28.08.2019

Rhein: Schifffahrt trifft Vorsorge für Niedrigwasser

Es war der heißeste Sommer seit Wetteraufzeichnungsgedenken: 2018. Wochenlang fuhr kein Schiff mehr, keine Gütertransporte, Tankstellen trockneten aus. Angst geht um, dass sich das wiederholen könnte. Die Schifffahrt beugt diesmal vor, Politik und Verwaltung auch – hoffentlich.

Zur Vorsorge für Niedrigwasser auf dem Rhein trifft die Schifffahrt verschiedene Maßnahmen.

Heißer Juni 2019

Der Juni 2019 war der wärmste Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Schon machen sich Befürchtungen breit, dass – ähnlich wie 2018 – wieder ein langer Sommer mit wochenlanger Dürre und Niedrigwasser im Rhein bevorstehen könnte. Doch diesmal will sich die Schifffahrt nicht auf dem falschen Fuß erwischen lassen und trifft Vorsorge für Niedrigwasser.

Das Container-Hinterlandlogistik-Netzwerk Contargo hat vorsorglich seit Herbst 2018 vier Binnenschiffe seiner Flotte umbauen lassen. Jetzt haben sie zehn bis 15 cm mehr Tiefgang im Kleinwasser.

Contargo führend auf dem Rhein

Mit einem Jahrestransportvolumen von zwei Millionen TEU sieht sich Contargo als eines der großen Container-Logistik-Netzwerke in Europa. Das Unternehmen wickelt Containerverkehre zwischen den Westhäfen, den deutschen Nordseehäfen und dem europäischen Hinterland ab. Es verfügt in Deutschland, Frankreich und der Schweiz über 24 Containerterminals.

An sieben weiteren Standorten in Deutschland, den Niederlanden und Belgien ist Contargo mit Büros vertreten. Zudem betreibt das Unternehmen eigene Schiffs- und Bahnlinien. Seine 1.133 Mitarbeiter erwirtschafteten im Jahr 2018 eigenen Angaben zufolge einen Jahresumsatz von 534 Millionen Euro.

Schiffsverkehr auf Rhein nicht eingeschränkt

Derzeit ist der Schiffsverkehr auf dem Rhein (28.08.2019) uneingeschränkt möglich. Das berichtet die Bundesanstalt für Gewässerkunde. Jetzt, Ende August 2019, herrschen ungleiche Verhältnisse zwischen Ost und West. An Rhein und Donau ist der Wasserstand günstig, während besonders die Elbe Niedrigwasser hat.

Von extremem Niedrigwasser sprechen die Experten, wenn der Abfluss an einer Messstation einen bestimmten langjährigen Mittelwert unterschreitet. Nach Angaben der Bundesanstalt ließen alle Berechnungen darauf schließen, dass künftig mehr und längere Phasen mit niedrigen Wasserständen im Rhein zu erwarten seien.

Bis Ende dieses Jahrhunderts könnte sich die Zahl der Tage mit wenig Wasser im Rhein verdoppeln. Der Rhein führte im Jahr 2018 an 132 Tagen extremes Niedrigwasser. Zum Vergleich: 2017 führte der Rhein nur an 25 Tagen und 2016 an 32 Tagen Niedrigwasser. Gleichwohl gehen die Experten nicht davon aus, dass dadurch der Gütertransport auf dem Rhein komplett zum Erliegen komme. Allerdings müssten Schiffe in Zukunft häufiger mit weniger Ladung fahren. Die Kosten für Schiffstransporte würden wegen Niedrigwassers im ungünstigsten Fall um etwa ein Zehntel steigen, berichtete der WDR.

Einbußen bei den Transportmengen 2018

„Für rund 75 Prozent unserer Containertransporte setzen wir Binnenschiffe ein“,

sagt Cok Vinke, Managing Director von Contargo Waterway Logistics. Kleinwasserperioden wie im vergangenen Jahr führten zu erheblichen Einbußen bei den Transportmengen. Außerdem entstanden zusätzliche Kosten durch den Zukauf von Schiffsraum oder anderen Transportkapazitäten. Deshalb habe man bereits im vergangenen Jahr damit begonnen, Binnenschiffe umbauen zu lassen.

