12.11.2018

Stahlindustrie: EU-Kommission nimmt Fusion ThyssenKrupp mit Tata unter die Lupe

Stahlhart. So will sich die EU-Kommission zeigen bei der Überprüfung einer Fusion der Stahlkonzerne ThyssenKrupp und Tata Steel. Sie befürchtet Auswirkungen auf den Wettbewerb im Stahlmarkt.

_TatFusion ThyssenKrupp mit Tata

Hohe Beschäftigung in stahlintensiven Branchen

Stahl ist ein wesentlicher Bestandteil vieler Alltagsgüter. Wettbewerbsfähige Stahlpreise sind für die europäische Wirtschaft von entscheidender Bedeutung. Die stahlintensiven Branchen beschäftigen in Europa über 30 Millionen Menschen.

Sie müssten sich im Wettbewerb auf den Weltmärkten behaupten können. Aus diesem Grund will die EU-Kommission die Auswirkungen des geplanten Zusammenschlusses von Tata Steel und ThyssenKrupp auf den wirksamen Wettbewerb auf den Stahlmärkten sorgfältig prüfen. Die Kommission hat dazu jetzt ein entsprechendes Prüfverfahren eingeleitet.

Verringerung des Wettbewerbs befürchtet

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befürchtet die Kommission, dass der Zusammenschluss zu einer Verringerung des Wettbewerbs zwischen den Anbietern verschiedener hochwertiger Stahlsorten führen könnte.

Tata Steel und ThyssenKrupp gehören zu den größten integrierten Herstellern von Kohlenstoff-Flachstahl und Elektrostahl in der Stahlindustrie. Sie verfügen über große Produktionsanlagen im europäischen Wirtschaftsraum (EWR), insbesondere in Deutschland, Niederlanden und Großbritannien. Bei einem Zusammenschluss würden sie ihre europäischen Kohlenstoff-Flachstahl- und Elektrostahlsparten in einem Gemeinschaftsunternehmen zusammenführen.

Vorläufige Wettbewerbsbedenken der Kommission

Eine erste Marktuntersuchung der Kommission gebe Anlass zu verschiedenen Bedenken, heißt es in einer Mitteilung der Kommission. Insbesondere bereitet ihr Sorgen eine Zusammenführung des Angebots der beiden Unternehmen an folgenden Kohlenstoff-Flachstahl- und Elektrostahlerzeugnissen:

  • Stahl für die Automobilindustrie; dabei handelt es sich um verschiedene Arten von überwiegend verzinktem Stahl, die für die Herstellung von Kraftfahrzeugen und Fahrzeugteilen verwendet werden;
  • metallbeschichteter Verpackungsstahl, der für verschiedene Verpackungslösungen wie z. B. Konserven- und Aerosoldosen verwendet wird;
  • kornorientiertes Elektroband‚ das zur Herstellung einer Vielzahl technischer Produkte wie Transformatoren dient.

Kunden dieser Stahlerzeuger stünden nach einem Zusammenschluss weniger Anbieter zur Auswahl, befürchtet die Kommission. Folge: sie müssten höhere Preise zahlen. Zu den Kunden zählen europäische Unternehmen, große Konzerne sowie zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen (KMU), von denen viele mit Importeuren in den EWR oder bei Export ihrer Erzeugnisse in Länder außerhalb Europas mit Unternehmen aus aller Welt im Wettbewerb stehen. Die Kommission will feststellen, ob sich ihre vorläufigen wettbewerbsrechtlichen Bedenken bestätigen.

Das Fusionsvorhaben hatten die Konzerne am 25. September 2018 bei der Kommission angemeldet. Während des Vorprüfverfahrens wollen sie keine Verpflichtungszusagen unterbreiten, mit denen die vorläufigen Bedenken der Kommission ausgeräumt werden könnten. Die Kommission muss innerhalb von 90 Arbeitstagen, also spätestens am 19. März 2019, einen Beschluss erlassen. Das eingehende Prüfverfahren werde ergebnisoffen geführt.

EU-Kommission muss prüfen

Übersteigt der Umsatz von Unternehmenszusammenschlüssen wie dieser Fusion bestimmte Schwellenwerte, muss die Kommission prüfen und sie gegebenenfalls untersagen, wenn sie einen wirksamen Wettbewerb im gesamten oder in einem wesentlichen Teil des EWR erheblich behindern könnten.

Der weitaus größte Teil der angemeldeten Zusammenschlüsse ist wettbewerbsrechtlich unbedenklich und wird nach einer Standardprüfung genehmigt. Nach der Anmeldung muss die Kommission in der Regel innerhalb von 25 Arbeitstagen entscheiden, ob sie den Zusammenschluss genehmigt oder nicht (Phase I). In diesem Fall leitet sie ein eingehendes Prüfverfahren ein (Phase II).

Es ist zur Zeit nicht das einzige Prüfverfahren, dass die EU-Kommission angestrengt hat. Neben der anstehenden Untersuchung laufen sechs weitere Prüfverfahren zu geplanten Übernahmen:

  • Gemalto durch Thales,
  • Alstom durch Siemens‚
  • Nylongeschäft von Solvay durch BASF,
  • Tele2 NL durch T-Mobile NL‚
  • MKM durch KME,
  • Walzproduktsparte von Aurubis durch Schwermetall.

Stahlindustrie: Schwergewicht Tata Steel

Tata Steel mit Hauptsitz in Indien ist ein diversifizierter Stahlhersteller. Er ist weltweit in der gesamten Wertschöpfungskette für Kohlenstoffstahl und Elektrostahl tätig. Das Unternehmen verfügt über mehrere Produktionsstätten im EWR. Seine größten Werke liegen im britischen Port Talbot und in IJmuiden in den Niederlanden. Der deutsche Mitbewerber ThyssenKrupp betätigt sich ebenfalls u. a. in der Herstellung und Lieferung von Kohlenstoff-Flachstahl und Elektrostahl. Seine größten Produktionsstandorte für diese Erzeugnisse liegen in Deutschland.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)