22.10.2019

Russland bietet Ausweichroute für iranisches Öl an

Iran verfügt über riesige Erdölvorräte. Die will er ins Ausland verkaufen, z.B. an Syrien und die Türkei. Dabei stößt man aber auf der Südroute auf Widerstand der USA. Selbst der Umweg um Afrika ist verbaut. Als Ausweg bietet Russland jetzt den Weg über Wolga und Schwarzes Meer an.

Iranischer Tanker war in Gibraltar beschlagnahmt worden

Grace-1 auf dem Weg ins Mittelmeer gestoppt

So kam es dazu, dass Russland jetzt eine Ausweichroute für iranisches Öl angeboten hat: Anfang Juli 2019 war der iranische Tanker „Grace-1“ durch die Behörden von Gibraltar beschlagnahmt worden. Er soll Öl für Syrien geladen haben. Darüber entspann sich ein diplomatischer Zank zwischen Großbritannien, Spanien und den USA.

Es wurde nicht berichtet, was ein iranischer Tanker mit Erdöl für Syrien überhaupt in Gibraltar zu suchen hatte. Normalerweise würde man doch meinen, dass ein Tanker aus Iran durch den Suez-Kanal fährt und dann direkt nach Syrien – eine Strecke von ca. 4.000 Kilometern. Doch dem war nicht so. Für die Durchfahrt durch den Suez-Kanal hätte der Tanker leichtern müssen: sein Tiefgang ist zu groß für den flacheren Kanal. Eine Leichterung hätte aber die Gefahr geborgen, dass die USA Informationen über die Ladung erhalten und sich einer Weiterfahrt des Schiffes über seine Beziehungen zu den arabischen Kanal-Anrainerstaaten entgegengestellt hätte.

Der Tanker nahm deshalb die etwas weitere Route um Afrika herum auf sich, die Kleinigkeit von etwa 10.000 km länger als durch den Suez-Kanal. Womit die Iraner freilich wohl nicht gerechnet hatten, war der US-Verbündete Großbritannien mit seiner Kolonie Gibraltar. Damit ist auch diese Route für iranisches Öl auf die beiden Abnehmermärkte Syrien und Türkei versperrt.

USA-Warnung an Mittelmeerstaaten – Russland bietet Ausweg

Gibraltar gab schließlich den Tanker am 15. August wieder frei – gegen den Willen der USA. Die jedoch warnten nun alle Anrainerstaaten im Mittelmeer davor, den nunmehr in „Adrian Darya 1“ umgetauften Supertanker in ihren Häfen aufzunehmen. Damit würden sie sich der „Terrorunterstützung“ schuldig machen und könnten entsprechend bestraft werden.

Damit Teheran weiter Öl an Kunden im Mittelmeer verkaufen kann, offeriert Russland eine Ausweichroute für iranisches Öl. Das berichtete „Russia Today – RT“. Von einer erneuten Festsetzung durch ein EU-Land befürchten Beobachter Auswirkungen auf die Stabilität im Persischen Golf. Um dieses Risiko auszuschließen, bot sich Russland als Alternative für die iranische Regierung an. Statt die Südroute über den Persischen Golf zu nutzen, könnten iranische Tanker für Lieferungen an Kunden am östlichen Mittelmeer die Route über das Kaspische und schließlich das Schwarze Meer nehmen.

Ausweichroute für iranisches Öl über Wolga-Don-Kanal

Dafür könnten iranische Tanker den Wolga-Don-Kanal benutzen – in etwa eine gleich lange Strecke wie durch den Suez-Kanal. Er verbindet die beiden Binnenmeere miteinander. Mit dem Ölterminal in der Nähe der Stadt Nekā verfügt der Iran bereits über eine funktionierende Infrastruktur im Norden des Landes. Bis zu 250 Millionen Tonnen Öl und Ölderivate könnten hier gelagert werden, schreibt RT.

Aufgrund der Verhängung der westlichen Sanktionen gegen Russland ist die Bedeutung der Öllieferungen im Kaspischen Meer gestiegen, seitdem Moskau sogenannte Bartergeschäfte mit dem Iran betreibt. Waren aus Russland werden im Gegenzug für Öl in die Islamische Republik Iran geliefert.

Vorteile für Krim

Die russische Plattform zitiert Regierungsvertreter der Krim, die ebenfalls ihr Interesse an einem wachsenden Geschäftsvolumen mit Teheran geäußert hatten. Georgi Muradow, Vizeministerpräsident der Krim, sagte demzufolge der russischen Nachrichtenagentur TASS, das Interesse an einer Kooperation zwischen dem Iran und der Krim wachse insbesondere angesichts der anti-iranischen US-Politik, der Sanktionen gegen dieses Land und der sich daraus ergebenden Konsequenzen. Er bietet dem Iran die Nutzung von Hafenkapazitäten auf der Krim für Öllieferungen an.

Chinas Seidenstraße als Nutznießer

Damit eröffnen sich dem Iran neue Möglichkeiten, um sich dem völkerrechtlich umstrittenen Zugriff der USA auf iranische Öltanker auch mithilfe von EU-Staaten zu entziehen.

Lachender Vierter könnte zudem China sein. Dieser eher aus der Not geborene Schritt könnte sich als weiterer Bestandteil der chinesischen Neuen Seidenstraße erweisen. Für diese spielt die Krim eine wesentliche Rolle. So gebe es bereits Pläne für eine engere Kooperation zwischen der Halbinsel und der südchinesischen Provinz Hainan.

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Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)