21.10.2019

Onlinehandel: Viele Retouren landen im Müll

Elektroartikel, Möbel, Haushaltswaren: Was nicht funktioniert wie bestellt, geht zurück an den Händler. Der kann die Ware ja weiterverkaufen. Wirklich? Fakt ist, dass Millionen Artikel im Müll landen – weil es billiger ist, so das Ergebnis einer Studie der Uni Bamberg.

Onlinehandel: Viele Retouren landen im Müll.

Uni Bamberg: Retouren vernichten billiger als Verwertung

3,9 Prozent aller Retouren aus dem Onlinehandel in Deutschland gehen jährlich den Gang alles Materiellen. Man könnte sie weiterverkaufen, spenden oder sonstwie verwenden; aber nein: man vernichtet sie. Viele Retouren landen im Müll. Im Jahr 2018 wurden insgesamt 487 Millionen Artikel zurückgesendet; das bedeutet, knapp 20 Millionen davon wurden verschrottet. Das berichten verschiedene Medien wie „Tagesschau“ oder „Tagesspiegel“. Sie berufen sich dabei auf Untersuchungen der Universität Bamberg.

Zahlreiche Politiker, angeführt von der ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, forderten bereits ein Verbot dieser Praxis. Die Universität Bamberg hat erforscht, weshalb diese Waren überhaupt vernichtet werden. Dies sind ihre Ergebnisse:

  • In etwa 53 Prozent der Fälle ist eine Wiederaufbereitung technisch nicht möglich, weil es sich um defekt zurückgesandte Artikel handelt oder sie derart beschädigt sind, dass sie nicht mehr weiterverwendet werden können.
  • In rund 40 Prozent der Fälle sei eine Spende aus Sicht des Händlers zwar möglich. Dies finde aber in erster Linie aus steuerlichen Gründen nicht statt. Die auf Spenden zu entrichtende Umsatzsteuer übersteige die Entsorgungskosten.
  • Vor allem für kleine Händler sei es zu aufwendig, eine geeignete Spendenorganisation auszuwählen.
„Offensichtlich brauchen die Händler mehr Informationen darüber, wer Sachspenden in kleinen Stückzahlen annimmt“, meint Studienleiter Björn Asdecker.

Er schlägt deshalb ein Register für Annahmestellen von Sachspenden vor.

So viele Artikel wie möglich wieder in den Verkauf

Onlinehändler streben laut einer Stellungnahme des Branchenverbands Bitkom bei Retouren an, so viele Artikel wie möglich wieder in den Verkauf zu bringen. Schließlich liege es im ureigenen Interesse eines Onlinehändlers, zurückgesandte Artikel wirtschaftlich zu verwerten.

Daher prüfen Onlinehändler zurückgesandte Artikel regelmäßig auf einen möglichen Wiederverkauf. Ist diesem Fall würden diese Artikel neu verpackt und neu gelistet.

Retouren gibt es immer

Retouren lassen sich gerade im Onlinehandel nicht ausschließen – schon aus Gründen des Verbraucherrechts nicht. Das gesteht es den Kunden zu, innerhalb bestimmter Fristen vom Vertrag zurücktreten und die Ware zurückzuschicken. Deshalb und aus Umwelt- und Klimaschutz-Aspekten seien wirtschaftliche Anreize wichtig, retournierte Artikel weiter zu verwenden.

Noch detailliertere und genauere Produktbeschreibungen mithilfe digitaler Technologien könnten helfen, dass der Verbraucher eine besser informierte Entscheidung trifft und eine Rücksendung gar nicht erst notwendig wird. Die Forscher denken hier etwa an virtuelle und augmented Reality.

Wenig Niederschlag der Retouren in den Büchern

Die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema „Retouren landen im Müll“ ist relativ groß. Aber in den Büchern der Firmen spielt es offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Lediglich 45 Prozent der befragten Händler kennen die genauen Kosten für die Entsorgung eines Artikels. Die übrigen schätzen die Kosten im Mittel auf 0,85 Euro pro Artikel.

Die Teilnehmer der genannten Studie stehen für einen E-Commerce-Umsatz in Höhe von 5,5 Milliarden Euro. Das entspricht rund 8,4 Prozent des gesamten deutschen Onlinehandels 2018. Bemerkenswert sind die verbleibenden gut fünf Prozent der Retouren. Diese rund eine Million Artikel seien noch gebrauchsfähig, würden aber entsorgt, weil der jeweilige Marken- und Patentinhaber dies vorgebe und den Händlern eine Verwertung aktiv untersage.

„Hierbei handelt es sich um eine unnötige Verschwendung von Ressourcen und ist unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit äußerst bedenklich“, heißt es in der Auswertung der Studie.

Elektroartikel besonders betroffen

Branchenkenner berichten, dass vor allem Elektroartikel des mittleren Preissegments von solchen Absprachen betroffen sind, beispielsweise in der Größenordnung eines Küchenmixers. Bei teureren Geräten wie etwa Fernsehern sei der Wertverlust dem Vernehmen nach hingegen zu groß.

Hersteller, die mit ihrer Marke ein gewisses Qualitätsversprechen verknüpfen, fordern Insidern zufolge zudem häufig die Entsorgung, weil sie unter ihrem Namen nur komplett neuwertige Ware verkaufen wollen. Ein geöffnetes Siegel kann hier schon ein Grund sein, den Artikel nicht mehr anzubieten.

Retouren landen im Müll: Politik will reagieren

Auch wollen sie den Markt wohl nicht durch praktisch neuwertige Ware auf Gebrauchtwarenplattformen kannibalisieren. Nicht immer, so ist zu hören, beruhen derlei Absprachen auf Verträgen. Mitunter würden auch schnellere Belieferung oder andere Vorteile daran gekoppelt. Um diesen Missständen zu begegnen, will die Bundesregierung das Kreislaufwirtschaftsgesetz ändern. So soll eine sogenannte Obhutspflicht für die Waren eingeführt werden.

„Unternehmen sollen Überhänge und Retouren nur noch dann vernichten dürfen, wenn dies zum Beispiel aus Sicherheits- oder Gesundheitsgründen notwendig ist“,

hieß es laut „Tagesspiegel“ Ende September vom Bundesumweltministerium (BMU) nach einem Treffen mit Händlern und Verbänden.

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Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)