22.06.2017

MT Aerospace entwickelt Bauteile für Trägerrakete Ariane

Der Weltraum ist für private Veranstalter eröffnet. US-Anbieter wie SpaceX und Blue Origin heben bereits ab. Die ESA will ab 2020 mit der Rakete „Ariane 6“ nachziehen. Die Rakete wird wiederverwendbar sein. Einen Teilentwicklungsauftrag erhielt jetzt MT Aerospace in Augsburg.

Flug zum Mond

Waren sie es oder waren sie es nicht: die Amerikaner 1969 auf dem Mond? Wenn ja, warum hat seither kein privates Unternehmen den Flug zum Mond im Programm? Eine mögliche Antwort: die damaligen und seither gebauten Raketen ließen sich alle nicht wiederverwenden. Jetzt sind es wieder die Amerikaner, die beim Flug in den Kosmos die nächste Stufe zünden – und wahrscheinlich auch zum Mond.

Eine Rakete hebt ab …

In den frühen Abendstunden des 30. März dieses Jahres stieg vom Weltraumbahnhof der Nasa eine „Falcon-9“-Rakete des privaten US-Raumfahrtunternehmens SpaceX mit ohrenbetäubendem Lärm in den Himmel. Wie die „Neue Zürcher Zeitung“ berichtet, soll sie einen Fernmeldesatelliten im Weltall aussetzen. Das Besondere an dieser Rakete: sie hob nicht zum ersten Mal ab. Und es könnte auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Die erste Raketenstufe hatte ihren Jungfernflug bereits ein Jahr zuvor absolviert.

… und kehrt zur Erde zurück

Nach getaner Arbeit war sie zur Erde zurückgekehrt, sicher auf einer schwimmenden Plattform im Meer gelandet und danach für den nächsten Start vorbereitet worden. SpaceX zeigte neben dem erfolgreichen Satellitentransport eines: die Wiederverwendung von Raketenteilen. Sie könnte dem Bericht zufolge die Nutzung des Weltraums nachhaltig verändern. Schon wächst die Hoffnung, die Preise für Raketenstarts könnten in den nächsten Jahren ins Purzeln geraten. SpaceX soll für einen Flug mit einer „Falcon 9“ gegenwärtig 62 Millionen Dollar verlangen. Damit liege die Firma bereits heute deutlich unter den Preisen der staatlichen oder staatlich geförderten Konkurrenz. Dabei schlagen die Kostenersparnisse durch das Recycling noch gar nicht zu Buche.

Goldgräberstimmung im Kosmos

Diese Entwicklung habe bei privaten Raumfahrtunternehmen und Satellitenbetreibern eine Art Goldgräberstimmung ausgelöst. Plötzlich zeichnen sich im Weltraum neue Geschäftsfelder ab. Die Auftragsbücher seien prall gefüllt. Zu den Kunden gehören neben Satellitenbetreibern öffentliche US-Akteure wie die Nasa und die Air Force. Eine „Falcon-9“-Rakete, die bereits 2014 einmal an der Internationalen Raumstation (ISS) angedockt hatte, brachte vor wenigen Tagen eine mit Nachschub gefüllte Raumkapsel zur ISS. Nach der Einstellung des amerikanischen Shuttle-Programms war es das erste Mal, dass ein bereits verwendetes Raumfahrzeug an der ISS andockte.

Zahlungswillige Privatpersonen zum Mond

Im Februar hat SpaceX angekündigt, dass nach dem Flug zur ISS noch im gleichen Jahr zwei zahlungswillige Privatpersonen den Mond umrunden werden. Als Trägerrakete soll dabei die „Falcon Heavy“ zum Einsatz kommen. Dieses Nachfolgemodell der „Falcon 9“ soll bis zu 64 Tonnen ins Weltall befördern können. Damit wäre sie mit Abstand die leistungsfähigste Rakete auf dem Markt. Nur die Saturn-V-Mondrakete der Nasa, die 1973 ihren letzten Flug absolvierte, konnte größere Lasten transportieren.

Weltraumtourismus im Visier

SpaceX-Konkurrentin US-Weltraumfirma Blue Origin des Milliardärs Jeff Bezos hat zunächst den Weltraumtourismus im Visier. In einer von Blue Origin entwickelten Raumkapsel sollen im nächsten Jahr erstmals Kunden in den Genuss eines elfminütigen Fluges kommen. Im März hat Bezos Pläne für den Bau einer Schwerlastrakete konkretisiert namens „New Glenn“. Sie soll ihren Jungfernflug im Jahr 2020 absolvieren. Die Rakete ist für eine Nutzlast von 45 Tonnen ausgelegt und soll laut Angaben der Firma bis zu hundert Mal wiederverwendet werden.

Europäer wachen langsam auf

Es sieht so aus, als ob auch die Europäer langsam aufwachen. Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) muss sich der wachsenden Konkurrenz durch private Unternehmen und aufstrebende Raumfahrtnationen wie Indien und China stellen. Ihre Antwort lautet: „Ariane 6“. Auch diese neue europäische Trägerrakete soll mittlerweile so geplant werden, dass sie wiederverwendet werden kann.

MT Aerospace an der Startrampe

Das Augsburger Raumfahrtunternehmen MT Aerospace AG, eine Tochter des börsennotierten Technologiekonzerns OHB SE, hat mit ArianeGroup, bis Ende letzten Monats Airbus Safran Launchers, einen Vertrag über die Entwicklung wesentlicher Tank- und Struktur-Bauteile für „Ariane 6“ abgeschlossen. Der Auftrag umfasst alle erforderlichen Entwicklungsarbeiten im Bereich „Tanks und Strukturen“ bis zum geplanten Erstflug der Rakete im Jahr 2020 sowie den Aufbau der Produktionskapazitäten für bis zu zwölf Raketen pro Jahr. Das Volumen hierfür beträgt 170 Millionen Euro.

Metallic Aerostructures aus Augsburg

Laut Vertrag ist MT Aerospace in enger Zusammenarbeit mit Systemführer ArianeGroup verantwortlich für den Bereich „Metallic Aerostructures“ einschließlich die großen Treibstofftanks und wesentliche metallische Strukturbauteile. Die Gesellschaft soll sich als Risk Share Partner mit Eigenmitteln an der Entwicklung der neuen Trägerrakete beteiligen. Der Auftrag soll am Ariane-Standort Augsburg hochqualifizierte Arbeitsplätze und die Fortführung der erfolgreichen Ariane 5-Fertigung sichern. MT Aerospace führt dabei als eine der wichtigen technischen Innovationen bei Ariane 6 das Rührreibschweißen/FSW unter Einsatz leistungsfähiger Materialien ein. Die ersten Qualifikationsbauteile der Treibstofftanks werden bereits in Augsburg gefertigt. Sie will man bis Ende 2017 an Ariane Group ausliefern. Ab 2018 beginnt dann die Auslieferung der Bauteile für den Erstflug.

Autor: Franz Höllriegel