23.11.2022

Regierung unterstützt emissionsfreien Güterverkehr

Sind Nutzfahrzeuge wie LKW emissionsfrei? Nicht immer, aber immer öfter. Das hat sich die Bundesregierung vorgenommen. Mit Anreizen für Elektro- und Wasserstoff-Ladestellen versucht sie den Markt zu wenden. Offenbar nicht ohne Erfolg, wie Verkehrsminister Wissing behauptet.

emissionsfrei Güterverkehr

Nutzfahrzeuge wie LKW und Busse größte Straßenemissäre

Ein Großteil der Emissionen im Straßenverkehr entsteht durch größere Nutzfahrzeuge wie LKW und Busse. Das soll sich im Laufe des Jahrzehnts ändern. Bis 2030 soll mindestens ein Drittel der Fahrleistung elektrisch erfolgen. So  zumindest die frohe Hoffnung der Politik. Die deutsche Bundesregierung unterstützt diese Vorgabe seit 2020. „Innovation und Fortschritt, Begeisterung und Faszination für Technologien“ – genau das brauche Deutschland auf dem Weg zu mehr klimafreundlichen Nutzfahrzeugen, so Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) auf der Fachkonferenz für Klimafreundliche Nutzfahrzeuge am 17.11.2022. Dort stellte er die Fortschritte des Gesamtkonzepts der Regierung vor.

Fahrzeugbranche verändert sich

„Die Verfügbarkeit von alltags- und praxistauglichen Fahrzeugen ist eine zentrale Bedingung für klimafreundlichen Gütertransport auf der Straße“, so Wissing.
Fast alle großen Nutzfahrzeuge werden ihm zufolge derzeit mit dem fossilen Kraftstoff Diesel betrieben. Doch die Hersteller entwickelten neue Technologien, um diese Fahrzeuge klimafreundlich zu machen. Die Branche rechnet schon bald vor allem mit der Nachfrage nach schwerer Nutzfahrzeugen mit Batterie- oder Brennstoffzellenantrieb. Die Branche werde auf die gestiegene Nachfrage mit mehr Angeboten reagieren. Die Regierung rechne damit, dass 2030 sogar Dreiviertel aller Neuzulassungen emissionsfrei sein werden.

Tanken und Laden

„Wichtig ist außerdem: Diese Fahrzeuge brauchen eine angemessene Tank- und Ladeinfrastruktur“, so Wissing. Dafür unterstütze die Regierung den Aufbau eines öffentlichen Ladenetzes für Elektro-LKW. Sie setze Anreize für die Wirtschaft. „Der Aufbau und der Betrieb von Ladestationen muss wirtschaftlich lukrativ sein“, so Wissing. Die Regierung sorge dafür, indem sie zum Beispiel durch LKW-Mautdaten gute Ladepunkte auf Autobahnen identifiziere. Dort kümmere sie sich um verfügbare Ladeflächen und leistungsstarke Netzanschlüsse, da Elektro-LKW hohe Ladeleistungen benötigen. Außerdem teste sein Bundesministerium mit Partnern aus Forschung und Wirtschaft Hochleistungsladepunkte für den LKW-Fernverkehr. Zudem entwickle sich der Markt für Fahrzeuge mit Wasserstoffantrieb ebenfalls. Deshalb beginne die Regierung mit dem Aufbau eines Tanknetzes für Wasserstoff.

Konferenz für Politik, Hersteller und Infrastrukturbetreiber

Erstmalig bringt das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) Politik, Hersteller und Infrastrukturbetreiber zu einer „Fachkonferenz Klimafreundliche Nutzfahrzeuge“ zusammen. Rund 700 Personen, davon rund 200 vor Ort in Berlin, diskutierten Perspektiven, Rahmenbedingungen und Maßnahmen für klimafreundliche Nutzfahrzeuge in deutschem und europäischem Umfeld. Eröffnet haben die Konferenz Hartmut Höppner, Staatsekretär im BMDV, Dr. Axel Volkery, Vizechef der Abteilung nachhaltiger und intelligenter Transport der Europäischen Kommission sowie Kurt-Christoph von Knobelsdorff, Geschäftsführer der NOW GmbH, die im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums die Umsetzung des Gesamtkonzepts klimafreundliche Nutzfahrzeuge und das Förderprogramm für die Anschaffung klimafreundlicher Nutzfahrzeuge und dazugehöriger Infrastruktur koordiniert.