Normalerweise müssen die Schiffe 150 cm tief im Wasser liegen, damit die Propeller genug Wasser bekommen. Auf zwei Werften in Antwerpen und Dordrecht wurde den Schiffen für rund 10.000 Euro pro Schiff ein Blech so angeschweißt, dass sie zu diesem Zweck nur noch 130 cm tief im Wasser liegen müssen. Dank dieser Investition können die Schiffe bei gleichem Wasserstand mit 10 bis 15 cm mehr Tiefgang fahren. Bei Niedrigwasser können sie auf diese Weise 200 bis 300 Tonnen mehr Ladung transportieren.

Überfahrt der Flachstelle bei Kaub

Bei Niedrigwasser werde dann kein Wasser mehr in den rückwärtigen Ballasttanks benötigt. So könnten die Schiffe auch bei sehr niedrigem Wasser über die flachste Stelle bei Kaub im Mittelrhein fahren.

„Die Pegelstände des Rheins unterliegen schon immer jahreszeitlichen Schwankungen“, so Vinke.

Doch aus verkehrswirtschaftlichen und Klimaschutz-Gründen sollte der Gütertransport mit dem Binnenschiff gestärkt werden. Vinke sieht die Politik in der Pflicht. Sie müsse schnellstmöglich Maßnahmen ergreifen, um vorhandene Engpässe zu beseitigen und Vorsorge für Niedrigwasser zu treffen. Immerhin: Der aktuelle Bundesverkehrswegeplan 2030 (BVWP) schreibt der Abladeoptimierung der Fahrrinnen am Mittelrhein einen vordringlichen Bedarf zu.

Vinke: „Wir hoffen, dass diese möglichst schnell umgesetzt wird.“

Vorsorge für Niedrigwasser – Investitionen 2030

Der BVWP kennzeichnet insgesamt sieben Projekte mit einem Finanzvolumen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro bei einem Aus- und Neubauanteil von 0,58 Milliarden Euro. Die Projekte sind Teil des Kernnetzes der Kategorie A/B mit einer hohen verkehrlichen Netzbedeutung.

Vordringlichen Bedarf für Engpassbeseitigung sieht der BVWP für folgende Projekte:

  • Abladeoptimierung der Fahrinnen am Mittelrhein mit Investitionen für 60,2 Millionen Euro
  • Fahrrinnenvertiefung des Untermains von der Mündung des Rheins bis Aschaffenburg (28,3 Millionen Euro)
  • Fahrrinnenanpassung der Außenweser (62,3 Millionen Euro)
  • Vertiefung des Nord-Ostsee-Kanals (263,4 Millionen Euro)
  • Fahrrinnenanpassung der Unterweser Süd (5,3 Millionen Euro)
  • Fahrrinnenanpassung der Unterweser Nord (35,4 Millionen Euro)
  • Vertiefung Außen-Ems (36,7 Millionen Euro)
  • Ausbau Datteln-Hamm-Kanal (190,5 Millionen Euro, davon 34,3 für Erhaltung oder Ersatz)
  • Querschnittserweiterung des Wesel-Datteln-Kanals (645,7 Millionen Euro)

Scheuer: Mehr in Binnenschifffahrt investieren

Mit Hilfe eines im Mai dieses Jahres vorgestellten „Masterplanes Binnenschifffahrt“ will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mehr Güter auf die Wasserstraßen bringen. Wie die Fachzeitschrift „Binnenschifffahrt Online“ berichtet, will Scheuer den Anteil am bundesweiten Gütertransport von derzeit etwa neun Prozent um ein Drittel auf zwölf Prozent, später vielleicht sogar auf 15 Prozent steigern.

Mit 969 Millionen Euro steht für die Binnenschifffahrt deutlich mehr Geld im Verkehrsetat als in früheren Jahren zur Verfügung, auch der Abfluss der Mittel soll besser als zuvor funktionieren. Hier hatte es zuvor Probleme aufgrund überlanger Genehmigungsverfahren für Bauvorhaben gegeben. Das Paradox: Geld ist da, aber es kann nicht ausgegeben werden. Nun hofft die Wirtschaft nicht nur am Rhein auf dringend benötigte Vorsorge für Niedrigwasser – und darauf, dass sich das 2018er Niedrigwasser nicht wiederholen möge, getreu der Hoffnung auf immer mindestens eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

Weiterführende Beiträge

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)