkerung zu beruhigen, der je nach Umfrage und Land zwischen 30 und 50 Prozent ausmacht. Andererseits der europäischen Einheit willen. Diese Strategie hatte jedoch ihren Preis: Bestellungen – und somit auch die Lieferungen – gingen wesentlich langsamer vonstatten als außerhalb Europas.

Während die USA und Großbritannien im Juli und August Vorabverträge mit je sechs Herstellern über 840 Millionen bzw. 340 Millionen Impfdosen abschlossen, kam Brüssel nicht voran. Erst am 27. August vermeldete laut „Bild“ EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides (64) erstmals grünes Licht: der Vertrag mit AstraZeneca über 300 Millionen Dosen (+ 100 Millionen weitere) ist unterzeichnet.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)