Aufbau der Netze läuft an

„Wir sind auf einem guten Weg, aber wir brauchen noch mehr gemeinsame Anstrengungen, um die Mammutaufgabe klimafreundlicher Straßengüterverkehr Realität werden zu lassen“, so von Knobelsdorff.
Die Förderung bei der Beschaffung der Fahrzeuge sei sehr erfolgreich. Es hake insbesondere noch bei der Ertüchtigung des Stromnetzes. Dessen Ausbau müsse sich an den Bedarfsprognosen aus dem Hochlauf der Fahrzeuge orientieren. Der Markthochlauf emissionsfreier schwerer Nutzfahrzeuge hat begonnen und er wird sich sehr dynamisch entwickeln, prophezeit Wissing. Das Interesse an alternativen Antrieben bei Logistikern und Speditionen sei groß. Die Hersteller erwarteten, dass die Absatzzahlen von Lkw mit Batterie- oder Brennstoffzellenantrieb in den kommenden Jahren stark steigen würden. Wissing: „Wir wollen und müssen deshalb die Infrastruktur für klimafreundliche Nutzfahrzeuge entschieden voranbringen.“ Der Masterplan Ladeinfrastruktur seines Ministeriums sehe daher die Ausschreibung eines Ladenetzes speziell für Lkw vor, die 2023 starten soll. Zudem unterstütze man den Aufbau eines Grundnetzes öffentlich zugänglicher Wasserstofftankstellen für Nutzfahrzeuge.

Förderprogramme des Bundes

Als Anreiz für den Umstieg auf emissionsfreie elektrifizierte Antriebe im Straßengüterverkehr veröffentlichte die EU-Kommission am 2. August 2021 eine Richtlinie über die Förderung von leichten und schweren Nutzfahrzeugen. Sie sollte technologieoffen sein, schränkt gleichwohl den Kreis förderfähiger Technologien ein auf klimaschonende Antrieben und dazugehörige Tank- und Ladeinfrastruktur (KsNI). Die Bescheidung des ersten Förderaufrufs ist abgeschlossen mit Bewilligungen von:

  • 214 Anträgen für Nutzfahrzeuge mit klimaschonenden Antrieben,
  • 92 Anträgen für 273 Ladeinfrastruktur-Standorte mit insgesamt 1.386 Ladepunkten und
  • 22 Anträgen für Machbarkeitsstudien.

Im zweiten Aufruf sind rund 1.670 Anträge für Nutzfahrzeuge und rund 1.090 Anträge für Lade- und Wasserstoffbetankungsinfrastruktur eingegangen. Das entspricht den Angaben zufolge beantragten Fördermitteln in Höhe von rund 1,4 Milliarden Euro. Diese Anträge würden derzeit geprüft, heißt es seitens „Gesamtkonzept Klimafreundliche Nutzfahrzeuge“.

Planung und Aufbau der Ladeinfrastruktur für elektrische Nutzfahrzeuge ist zudem ein Schwerpunkt im am 19. Oktober 2022 vorgestellten Masterplan Ladeinfrastruktur II. Als eine Maßnahme des Masterplans vereinbarte das BMDV den Aufbau eines initialen Netzes von öffentlicher Ladeinfrastruktur für E-Lkw.

Gesamtkonzept klimafreundliche Nutzfahrzeuge

Zeitgleich zur Konferenz hat das BMDV einen Fortschrittsbericht zum Gesamtkonzept klimafreundliche Nutzfahrzeuge vorgelegt. Dieser gibt einen Überblick über die Aktivitäten des BMDV und Entwicklungen seit Veröffentlichung des Gesamtkonzepts sowie einen Ausblick auf die weiteren Aufgaben. Das Gesamtkonzept wartet mit zehn Kernbotschaften für klimafreundliche Nutzfahrzeuge auf:

