04.07.2018

Luftfracht wächst durch Onlinehandel rasant

Immer mehr Menschen kaufen online ein. Das wirkt sich nicht nur auf die Zustelldienste der letzten Meile aus. Der grenzüberschreitende Online‐Handel wächst rasant. Dadurch erhöht sich auch das Volumen der Luftfracht stetig. Die Branche fordert jetzt integrierte digitale Prozesse entlang der Logistikkette.

Experten warnen jetzt vor Engpässen bei der Luftfracht.

Onlinehandel weitet Luftfrachtvolumen rasant aus

Mittlerweile stößt die Luftfrachtlogistik an ihre Grenzen. Darüber war man sich Ende Juni in Berlin auf dem Branchengespräch Luftfracht einig. Veranstaltet wurde es von den Bundesverbänden der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), der Deutschen Industrie (BDI) und dem Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV).

Es wurde deutlich, wo sich jetzt Kapazitätsengpässe auftun: bei der Infrastruktur und bei den Verwaltungsabläufen. Den Grund für den jetzigen Weckruf sieht man in einer deutlich wachsenden Nachfrage.

„Wenn wir das Wachstum im Luftverkehr bewältigen wollen, dann müssen massive Anstrengungen unternommen werden und das an allen Stellen“, sagte Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des BDL.

Insbesondere die Schnittstellen zu den behördlichen Funktionen müsse man effizienter organisieren. Das gelte etwa für Zollverwaltung und Luftsicherheitskontrolle. Damit teilen die Verbände die Ansicht des Board of Airline Representatives in Germany (Barig). Dessen Generalsekretär Michael Hoppe unterstrich im Branchengespräch zur Luftfracht diese Forderungen der rund 100 nationalen und internationalen Mitgliedsfluggesellschaften seines Verbandes.

31 Prozent des Exports per Flugzeug nach Übersee

Nach jüngsten Erkenntnissen des BDL transportierten Fracht- und Passagierflugzeuge im Jahr 2017 Waren im Wert von 260 Milliarden Euro.

Gemessen am Warenwert wurden 31 Prozent der Waren im Export nach Übersee mit dem Flugzeug transportiert.

Die Nachfrage nach Transportleistungen per Luftfracht wächst stetig. So ist das wertmäßige Frachtvolumen in den letzten zehn Jahren um 60 Prozent gewachsen – also etwa doppelt so schnell wie bei den anderen Verkehrsträgern.

Das Anwachsen der Luftfracht wird angekurbelt durch den zunehmenden grenzüberschreitenden Onlinehandel, kürzer werdende Produktzyklen und den Wunsch nach saisonunabhängigen Lebensmitteln.

Diese Verbesserungsvorschläge wurden gemacht:

  • Kapazitätserhöhung des Luftraums
  • Ausbau wichtiger Flughafeninfrastruktur
  • Optimierung luft- und bodenseitiger Dienstleistungen
  • Verbesserungen der Sicherheitskontrollen
  • Digitalisierung der Prozesse entlang der Logistikkette

Grenzüberschreitender Online‐Handel

Der globale Onlinehandel stand im Mittelpunkt des Berliner Branchengesprächs. Beteiligt waren auch Vertreter der Bundesfinanz- und -Verkehrsministerien. Der grenzüberschreitende Onlinehandel wachse rasant. Dadurch erhöhe sich das Luftfrachtvolumen stetig. Zu dessen Bewältigung wurden integrierte digitale Prozesse entlang der gesamten Logistikkette gefordert. Die heutige Praxis und der geltende Rechtsrahmen lägen weit hinter diesen Anforderungen zurück.

Das zeigt eine vom BDL vorgelegte Analyse der derzeitigen Lage. Danach verlangsamen in der Luftfracht Papierdokumente nach wie vor die Prozesse massiv. Frachtbriefe, Zollanmeldungen und Versicherungsscheine müssen physisch mitgeführt werden. Lösungen wie ein elektronischer Frachtbrief der internationalen Luftfahrtorganisation IATA würden derzeit nicht flächendeckend umgesetzt. Die Politik müsse Rahmenbedingungen für einen elektronischen Austausch der relevanten Dokumente und Informationen schaffen. Außerdem wollen die Verbände die Zusammenarbeit mit den Zollbehörden weiterentwickeln.

Drohende Engpässe auch bei militärischer Luftfracht

Nicht nur im zivilen, auch im militärischen Luftgüterverkehr stoßen die Kapazitäten an ihre Grenzen. Ein Wechsel bei der Durchführung von Großtransporten für die Nato bahnt sich am Flughafen Leipzig/Halle an. Die ukrainische Gesellschaft Antonov Airlines könnte künftig bis zu sechs ihrer Großfrachter für Transportflüge von dort ab einsetzen. Wie das Fachportal „Cargo Forwarder Global“ berichtet, geht es um die Komplettabwicklung aller Transportflüge für zehn Nato- und EU-Staaten an dem deutschen Flughafen.

Laut Vertriebschef Andriy Blagovisniy befindet sich Antonov Airlines dazu in fortgeschrittenen Verhandlungen mit der in Luxemburg ansässigen Nato Support & Procurement Agency (NSPA). Die Transportflüge werden seit 2006 in Arbeitsteilung zwischen Antonov Airlines und der russischen Volga-Dnepr von Leipzig/Halle aus durchgeführt. Offizieller Name der Vereinbarung: Strategic Airlift International Solution (Salis).

Versorgungsflüge in Krisen- und Katastrophengebiete

Bei den bisherigen Salis-Missionen ging es in erster Linie um Transportflüge von Ausrüstungs- und Versorgungsgütern in Krisengebiete wie Afghanistan, Mali oder den Kongo – zwecks Unterstützung der dort agierenden westlichen Krisen-Interventionstruppen. Aber auch bei Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen wurden die Großfrachter bisweilen angefordert. Sie befördern Hilfsgüter, Transportfahrzeuge, Zelte oder ganze Krankenstationen im Auftrag einzelner EU- und Nato-Staaten in die betroffenen Regionen.

Probleme mit Airbus-Frachter

Volga-Dnepr wird aus Salis am 31. Dezember 2018 aussteigen. Danach wird Volga-Dnepr kein eigenes Flugzeug mehr für das Bündnis zur Verfügung stellen. Bis dahin gilt der bisherige Vertrag. Er sieht den von der NSPA koordinierten und zeitlich konzentrierten Einsatz von bis zu sechs Antonov AN-124-100-Frachtern im Auftrag der westlichen Partnerstaaten vor.

Durch den angekündigten Ausstieg von Volga-Dnepr droht den westlichen Ländern ab kommendem Jahr eine Lücke bei Versorgungsflügen. Dies auch deshalb, weil der von Airbus gebaute Frachter A400M nach wie vor große technische Probleme hat. Er wird die Kapazität der AN-124 von 120 Tonnen pro Start wohl nicht ersetzen können.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)