24.08.2017

Schienenersatzverkehr auf dem Binnenschiff?

Kommt das Binnenschiff nun doch noch zu Ehren? Anlass dafür bietet die Delle in der Bahn-Trasse im Oberrheintal bei Rastatt. Für die Bahn liegen alle Optionen auf dem Tisch, auch eine Verlagerung auf den Rhein – also Schienenersatzverkehr auf dem Fluss. Teile der Wirtschaft stützen solche Planungen angesichts überlasteter Straßen.

Schienenersatzverkehr auf dem Binnenschiff?

Schienenersatzverkehr im Gütertransport

Schienenersatzverkehr, kurz SEV – schon für Bahnreisende mit nur etwas Gepäck eine Herausforderung. Wieviel problematischer muss SEV im Güterverkehr sein, wenn tonnenweise Güter verlagert werden müssen.

Damit können derzeit verladende Unternehmen Erfahrungen machen, und zwar am Beispiel der Delle in der Bahnverbindung bei Rastatt zwischen Karlsruhe und Basel. In der Not werden die meisten Verkehre auf den Lkw verlegt – mit entsprechenden Folgen für die Stausituation auf den Straßen in diesem Abschnitt.

Bahn bringt Verlagerung aufs Binnenschiff ins Spiel

Die Bahn selbst ist angesichts dieser Lage erstmals von ihrer bislang verfolgten Linie abgewichen. Sie hat eine Verlagerung auf den lange von ihr verteufelten Ersatzverkehrsträger Wasserstraße ins Spiel gebracht.

In einer Mitteilung an die Presse kündigt sie weitreichende Ersatzkonzepte an. Man setze auf die großflächige Umfahrung des Bereichs. Vor allem aber setze man auf eine Verlagerung auf andere Verkehrsträger, allen voran das Binnenschiff.

Schienen gesenkt und verbogen

Bei Bauarbeiten an einem Bahntunnel bei Rastatt in Baden-Württemberg hatten sich Mitte August 2017 Schienen gesenkt und verbogen. Die Strecke wurde daraufhin für den gesamten Bahnverkehr gesperrt. Die Autobahn dort ist einem Bericht des „Handelsblatts“ zufolge bereits stark ausgelastet. Das führe zu Verzögerungen von mehreren Stunden, zitiert das Blatt den Präsidenten des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg, Karlhubert Dischinger:

„Bei einem eng getakteten Verkehr sind bereits leichte Verzögerungen schlecht.“

Der Streckenabschnitt ist Teil der wichtigen europäischen Nord-Süd-Achse zwischen den Nordseehäfen an Rhein und Schelde und dem Mittelmeerraum mit Genua als zentralem Umschlaghafen. Wegen des zwischen Rastatt und Baden-Baden eingestellten Verkehrs stauen sich hier die Güterzüge.

Die Bahn baut seit Jahren die Rheintalbahn aus. Ein knapp 4.300 Meter langer Tunnel mit zwei getrennten Röhren soll durch Rastatt führen und dort die Lärmbelastung verringern. Der Schaden trat da auf, wo der Tunnel die alte Bahnstrecke kreuzt.

Schienenersatzverkehr: Verlagerung von Straße auf Wasserstraße im Bundesgebiet

Seit langem fordern Experten eine duale Transportstrategie von Schiene und Wasserstraße zur Entlastung von Straße und Schiene im gesamten Bundesgebiet. Für 15 von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) 2010 bezeichnete Top-Stau-Abschnitte stünden mindestens zehn Wasserstraßenabschnitte, der Rest wenigstens für in Frage kommende Teilverkehre bereit. Diese könnten zumindest einen Teil der für die Staus mitverantwortlichen Gütertransporte übernehmen, wie der frühere Chefredakteur der Fachzeitschrift „Binnenschifffahrt“, Friedrich Oehlerking, in seinem Buch „Im Fadenkreuz der Libellen-Mafia“ schreibt.

Probleme für Güterverkehr aus der Pfalz

Wie der SWR jetzt berichtet, werden Verlagerungen auf das Binnenschiff auf dem nahen Rhein auch von der verladenden Wirtschaft nicht mehr ausgeschlossen. Die Sperrung der Bahnstrecke zwischen Rastatt und Baden-Baden schafft massive Probleme für den Güterverkehr aus der Pfalz.

Davon betroffen sind unter anderem der Logistik-Dienstleister Contargo und das Kombiterminal der BASF in Ludwigshafen. Beide Unternehmen transportieren ihre Güter normalerweise auf verschiedene Arten. Die BASF nutzt vornehmlich das Binnenschiff für Verkehre zu den Nordseehäfen, nämlich über ihren Verladehafen in Ludwigshafen. Außerdem den Lkw, um die Waren im Werk abzuholen. Vom Lkw werden die Waren dann auf Binnenschiffe oder auf Züge Richtung Süden verladen.

Contargo richtet Wasserbrücke ein

Bei Contargo betrifft die Sperrung den Güterverkehr zwischen der Pfalz und der Schweiz sowie Italien. Das Unternehmen ist trimodal aufgestellt und will jetzt versuchen, unter anderem auf Binnenschiffe auszuweichen. Wie Contargo ankündigt, wird ein Binnenschiff von Emmerich voraussichtlich Basel erreichen, dort wenden und zusätzliche Export-Ladung aufnehmen können. Ein weiteres Schiff von Duisburg nach Basel wird voraussichtlich ebenfalls für den Export von Containern gedreht. Jedes Schiff wird den Angaben zufolge bis zu drei Züge ersetzen können. Gleichfalls sei ein Koppelverband von Rotterdam unterwegs. Zusätzlich habe man ein viertes Schiff in die Planung mit aufgenommen.

Contargo geht den Möglichkeiten einer regelmäßigen Wasserbrücke und den Ausweichstrecken per Bahn nach. Die Wasserbrücke soll regelmäßig bis zum Ende der Sperrung die ausfallenden Züge ersetzen. Ziel sei es, die Container per Zug bis Mannheim und Ludwigshafen zu transportieren und dort auf Binnenschiffe umzuschlagen, die weiter nach Weil und Basel fahren und damit die gesperrte Strecke umgehen würden.

200 Umleitungstrassen der Bahn

In Spitzenzeiten sind auf dem Nord-Süd-Korridor zwischen Karlsruhe und Basel bis zu 200 Güterzüge täglich unterwegs. Saisonal bedingt sind es aktuell deutlich weniger. Insgesamt kann die DB ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten. In Absprache mit den Kunden wird auch eine Verschiebung der Transporte geprüft. Ebenfalls untersucht die DB eine Verschiebung von Baustellen, um zusätzliche Kapazitäten für die Umleitung von Zügen zu schaffen.

 

Autor: Franz Höllriegel