  • Botschaft 1: Die Nutzungsszenarien der Fahrzeuge im Straßengüterverkehr sind vielfältig. Sie führen zu unterschiedlichen Anforderungen an die Antriebstechnologien. Vielfältige Einsatzszenarien werden durch zahlreiche unterschiedliche Nutzfahrzeugtypen sowie durch ihre flexible Nutzbarkeit ermöglicht. Es bestehen diverse Achskonfigurationen sowie eine Vielzahl von Aufbauten und zusätzlichen Aggregaten, die an den Fahrzeugen verbaut werden. Zudem existiert eine große Gewichtsspannbreite von 1 bis 3,5 t zulässigem Gesamtgewicht in der Klasse N1 bis zu einem regelmäßigen zulässigen Gesamtgewicht in Höhe von 40 t in der Klasse N3. Die entsprechenden Produktlösungen werden vielfach kunden- beziehungsweise branchenspezifisch entwickelt und angeboten.
  • Botschaft 2: Die Nutzung alternativer Antriebstechnologien muss im Vergleich zu konventionell betriebenen Fahrzeugen kostenseitig wettbewerbsfähig sein. Für die Wettbewerbsfähigkeit einer Antriebstechnologie sind daher die Total Costs of Ownership maßgeblich. Dabei handelt es sich um die bei einer betriebswirtschaftlichen Betrachtung über den gesamten Einsatzzyklus anfallenden Kosten. Sie umfassen die Anschaffungskosten abzüglich der Restwerte sowie die Betriebskosten (insbesondere Energie- und Infrastrukturkosten einschließlich Steuern, Abgaben und Umlagen sowie Mautgebühren).
  • Botschaft 3: Die alternativen Antriebstechnologien haben spezifische Vor- und Nachteile. Sie sollten passend zu den Nutzungsszenarien eingesetzt werden. Die verschiedenen alternativen Antriebstechnologien weisen technologiebedingt spezifische Eigenschaften auf. Diese betreffen unter anderem
    • Nutzlast,
    • Reichweite,
    • Anschaffungs- und Betriebskosten sowie
    • Tank- beziehungsweise Ladedauer.

Bestimmte Anforderungen sind aus den Nutzungsszenarien für die Eignung alternativer Antriebstechnologien von Bedeutung. Der Grund sind laut BMDV-Konzept enge Interdependenzen mit der Verfügbarkeit und der Nutzung der Tank- und Ladeinfrastruktur. Hierzu zählen:

  • tägliche Fahrleistung,
  • Häufigkeit und Länge von Fahrpausen und von Standzeiten auf dem Betriebshof,
  • Fahrverhalten sowie die Regelmäßigkeit bestimmter Touren
  • fahrzeugseitige Technologie mit ihren konkreten Anforderungen, beispielsweise hinsichtlich der Leistungsfähigkeit bei anspruchsvollen Topografien des Einsatzgebietes.
  • Botschaft 4: Skalierungs- und Pfadentscheidungen müssen abhängig von den technischen Entwicklungsschritten, volkswirtschaftlichen Kosten und Erfolgen bei Praxiserprobungen getroffen werden.
  • Botschaft 5: Alternative Antriebe werden ein wichtiger Bestandteil des Produktportfolios sein. Auf dem Weg zu einer wirtschaftlichen Produktion bzw. Bereitstellung müssen die bestehenden erheblichen Marktrisiken reduziert und Investitionsbedarfe adressiert werden.
  • Botschaft 6: Das Ziel ist durch einen Technologiemix der Antriebe erreichbar.
  • Botschaft 7: Das BMVI fördert den Markthochlauf von Nutzfahrzeugen mit klimaschonenden alternativen Antrieben technologieoffen, um dem Ziel einer schnellstmöglichen Erreichung einer ökonomischen Konkurrenzfähigkeit zu konventionellen Fahrzeugen gerecht zu werden.
  • Botschaft 8: Das BMVI steuert den Aufbau einer zum Fahrzeughochlauf abgestimmten Tank- und Ladeinfrastruktur und schafft damit die notwendigen Voraussetzungen für eine Marktdurchdringung von klimafreundlichen Nutzfahrzeugen.
  • Botschaft 9: Das BMVI schafft ein zielgerichtetes regulatorisches Umfeld, das Konkurrenzfähigkeit der Produkte und Investitionssicherheit der Akteure gewährleistet. Der regulatorische Kern besteht in einer Differenzierung der Lkw-Maut nach CO2-Fahrzeugausstoß.
  • Botschaft 10: Nur durch eine gemeinsame Verpflichtung und zielgerichtetes Handeln aller beteiligten Akteure kann der Straßengüterverkehr seine Potenziale zur Dekarbonisierung heben. Das BMVI setzt bei der Umsetzung des Gesamtkonzepts auf Dialog und gemeinsames Handeln.
Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)