24.10.2017

Recycling von Altreifen: Pyrum geht an die Pariser Börse

Das Dillinger Start-up-Unternehmen Pyrum Innovation AG geht im neu gestarteten Wachstumssegment „Access plus“ an die Pariser Börse Euronext. Das Unternehmen hat eine Pilotanlage für Gummi-Recycling fertiggestellt. Nach eigenen Angaben funktioniert sie einwandfrei.

3,4 Millionen Altreifen jährlich

Alleine in der EU müssen jedes Jahr 3,4 Millionen Altreifen entsorgt werden. Das sagte jetzt Pascal Klein, zusammen mit dem Franzosen Julien Dossmann Gründer der deutsch-französischen Pyrum Innovation AG mit Sitz in Dillingen, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Ein Teil der Altreifen werde runderneuert, ein Großteil verbrannt, ein Teil trotz Verbot immer noch deponiert, andere vor allem nach Afrika exportiert.

Altreifen – für den Spielplatz zu schade?

Bestehende Recyclingansätze, etwa das geschredderte Material als Spielplatzuntergrund zu nutzen, würden immer kritischer gesehen. „Das ist auch nichts anderes als Deponieren, das Öl wird mit der Zeit ausgewaschen“, zitiert die FAZ Klein. Pyrum hat nun erstmals ein Verfahren zur Marktreife entwickelt, mit dem Altreifen umweltgerecht recycelt werden. Es verwandelt Altreifen und alle sonstigen Arten von Gummi zurück in Öl und Koks. Es komme weitgehend ohne umweltbelastende Emissionen aus. Mit dem anfallenden Gas wird die Anlage selbst betrieben. Eine erste Pilotanlage ist in Dillingen fertiggestellt. Sie läuft seit gut einem Jahr reibungslos, schreibt die „Saarbrücker Zeitung“.

Zulassung der Chemikalienagentur Reach

Auch das aus der Anlage gewonnene Öl benötigt in der EU eine Zulassung der Chemikalienagentur Reach. Drei unabhängige Gutachten belegten inzwischen die Wirksamkeit der Anlage. Hochrangige Politiker wie EU-Kommissar Günther Oettinger und der jetzige französische Staatspräsident Manuel Macron, damals noch französischer Wirtschaftsminister, hätten die Anlage bereits in Augenschein genommen. Gleichwohl täten sich potentielle Kunden nach wie vor schwer, eine Finanzierung zu bekommen. Die Technik sei neu, das Geschäftsmodell noch unerprobt. Pyrum selbst brauche eine hohe Anzahlung. Derzeit könne das Unternehmen keine Anlagen vorfinanzieren.

40 Millionen Euro in die Firmenkasse

Eine größere Anlage kostet Klein zufolge etwa 20 Millionen Euro, Geld, das man sich über den jetzt geplanten Börsengang in Paris beschaffen zu können hofft. Ab Frühjahr 2018 will Pyrum am Handelsplatz Paris an der westeuropäischen Börse Euronext gelistet werden. Pyrum-Vorstandschef Klein erwartet, dass der Börsengang rund 40 Millionen Euro in die Firmenkasse spülen wird. Das Geld von dort soll vor allem dazu verwendet werden, Kundenanlagen vorzufinanzieren. Das sei zumal „in der Abhebphase“ für Investoren interessant, so Klein. Pyrum selbst will mit 20 Prozent an den Anlagen beteiligt sein. Nach Kleins Rechnung amortisiert sich eine Anlage schon nach drei Jahren.

Investmentguru Thannberger betreut Pyrum-Börsengang

Den Börsengang von Pyrum begleitet der internationale Investmentguru Louis Thannberger. Er hat eigenen Angaben zufolge bereits mehr als 400 Firmen bei ihrem Gang an die Börse begleitet. Die staatseigene französische Mittelstandsbank Oseo war als einzige bereit, dem Unternehmen bislang Geld zu leihen. Die EU hat eine Million Euro an Fördermitteln bereitgestellt, weitere Partner haben bislang ebenfalls mitfinanziert. In der Zwischenzeit seien 21 Gesellschaft hinzugekommen. Klein und Dossmann halten derzeit die Mehrheit.

Öl, Koks und Gas

Der Dillinger Reaktor kann den Angaben zufolge 5000 Tonnen Granulat aus Reifengummi oder Kunststoff pro Jahr in Öl, Gas und Koks zerlegen. Unter Ausschluss von Sauerstoff werden der Reifengummi und die Kunststoffe in einer Kammer auf rund 700 Grad erhitzt. Sie köcheln dann vor sich hin, bis sie in ihre Bestandteile zerlegt sind. Rund 62 Prozent wird zu Dampf. Der meiste Dampf kondensiert beim Abkühlen zu Öl. Es wird dann an Raffinerien geliefert. Nicht verflüssigter Dampf  bleibt als energiereiches Gas zurück. Mit ihm werden Strom und Wärme in einem Blockheizkraftwerk neben dem Anlagenturm der Recycling-Anlage erzeugt.

Weiterverarbeitung zu Kohlefaser-Verbundstoffen

In fester Form bleibt Kohlenstoff in Form von Koks übrig. Er wird mit Metalloxiden aus Zink und Eisen angereichert. Dieser bildet rund 38 Prozent der Gesamtmasse. Er könne unter anderem für die Herstellung von Kohlefaser-Verbundstoffen oder als Aktivkohle verwendet werden, wie sie in Chemie, Medizin, Wasser- und Abwasserbehandlung eingesetzt wird.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)