06.08.2018

Schienengüterverkehr leidet unter Personalmangel

Güterzüge stehen, Lokführer sind falsch eingesetzt – DB Cargo hat immer deutlichere Probleme. Im Vorstand der Güterverkehrstochter der Deutschen Bahn mag man es noch nicht so deutlich formulieren, aber klar dürfte sein: der jahrzehntelange Personalabbau hinterlässt seine Spuren.

Güterverkehr leidet unter Personalmangel

Hausgemachte Schwächen

Der Schienengüterverkehr schwächelt weiter. DB Cargo fuhr im ersten Halbjahr einen Verlust von 127 Millionen Euro ein. Bei der Zuordnung der Ursachen ist man sich zwischen Vorstand und Belegschaft nicht unbedingt einig. Der DB-Vorstandsvorsitzende Richard Lutz macht laut einer Mitteilung der Lokführergewerkschaft GDL dafür den Bahnstreik in Frankreich und den Sturm „Friederike“ verantwortlich, räumt aber auch „hausgemachte Schwächen“ ein.

Logistikvorstand Alexander Doll kritisierte demzufolge, zu viele Güterzüge ständen herum, der Einsatz der Lokführer müsse effizienter werden. Wie er sich letzteres vorstellt, habe er allerdings nicht beantwortet.

Zusätzlich 600 Lokomotivführer

Für den Fall, dass er die Lokomotivführer selbst in der Pflicht sehen sollte, will GDL-Chef Claus Weselsky vorsorglich sichergestellt wissen: „Unsere Lokomotivführer erledigen ihre Arbeit pünktlich und zuverlässig.“ Die angeblich fehlende Effizienz sei somit im Management zu suchen. Hier könne in der Tat einiges verbessert werden.

Damit die Züge abgefahren werden können, müsse man zunächst den Personalmangel beseitigen. Und der sei gravierend, so die GDL. Dazu laufe bereits eine Einstellungsoffensive. Personalvorstand Martin Sailer: „Im ersten Halbjahr haben wir bereits 13.300 neue Mitarbeiter eingestellt, allein 1.000 Lokomotivführer. Bis Ende des Jahres sollten noch 600 Lokomotivführer eingestellt werden.“

Güterverkehr: Trendwende positiv

Weselsky begrüßt denn auch die Trendwende: „Es ist gut, dass die Bahn endlich mehr Lokomotivführer und Zugbegleiter einstellt.“ Das reiche aber nicht, um dauerhaft einen ausgeglichenen Bestand an Zugpersonal zu generieren. Jahrzehntelang habe man Personal abgebaut – vor eineinhalb Jahren sollten noch 400 Lokomotivführer-Stellen im Schienengüterverkehr gestrichen werden. Nun können Züge nicht abgefahren werden, weil die Lokomotivführer fehlen.

Verstärkt wird das Problem durch das hohe Durchschnittsalter der Lokomotivführer. Es beträgt laut GDL fast 50 Jahre, in den kommenden Jahren gingen viele in Ruhestand – und das bei einem leergefegten Stellenmarkt. Weselsky: „Langfristig ist qualifiziertes und engagiertes Zugpersonal nur mit guten Entgelt- und Arbeitsbedingungen zu halten.“ Die Tarifverhandlungen stehen vor der Tür.

Weselsky: Infrastruktur randgenäht

Nicht nur am Personal mangelt es. Weselsky: „Auch die Infrastruktur ist nach dem jahrzehntelangen langen Abbau randgenäht.“ Dennoch seien die Trassenkilometer im ersten Halbjahr weiter gestiegen – nach der DB-Bilanz um 1,1 Prozent auf 540 Millionen Trassenkilometer. Nach Angaben der DB gibt es derzeit rund 800 Baustellen im DB-Netz. Mit Digitalisierung will die Bahn zusätzliche Kapazitäten von bis zu 20 Prozent im Netz schaffen.

Die Netzprobleme beeinträchtigten auch die Pünktlichkeit im Fernverkehr. Im ersten Halbjahr 2018 fuhren nur 77,4 Prozent dieser Züge pünktlich. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 81 Prozent. In diesem Jahr will die DB mit 100 Millionen Euro die Pünktlichkeit verbessern. Dazu werde ein „Lagezentrum Pünktlichkeit“ eingerichtet.

Dass die Pünktlichkeit nicht noch weiter sank, führt die GDL maßgeblich auf Lokomotivführer und Zugbegleiter zurück. Sie hätten den Verkehr flexibel und mit Überstunden aufrechterhalten. Genau dies aber will die Gewerkschaft begrenzen – mit dem Tarifvertrag „Mehr Plan, mehr Leben“. Jeder Lokomotivführer habe das Ziel, Fahrgäste und Fracht pünktlich ans Ziel zu bringen, „aber bitte unter fairen Arbeitsbedingungen“, so Weselsky.

Systemfehler beim Netzausbau

Die GDL fordert ein Ende der Systemfehler beim Netzausbau. Weselsky: „Statt viel Geld in Leuchtturmprojekte wie Stuttgart 21 zu versenken, muss das Schienennetz für den Güter- und den Personenverkehr konsequent nach einem kapazitätsorientierten ‚Deutschlandtakt‘ ausgebaut werden.“ Damit das funktioniert, müsse eine Bahnreform II erfolgen.

Dazu müsse man DB Netz, DB Energie und DB Station & Service zu einer gemeinnützigen Gesellschaft zusammenfassen. Dann braucht es Eisenbahner, die das komplexe Eisenbahnsystem wirklich durchdringen, damit der „Deutschlandtakt“ mit gewaltigen Investitionen umgesetzt werden. Weselsky: „Jetzt müssen die Weichen für eine Verkehrswende richtig gestellt werden, sonst kann es keine Verlagerung auf die Schiene geben und es wird Stillstand auf der Straße herrschen.“

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)