05.01.2018

Russland: Sanktionen kosten EU-Staaten Milliarden Euro

Eine Einkaufsinitiative in Russland starteten auf dem 52. Symposium Einkauf und Logistik im November 2017 wichtige Organisationen von Wirtschaft und Einkauf. In Berlin unterzeichneten der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (OA), der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) und die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) dafür eine Absichtserklärung. Mit der Initiative wollen die drei Verbände deutsche Unternehmen einschließlich ihrer Beschaffungsinteressen mit ausgesuchten und qualifizierten russischen Lieferanten zusammenbringen.

Russland Sanktionen

Einbruch der EU-Exporte nach Russland

Seit 2014 brachen die EU-Exporte nach Russland um jährlich 15,7 Prozent ein. Bis zu 40 Prozent davon sind auf die Sanktionen zurückzuführen. Betrugen die Exporte der EU nach Russland im Jahr 2013 noch 120 Milliarden Euro, waren es 2016 nur noch 72 Milliarden Euro.

Russland büßte seinen Platz als viertwichtigster Handelspartner außerhalb der EU ein und liegt nun hinter den USA, Schweiz, China und Türkei auf dem fünften Rang. Die Handelsbeziehungen der EU-Länder zu Russland haben durch den wirtschaftlichen Abschwung in Russland und die Sanktionen stark gelitten.

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Studie: 40 Prozent des Exportrückgangs wegen Sanktionen

Die wechselseitigen Sanktionen zwischen der EU und Russland haben daran einen beträchtlichen Anteil. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) im Auftrag des Europäischen Parlaments. Darin sind die durch Sanktionen verursachten Exportrückgänge von anderen Einflussfaktoren (z.B. Ölpreisverfall, Abwertung des Rubels) getrennt.

Den Wifo-Schätzungen zufolge sind alleine durch die Sanktionen die EU-Exporte nach Russland zwischen 2014 und 2016 um 10,7 Prozent eingebrochen – rund 30 Milliarden Euro. Bis zu 40 Prozent des gesamten Exportrückgangs sind somit auf die Sanktionen zurückzuführen.

Auswirkungen auf einzelne Länder

Besonders stark betroffen sind laut diesen Berechnungen:

  • Zypern: Hier brachen die Exporte nach Russland aufgrund der Sanktionen um 34,5 Prozent ein.
  • Griechenland: Einbruch um 23,2 Prozent
  • Kroatien: Einbruch um 21 Prozent

In Österreich sanken die Exporte nach Russland sanktionsbedingt um 9,5 Prozent; das entspricht rund einer Milliarde Euro.

Zu den höchsten absoluten Rückgängen führten die Sanktionen in Deutschland mit einem Minus von 11,1 Milliarden Euro (‑13,4 Prozent). Deutschland trägt damit mehr als ein Drittel des sanktionsbedingten Exportrückgangs der EU.

Polen und Großbritannien verzeichneten ein Minus von je rund 3 Milliarden Euro. Nach den Schätzungen trafen die Sanktionen die Unternehmen 2014 am stärksten. In den beiden Folgejahren gelang es in geringem Umfang nach und nach, die Handelsströme in Drittländer umzulenken.

Besonders betroffen: Agrarprodukte und Nahrungsmittel

Beträchtlich waren die Einbrüche bei den von den russischen Gegensanktionen betroffenen Agrarprodukten und Nahrungsmitteln. Hier sank das Exportvolumen nach Russland zwischen 2013 und 2016 um 22,5 Prozent, insbesondere bei Milchprodukten und Früchten.

Die Exporte in der Warenherstellung vor allem von Fahrzeugen sanken um 17,7 Prozent, die Rohstoffexporte insbesondere von Eisen und Stahl um rund 15 Prozent.

Entwicklung der Handelsbeziehungen EU – Russland

In den Jahren zuvor waren die Handelsbeziehungen zunehmend enger geworden: Zwischen 2009 bis 2012 stiegen die EU-Exporte nach Russland um jährlich durchschnittlich 23,5 Prozent. 2013 war Russland mit einem Exportanteil von 7,7 Prozent der viertgrößte Handelspartner der EU außerhalb der Union hinter den USA, Schweiz und China. Russland wiederum lieferte im selben Jahr 42,4 Prozent seiner Exporte an EU-Länder.

Seit dem Schwächeln der russischen Wirtschaft und den Sanktionen hat sich das geändert. 2016 lag Russland im Ranking der wichtigsten Extra-EU-Handelspartner mit 4,6 Prozent nur noch auf dem 5. Platz hinter der Türkei.

