16.07.2019

Mehr Wasserstoff-Tankstellen!

Was treibt uns in Zukunft an: Strom oder Wasserstoff? Wenn es nach dem ADAC ginge, eins von beiden. Vorerst müsse man beides vorbereiten, damit es nicht heißt: keins von beiden. Doch zumal bei den Wasserstoff-Tankstellen hapert es. Die Forscher rechnen mit mehreren Milliarden Ausbaukosten.

Mehr Wasserstoff-Tankstellen fordert eine neue Studie.

Elektroauto der Zukunft

Bei den Grünen kommt der Strom aus der Steckdose. Mit dieser sarkastischen Verkürzung versuchte der politische Gegner, in Zeiten von „Atomkraft – Nein, Danke!“ das Credo der damals neuen Partei in Misskredit zu bringen. Die Atomkraft gilt seit Anfang dieses Jahrzehnts als Auslaufmodell. Sie wurde ersetzt durch die nicht mehr sarkastische Frage: Woher kommt der Strom der Zukunft stattdessen? Sie spitzt sich zu bei der Energiequelle für das Auto der Zukunft. Ist der Ausbau von Wasserstoff-Tankstellen eine vernünftige Alternative?

Weitgehend einig scheint man sich zu sein: Das Auto der Zukunft hat einen elektrischen Antrieb. Doch welches ist die beste Energiequelle: Strom oder Wasserstoff?

In einer aktuellen Studie, aus der Statista zitiert, empfehlen der ADAC, die Ludwig-Bölkow-Stiftung und das Fraunhofer-Institut nun, den Ausbau der Infrastruktur sowohl für Strom als auch für Wasserstoff parallel voranzutreiben.

Download der Studie „Infrastrukturbedarf E-Mobilität“

Die Studie der Ludwig-Bölkow-Stiftung können Sie hier als PDF kostenlos downloaden: „Infrastrukturbedarf E-Mobilität. Analyse eines koordinierten Infrastrukturaufbaus zur Versorgung von Batterie- und Brennstoffzellen-Pkw in Deutschland.“

Ein gleichberechtigter Ausbau könnte Kosten von bis zu sechs Milliarden Euro im Jahr einsparen, so die Analysten.
In den vergangenen Jahren ist laut Statista die Nachfrage nach Wasserstoff an deutschen Tankstellen gestiegen. Im Juni 2019 lag der Absatz bundesweit bei 8,2 Tonnen, wie die Statista-Grafik zeigt.

71 Wasserstoff-Tankstellen haben in Deutschland bisher eröffnet. Bis Ende 2019 will man die Zahl auf 100 aufstocken, so die Auskunftsseite H2.live. Davon befinden sich elf in der Planungsphase, je sechs in der Genehmigungs- und der Ausführungsphase; nochmal sechs laufen derzeit im Probebetrieb für die Inbetriebnahme.

In absoluten Zahlen hat Deutschland damit laut Statista weltweit die zweitmeisten Wasserstoff-Tankstellen nach Japan. Bei Wasserstoff-Tankstellen pro Einwohner liegt Deutschland an vierter Stelle hinter Dänemark, Norwegen, Japan und Österreich.

Riesiger Bedarf an Lade- und Betankungsinfrastruktur

Die Studie rechnet zur Versorgung der Batterie- und Brennstoffzellenfahrzeuge basierend auf den Annahmen der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) bis zum Jahr 2050, abhängig vom Szenario, mit einem Bedarf von 9,6 Millionen bis 38,4 Millionen Ladepunkten. Die damit verbundenen jährlichen Kosten für Wartung, Instandhaltung und Investitionsabschreibung lägen demnach zwischen zwei Milliarden und knapp neun Milliarden Euro.

Die Abschätzung zur Versorgung der Brennstoffzellen-Pkw ergebe einen Bedarf von rund 2.000 bis rund 6.000 Wasserstofftankstellen in einem Szenario mit höherer Betankungskapazität. Die entsprechend ermittelten jährlichen Kosten für die Wasserstoffbetankungsinfrastruktur inklusive der Anlieferung des Wasserstoffs veranschlagen die Wissenschaftler auf eine Milliarde Euro bis 3,7 Milliarden Euro.

Annahme: 2050 in Deutschland 40 Millionen Nullemissions-Pkw

Die Studie berechnet die Infrastrukturkosten für die Einführung von 40 Millionen Nullemissions-Pkw in Deutschland bis zum Jahr 2050. Das Zusammenspiel der Infrastruktur für Batterie- und Brennstoffzellen-Autos wird dabei in drei Szenarien mit jeweils unterschiedlichen Anteilen der Fahrzeugtechnologien analysiert.

Räumlich berechneten die Wissenschaftler den Netzausbaubedarf an Beispielen für

  • Ballungsräume,
  • den klein- und vorstädtischen Bereich sowie
  • den ländlichen Raum.
„In Kleinstädten, den großstädtischen Speckgürteln und im ländlichen Bereich muss mehr investiert werden“,

erläutert Dr. Werner Zittel, Vorstand der Ludwig-Bölkow-Stiftung, die wichtigsten Ergebnisse der Studie. Hier werde die Zunahme des Strombedarfs durch Batterie-Pkws noch stärker spürbar sein.

Die große Anzahl von Berufspendlern, für die E-Mobilität attraktiv sein dürfte, würden das Netz mehr als bisher in Anspruch nehmen. Zudem seien die Netze in der Peripherie und auf dem flachen Land schwächer ausgebaut. Hier fehlten oft die große Anzahl von Betrieben mit viel Tagesstromverbrauch.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)