17.08.2020

Roboter brauchen Bediener mit Robotik-Know-how

Irgendwann programmieren sich Roboter selbst – dieses Szenarium ist derzeit nicht absehbar, jedenfalls nicht für die, die sich damit auskennen müssten: die Roboter-Spezialisten. Im Gegenteil: sie fordern jetzt verstärkt Spezialisten, die Roboter bedienen – mit Robotik-Know-how.

Robotik-Know-how

Roboter in Schlüsselrolle bei Automatisierung der Fertigung

Etwa vier Millionen Industrieroboter – so viele werden bis 2022 weltweit voraussichtlich in Fabriken im Einsatz sein. Ihnen kommt eine Schlüsselrolle bei der weiteren Automatisierung der Fertigung zu. Sie aber ist für eine schnelle wirtschaftliche Erholung in der Nach-Corona-Zeit dringend nötig. Damit steigt auch die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften. Die Aus- und Weiterbildungsangebote müssen entsprechend angepasst werden, fordert jetzt der Weltroboterverband International Federation of Robotics (IFR).

Die IFR sieht sich als Sprachrohr der weltweiten Robotikindustrie. Der Verband vertritt seinen Angaben zufolge nationale Roboterverbände, Bildungseinrichtungen sowie Roboterhersteller aus mehr als zwanzig Ländern. IFR wurde 1987 als gemeinnützige Organisation gegründet. Die Statistik-Abteilung des IFR stellt Branchendaten für folgende statistische Jahrbücher bereit:

  • World Robotics – Industrieroboter: weltweite Statistiken über Industrieroboter mit Tabellen für aussagefähige Ländervergleiche. Er enthält statistische Daten aus circa 40 Ländern, aufgeschlüsselt nach Anwendungsbereichen, Industriesektoren, Roboterarten und anderen technischen und wirtschaftlichen Aspekten. Für ausgewählte Länder sind Produktions-, Export- und Importdaten aufgeführt. Mit der Roboterdichte, d.h. der Anzahl von Robotern je 10.000 Beschäftigten, wird zudem ein Maß für den Automationsgrad angeboten.
  • World Robotics – Serviceroboter: weltweite Statistiken über Serviceroboter, Marktanalysen, Fallstudien und internationale Forschungsstrategien zu Servicerobotern, in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IPA, Stuttgart.

„Regierungen und Unternehmen weltweit sollten sich darauf konzentrieren, die nötigen Kompetenzen für den Umgang mit Robotern und smarten Automatisierungssystemen zu vermitteln“, empfiehlt IFR-Präsident Milton Guerry.
Das sei nötig, um das Potenzial dieser Technologien voll auszuschöpfen. Die konjunkturelle Erholung in der Nach-Corona-Zeit werde die Nachfrage nach Robotik beschleunigen. Es bedürfe politischer sowie privatwirtschaftlicher Strategien, um den Weg zu einer automatisierteren Wirtschaft für die Beschäftigten zu ebnen, ist Guerry überzeugt.

World Economic Forum zur Arbeitswelt der Zukunft

„Aktuell gehen nur sehr wenige Länder offensiv daran, ihr Bildungssystem an das Automatisierungszeitalter anzupassen“, bemängelt Saadia Zahidi, Expertin für Bildungs-, Gender- und Beschäftigungsinitiativen beim World Economic Forum (WEF).
Die erfolgreichen Staaten fokussierten seit langem auf die Entwicklung des Humankapitals. Einige nordeuropäische Länder sowie Singapur führten die vermutlich am sinnvollsten Versuche zur Arbeitswelt der Zukunft durch.

Nach dem Automatisierungsgradindex „Automation Readiness Index” des Wirtschaftblatts „The Economist“ (The Economist Intelligence Unit, EIU) verfolgen derzeit nur vier Länder eine ausgereifte Bildungspolitik, die den Herausforderungen einer automatisierten Wirtschaft bereits gerecht wird:

  • Südkorea
  • Estland
  • Singapur
  • Deutschland

Als entwickelt stuft der Index ein Länder wie:

  • Japan
  • USA
  • Frankreich
  • China rangiert als Schwellenland.

Auf der Agenda der Regierungen sollte laut EIU stehen:

  • Multi-Stakeholder-Dialoge
  • mehr Ausbildung
  • internationaler Erfahrungsaustausch.
Automatisierungsgradindex
Einstufung Rang Land Index
Reif 1 Südkorea 87,5
2 Estland 86,1
3 Singapur 84,7
4 Deutschland 83,3
Entwickelt 5 Kanada 79,2
6 Frankreich 76,4
7 Japan 68,1
8 VAE 63,9
9 Vereinigtes Königreich 62,5
9 USA 62,5
Schwelle 11 Australien 59,7
12 Argentinien 58,3
13 Italien 56,9
14 China 52,8
14 Malaysia 52,8
16 Kolumbien 50,0
17 Brasilien 47,2
18 Turkei 38,9
19 Mexico 37,5
20 Russland 36,1
in Entstehung 21 Saudi Arabien 30,6
22 Indien 29,2
22 Südafrika 29,2
24 Vietnam 26,4
25 Indonesien 22,2
Quelle: The Economist

Einstellungspolitik ändern

Als kurzfristige Strategie auf Unternehmensebene sei ein Wechsel der Einstellungspolitik eine Option.

„Wenn Sie keine erfahrenen Mitarbeiter finden können, müssen Sie Ihr Augenmerk auf die Qualifikationen der Bewerber richten anstatt auf ihre Berufsbezeichnung“, empfahl Dr. Byron Clayton als CEO von Advanced Robotics for Manufacturing (ARM) bei einem IFR-Roundtable in Chicago.
Man müsse auf das Potenzial der Bewerber setzen. Wer keine erfahrenen Mitarbeiter finden könne, müsse eben jemanden einstellen, der in der Lage ist, den Job zu erlernen, so Clayton

Weichenstellungen für Aus- und Weiterbildung

Roboterhersteller unterstützen die Aus- und Weiterbildung für Robotik bereits mit praxisorientierten Schulungen. Die Umschulung der bestehenden Belegschaft ist allerdings nur eine kurzfristig angelegte Maßnahme. Man müsse viel früher ansetzen, die Lehrpläne für Schule und Ausbildung an die Ansprüche der Industrie an die Arbeitskräfte der Zukunft anpassen.

Dies seien zum einen Technik- und Digital-Kompetenzen; ebenso wichtig seien aber kognitive Fähigkeiten wie analytisches und kritisches Denken, weiß IFR- Generalsekretärin Dr. Susanne Bieller. Volkswirtschaften sollten ihr zufolge die Automatisierung annehmen und die nötigen Kompetenzen dafür aufbauen. Bieller:

„Nur so wird es gelingen, von den Vorteilen der Technik zu profitieren – und nicht vom internationalen Wettbewerb abgehängt zu werden.“

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)