12.07.2022

Nachhaltigkeit für Einkauf wichtiger denn je

Alle reden über Nachhaltigkeit – aber nicht jeder übt sie. Zumal im Einkauf ist es nicht immer leicht, das Prinzip bei allen Beschaffungsgütern durchzuhalten. Eine Umfrage unter Einkäufern kommt zu ernüchternden Ergebnissen. Über die Hälfte der Einkäufer haben keine Kennzahlen dazu.

Nachhaltigkeit Einkauf

54 Prozent der Unternehmen haben keine Kennzahlen zu ihren Nachhaltigkeitszielen beim Einkauf quantifiziert. Zu diesem Ergebnis gelangt eine branchenübergreifende Studie mit dem Titel „Zwischen Umweltbewusstsein und Umsetzung – der aktuelle Leistungsstand von Nachhaltigkeit im Einkauf“ von Höveler Holzmann, Spezialist für Supply Chain- und Einkaufsoptimierung mit Sitz in Düsseldorf, zum Reifegrad der Einkaufsabteilungen von insgesamt 112 Unternehmen in Bezug auf Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit in der Lieferkette und im Einkauf ist demnach den Unternehmen wichtig für den Erfolg von Unternehmen und wird vom Management gefördert.

Schlüsseldimensionen des Einkaufs

Die Studie von Höveler Holzmann stützt sich auf vier Schlüsseldimensionen des Einkaufs:

  • Einkaufsstrategie und -ziele,
  • strategischer Einkaufsprozess,
  • Lieferantenmanagement sowie
  • Organisation und Personal.

Über alle Dimensionen hinweg lautet das Fazit der Studie: größere Einkaufsorganisationen sind bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit im Einkauf tendenziell weiter als kleinere Unternehmen. Höveler Holzmann optimiert Wertschöpfungsketten – vom Auftragseingang im Vertrieb über Einkauf, Produktion und Lager/Logistik bis zur Rechnungsstellung. Über 70 Experten aus Industrie und Beratung sind den Angaben zufolge für das 2011 gegründete Unternehmen tätig mit zahlreichen Projekten in der gesamten Konsumgüterindustrie, dem Groß- und Einzelhandel, der Chemie- und Automobilindustrie sowie im Maschinenbau.

Auswertung von drei Gruppen

Für die Auswertung der Ergebnisse wurden drei Gruppen gebildet:

  • Kleinere Einkaufsorganisationen mit einem Einkaufsvolumen von bis zu 200 Millionen Euro (33 Prozent der Teilnehmer)
  • mittelgroße Einkaufsorganisationen, die ein Einkaufsvolumen von 200 Millionen Euro bis einer Milliarde Euro (40 Prozent der Teilnehmer) verantworten
  • große Einkaufsorganisationen mit einem Einkaufsvolumen von mehr als einer Milliarde Euro (27 Prozent der Teilnehmer). Dadurch habe ein Vergleich der Reifegrade dieser Gruppen erfolgen und bewertet werden können, inwiefern Nachhaltigkeit im Einkauf von Unternehmen bereits berücksichtigt wird.

Um den Reifegrad zu ermitteln, haben die Teilnehmer bei jeder Frage angegeben, inwieweit die jeweiligen Best-Practice-Ansätze auf ihr Unternehmen zutreffen. Die Bewertung erfolgte anhand einer Skala von 1 („trifft überhaupt nicht zu“) bis 4 („trifft voll zu“). Je höher die Bewertung ausfällt, desto höher wird der Reifegrad eingeschätzt. Um die unterschiedlichen Größen der Einkaufsorganisationen vergleichen zu können, werden die durchschnittlichen Werte je Klasse ermittelt. Sie stellen den erzielten Reifegrad dar.