Neue Einkaufsinitiativen pro Russland

„Russland ist und bleibt ein wichtiger Markt für die deutsche Wirtschaft“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der drei Partnerorganisationen. Gemeinsam wolle man den Standort Russland deutschen Unternehmen besser zugänglich machen.

Nach dem Vorbild der sehr erfolgreichen Einkaufsinitiative Westbalkan wollen der größte Einkaufsverband im Euro-Raum, der Ost-Ausschuss und die AHK in Russland gemeinsam eine Brücke zwischen den Unternehmen bauen und damit aktiv den Warenaustausch fördern.

„Russland hat sich als Produktionsstandort in internationalen Rankings zuletzt kontinuierlich verbessert, auch deutsche Investoren haben daran einen wichtigen Anteil“, ist sich OA-Geschäftsführer Michael Harms sicher. Von der Partnerschaft mit dem BME verspreche man sich eine weitere Belebung des deutsch-russischen Handels.

Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, sagte: „Wir freuen uns, russischen Firmen bei der Integration in die globalen Wertschöpfungsketten und beim Export unterstützen zu können und somit die wirtschaftlichen Verflechtungen unserer beiden Länder auch jenseits des Rohstoffhandels weiter zu vertiefen.“

Für die deutsche Industrie bietet der russische Markt zahlreiche Chancen, aber auch große Herausforderungen. „Unsere Verbände können als Schnittstelle zwischen deutschen und russischen Firmen agieren. Damit erleichtern sie beiden Seiten die angestrebte Zusammenarbeit“, so die Vertreter von BME, OA und AHK.

Große Möglichkeiten für deutsche Einkäufer in Russland

„Die positiven Erfahrungen im Zusammenführen deutscher Einkäufer mit leistungsstarken Lieferanten aus Mittel- und Osteuropa sowie aus der Balkanregion haben uns gezeigt, dass wir als Verbände hier eine aktive Hilfe sein können“, so Dr. Silvius Grobosch, Mitglied des geschäftsführenden BME-Bundesvorstands.

Russland biete deutschen Einkäufern große Möglichkeiten. Sie wolle man gemeinsam mit dem Ost-Ausschuss und der AHK transparent machen. Als Verband habe man hier in den vergangenen Jahren schon vielen Mittelständlern und Großunternehmen neue Perspektiven aufzeigen können und sich verstärkt der aktiven Unterstützung deutscher Unternehmen im europäischen Beschaffungsmarkt verschrieben. Mit zahlreichen Aktivitäten in Portugal und Italien, vor allem aber auch in Osteuropa, habe der BME seinen Mitgliedern und deutschen Unternehmen neue Geschäftspotenziale erschlossen.

Unterstützung der Auslandsaktivitäten durch den BME

Der BME hat die im Verband organisierten Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager auch 2017 bei ihren Auslandsaktivitäten intensiv unterstützt. So besuchten beispielsweise Anfang September deutsche Einkäufer die Region Norditalien. In Turin, Bologna und Varese trafen sie auf vorausgewählte Lieferanten. Die Delegationsreise wurde vom BME in Kooperation mit der Italienischen Kammer für Deutschland (ITKAM) sowie lokalen Kammern und Verbänden durchgeführt.

Das China-Büro des BME hat auch in diesem Jahr im Rahmen der Internationalisierungsstrategie des Verbands die bestehenden Serviceangebote für deutsche Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager weiter ausgebaut. Neue Veranstaltungsformate wie der „1st Sino-German Procurement 4.0 Dialogue“ in Suzhou oder der „CPO Round Table“ in Shanghai seien von den Teilnehmern sehr gut angenommen worden.

Neben China bleibt die Beschaffungsregion Osteuropa Schwerpunkt der BME-Auslandsaktivitäten. Erst Ende Oktober erhielt in Prag das „4th CEE Procurement & Supply Forum“ regen Zuspruch. Das treffe auch für die „Einkaufsinitiative Westbalkan“ zu. Nach München und Dortmund trafen sich deutsche Einkäufer Ende Mai erstmals in Belgrad mit 140 ausgewählten Zulieferbetrieben aus Serbien, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Montenegro, Albanien und dem Kosovo.

Weblinks

Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V.

Deutsch-russische Auslandshandelskammer

Studie „Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen der EU und Russlands auf Wertschöpfung und Beschäftigung in Österreich und der EU“ zum Download als WIFO-Publikation für EUR 30,00

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)