Einkauf beeinflusst die nachhaltige Gestaltung der Lieferkette

Die Bedeutung der Nachhaltigkeit wird zwar hoch eingeschätzt:

  • Für 92 Prozent der teilnehmenden Organisationen ist ein nachhaltiger Einkauf wichtig für den zukünftigen Erfolg.
  • Bei der Frage nach der persönlichen Vertrautheit mit dem Thema Nachhaltigkeit im Einkauf sind die Antworten ebenfalls sehr positiv. 83 Prozent der Befragten geben an, dass sie mit Nachhaltigkeit im Einkauf voll bzw. eher vertraut sind.
  • Der Anteil an Personen, die sich selbst als weniger vertraut mit dem Thema bezeichnen, ist mit 17 Prozent fast doppelt so groß im Vergleich zu denen, die Nachhaltigkeit als nicht relevant betrachten. Zwischen den verschiedenen Größen der Einkaufsorganisationen bestehen dabei keine nennenswerten Unterschiede.
  • 79 Prozent des Top-Managements fördern und unterstützen Nachhaltigkeit aktiv und
  • über 70 Prozent haben Nachhaltigkeitsaspekte bereits in ihrer Einkaufsstrategie integriert.
  • Mit 76 Prozent verpflichten fast ebenso viele Unternehmen ihre Lieferanten zur Unterzeichnung eines Supplier Codes of Conduct.

Defizite bei Kennzahlen, Risikomanagement und Lieferantenentwicklung

Wenn es darum geht, die Ziele durch Kennzahlen zu quantifizieren und regelmäßig zu überprüfen, zeigt sich allerdings, dass viele Unternehmen noch Nachholbedarf aufweisen. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) gibt an, eher keine oder überhaupt keine Ziele durch Kennzahlen zu quantifizieren. Dabei gibt es jedoch einen deutlichen Unterschied bezogen auf die Größen der Einkaufsorganisationen. Kleine und mittelgroße Einkaufsorganisationen schätzen sich mit Mittelwerten von 2,14 bzw. 2,18 eher schwach ein und haben deutliches Optimierungspotenzial. Große Unternehmen kommen mit einem Mittelwert von 2,83 auf einen deutlich höheren Reifegrad, lassen jedoch ebenfalls noch Raum für Verbesserungen.

In Einkaufsstrategie Nachhaltigkeitsaspekte verankert

Der Großteil der Unternehmen hat in der Einkaufsstrategie bereits Nachhaltigkeitsaspekte verankert und somit ein generelles Bewusstsein für die Bedeutung von Nachhaltigkeit im Einkauf entwickelt. Wenn es darum geht, konkrete Ziele aus der Einkaufsstrategie abzuleiten, geht der Anteil jedoch bereits zurück. Noch weniger Unternehmen quantifizieren und überprüfen ihre Ziele durch Kennzahlen. Ohne eine konsequente Überprüfung der Strategie und die zugehörigen Ziele durch Kennzahlen wird es für Unternehmen jedoch schwierig, ihre Aktivitäten im Bereich Nachhaltigkeit bewusst zu steuern. Hier besteht somit deutlicher Handlungsbedarf.  Entsprechende Nachhaltigkeitskriterien für ihre Lieferanten oder Kennzahlen zur Quantifizierung der Entwicklung haben bisher jedoch erst wenige Organisationen formuliert:

  • Nur bei 39 Prozent der Unternehmen fließen verbindliche Lieferantenkriterien bislang in Leistungsbeschreibungen und Lieferantenverträge ein.
  • Mit 52 Prozent deckt eine knappe Mehrheit der Befragten ihre Nachhaltigkeitsrisiken zudem nicht durch ihr Risikomanagement ab.
  • 58 Prozent der Unternehmen nehmen keine Sanktionen gegen Lieferanten vor, die Nachhaltigkeitsstandards verletzen.
  • 68 Prozent entwickeln Lieferanten mit Nachhaltigkeitsdefiziten nicht weiter.
  • 60 Prozent der Unternehmen nennen fehlende Mitarbeiter oder Ressourcen als Kernherausforderungen für mehr Nachhaltigkeit im Einkauf.
  • Nur 22 Prozent von ihnen bieten gleichwohl Personalentwicklungsmaßnahmen zum Aufbau von Kompetenzen an.

Unternehmen wachrütteln

Die Notwendigkeit, Nachhaltigkeit als eines der Einkaufsziele ernsthaft zu verfolgen, sei endlich in den Unternehmen angekommen, ist Firmenchef Dr. Bernhard Höveler überzeugt. Bereits vor mehr als 20 Jahren seien Begriffe wie Green Procurement oder Sustainable Procurement als „neuer Trend“ erkennbar geworden. Allerdings hätten damals die meisten Unternehmen ein Beschäftigung damit „schnell wieder in der Schublade“ verschwinden lassen. Es sei deutlich geworden, dass nachhaltiger Einkauf oftmals teurer und aufwendiger sei als der normale Einkauf. Mittlerweile habe sich infolge der globalen Klimakrise der Druck durch den Staat und andere Stakeholder wie z. B. Banken dermaßen erhöht, dass Unternehmen sich nun um Nachhaltigkeit tatsächlich kümmern müssten.

Als maßgeblicher Gestalter der Lieferketten nehme der Einkauf eine zentrale Rolle bei der nachhaltigen Ausrichtung eines Unternehmens ein. Viele Einkaufsleiter ständen dabei vor der Hauptfrage: Was tun, um tatsächlich nachhaltig einzukaufen? Wie sie die Unternehmen beantworten, habe die Studie auf den Grund gehen wollen, indem man entlang der vier Schüsseldimensionen den Einkauf untersucht habe. Als Ziel der Studie nennt Höveler daher, den aktuellen Umsetzungsstand oder Reifegrad branchenübergreifend aufzuzeigen und die Unternehmen wachzurütteln, Nachhaltigkeit konsequent im Einkauf zu implementieren.

Branchenübergreifende Erfahrungen

Die verschiedenen Branchen verteilen sich folgendermaßen auf die Studie:

  • Mit Abstand am häufigsten vertreten sind bei der Studie Unternehmen aus dem Bereich Nahrungsmittel & Getränke mit über 20 Prozent.
  • Ein Zehntel der Teilnehmer kommt aus der Branche Transport & Logistik.
  • Weitere neun Prozent der Unternehmen sind im Chemie-Bereich tätig.
  • Mehr als 70 Prozent der Befragten bekleiden eine Führungsposition.
  • Die größte Gruppe macht mit fast der Hälfte aller Teilnehmer die Funktion„Abteilungsleiter/in Einkauf“ aus.

Positionen aus Logistik und Supply Chain Management laufen unter „ferner liefen“.

Dimension „Einkaufsstrategie und -ziele“

Im Zusammenhang mit der Dimension „Einkaufsstrategie und -ziele“ konnten die Unternehmen ebenfalls angeben, welche

  • sozialen,
  • ökologischen und
  • ökonomischen Ziele

sie zur Steigerung ihrer Nachhaltigkeit im Einkauf verfolgen.

  • 95 Prozent der Befragten erwarten von ihren Lieferanten den Verzicht auf Kinderarbeit.
  • 93 Prozent bzw. 92 Prozent verfolgen Ziele zur Vermeidung von Zwangsarbeit und Vermeidung von Diskriminierung.
  • 76 Prozent der Unternehmen geben an, bei ihren Lieferanten auf faire Löhne und die Arbeitsplatzgesundheit und -sicherheit zu achten.
  • Nur noch 60 Prozent verfolgen bei ihren Lieferanten das Ziel der Geschlechtergleichstellung.
  • 34 Prozent achten auf die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern.

Die Einhaltung nationaler oder europäischer Gesetze wie das Lieferkettengesetz wurde zweimal zugesagt, ein Teilnehmer verfolgt ausgewählte Ziele der Vereinten Nationen. Einen naheliegenden Grund für die hohe Anzahl an Nennungen der Ziele zur Verhinderung von Kinderarbeit, Zwangsarbeit und Diskriminierung sehen die Autoren der Studie gleichwohl in der Einführung des Lieferkettengesetzes. Außerdem könnte aufgedeckte Kinderarbeit bei einem Lieferanten den öffentlichen Druck auf Unternehmen deutlicher erhöhen als etwa die Bezahlung unfairer Löhne.

Bei den ökologischen Zielen wurde mit 74 Prozent das Recycling von Material am häufigsten genannt. Die Ziele Einsparung von Material bei Produktion, Emissionen vermeiden oder vermindern sowie nachhaltige Verpackungen wurden von 64 bis 66 Prozent der Teilnehmer genannt. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten geben die Nutzung regenerativer Ressourcen und Klimaneutralität als Ziele an und weitere 44 Prozent wollen nachhaltige Transportmittel oder -wege nutzen. Im Zusatzfeld wird erneut die Einhaltung gesetzlicher Regeln genannt, aber auch andere Ziele wie die Nutzung lokaler Lieferanten, die Nutzung des Prinzips der Kreislaufwirtschaft oder der Einsatz von Biopolymeren werden verfolgt. Drei Teilnehmer haben jedoch auch angegeben, bisher keinerlei ökologische Ziele definiert zu haben.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)