29.11.2022

Logistik im Wandel: digitale Frachtbriefe immer wichtiger

Nicht wasserfest, nicht knitterfest, nicht elektronisch verarbeitbar. Der gute alte Frachtbrief ist nur noch alt, gut immer weniger. Und zudem ersetzbar. Durch seine elektronische Variante. Dessen sind sich immer mehr Logistiker bewusst und nutzen sie, wie eine Studie jetzt offenbart.

digitale Frachtbriefe

Fünf Prozent ausschließlich mit digitalem Lieferdokument

Seit April 2022 gibt es den elektronischen Frachtbrief in Deutschland. Und? Wie wird er angenommen? Das wollte der Digitalverband Bitkom repräsentativ von mehr als 400 Logistikunternehmen in Deutschland wissen. Ergebnis:

  • die Mehrheit der Logistikunternehmen von 77 Prozent nutzt ihn bereits.
  • jedes zwanzigste Unternehmen (fünf Prozent) nutzt ihn „erst“ – so Bitkom in einer Pressemitteilung, man könnte auch sagen „sogar schon“ – ausschließlich und hat die Papierform gänzlich aufgegeben.
  • 31 Prozent nutzen E-Frachtbriefe überwiegend,
  • die meisten (41 Prozent) nutzen sie erst vereinzelt oder nur zum Teil.

Bitkom Research befragte 404 Logistikunternehmen in Deutschland ab 20 Beschäftigten telefonisch.

Nutzung digitaler Frachtbriefe
Nutzung digitaler Frachtbriefe

Allerdings dürfte sich das Bild schon bald ändern, wie die Auswertung der Planungen zeigt. Demnach planen:

  • sechs Prozent, digitale Frachtbriefe in den nächsten zwölf Monaten einzuführen,
  • sieben Prozent für die nächsten ein bis zwei Jahre,
  • weitere sieben Prozent wollen ihre Frachtbriefe nicht digitalisieren.
  • Rund die Hälfte der Unternehmen (47 Prozent) plädieren dafür, dass der Einsatz digitaler Frachtbriefe verpflichtend ist.

„Wir sehen, dass der E-Frachtbrief auf breite Zustimmung in der Branche stößt“, sagt Nathalie Teer, Referentin Mobility und Logistics beim Bitkom. Der Ersatz papierbasierter durch maschinenlesbare Frachtdokumente vermeide:

  • unnötige manuelle Tätigkeiten,
  • Medienbrüche und
  • Übertragungsfehler

Er erleichtere nicht nur das Leben der Logistikunternehmen, davon profitierten letztlich auch die Kunden.

Erleichterung für die Logistikbranche

85 Prozent der Unternehmen sehen laut Bitkom in der Einführung digitaler Frachtbriefe eine große Erleichterung für die Logistikbranche, unter den größeren Unternehmen ab 100 Beschäftigten sogar 96 Prozent. Der Einsatz digitale Frachtbriefe:

  • beschleunige für die Mehrheit der Unternehmen den Informationsaustausch (74 Prozent),
  • mache die Lieferketten transparenter (71 Prozent)
  • reduziere Kosten (64 Prozent).

Allerdings sähen 59 Prozent die Einführung als eine große Herausforderung an:

  • 46 Prozent sagen, dass für eine schnelle Einführung das Know-how in der Branche fehlt.
  • 54 Prozent sagen, dass für eine effiziente Nutzung noch Standards fehlen.

Logistik in der Transformation

Ob Lagerung, Kommissionierung oder Transport: Wie alle Branchen befindet sich die Logistik mitten in der digitalen Transformation. Dabei ist laut einem White Paper des Bitkom zu Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung diese längst kein Trend mehr, sondern für die meisten Teilnehmer Wirklichkeit. Sie sei zudem alles andere als ein Selbstzweck:

  • Digitale Technologien stehen zur Verfügung.
  • Sie nehmen einen immer höheren Stellenwert ein.
  • Digitale Tools verbessert laufende Prozesse nach und nach.
  • Sie gestalten sie ökonomisch wie ökologisch nachhaltiger.

Dabei sei die Digitalisierung schlichte Notwendigkeit. Ohne sie keine Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der in Deutschland zu großen Teilen mittelständisch geprägten Branche. Digitale Technologien erhöhten Effizienz, Qualität und Nachhaltigkeit.

Von IoT-Sensorik bis künstliche Intelligenz

Die eingesetzten Technologien sind vielfältig und reichen von:

  • IoT-Sensorik, über
  • Augmented Reality und
  • Cloud bis hin
  • zum Einsatz künstlicher Intelligenz.

Dabei sei nicht jede Technologie für jedes Unternehmen oder jeden Service geeignet. Deshalb erachtet der Bitkom den gezielten Einsatz digitaler Technologien von zentraler Bedeutung, um ihr Potenzial zu entfalten. Klar sei aber: Alle Akteure der Logistik, wie unterschiedlich sie auch arbeiten, spürten Notwendigkeit und steigenden Stellenwert der Digitalisierung. Das betreffe auf der einen Seite die nationale und internationale Transportlogistik, also

  • Carrier und Spediteure, die Waren und Güter von einem Ort zum anderen bewegen sowie
  • Logistik Service Provider, die für Endkunden die besten Transportwege und -raten ermitteln und die Aufträge für sie abwickeln.

Digitalisierung für Lagerkontrakt- und Intralogistik

Auf der anderen Seite sei Digitalisierung in den Bereichen der Lagerkontrakt- und Intralogistik von Bedeutung. Das Whitepaper beschreibt verschiedene Beispiele, die konkrete Anwendungsfälle für digitale Technologien darstellen. Ziel ist es, einerseits einen Überblick über den Einsatz digitaler Technologien in der Logistik zu geben und diese damit greifbarer zu machen. Auf Basis von Nutzerfällen leitet das Papier Chancen, Herausforderungen und Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft ab. Dabei beantwortet das Papier die folgenden Fragen:

  • An welchen Stellen und mit welchen digitalen Technologien lassen sich Logistikprozesse optimieren?
  • Welche Möglichkeiten ergeben sich durch die Digitalisierung und vor welchen Herausforderungen stehen einzelne Akteure sowie auch die Branche insgesamt?
  • Was kann die Politik tun, um die Digitalisierung in der Logistik voranzutreiben? Und was könnten Stakeholder selbst tun, um die digitale Transformation zu meistern?

Dialog mit Politik

Dieses Papier möchte zu einem Dialog und zu einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Technologie- und Logistikunternehmen anregen. Laut Bitkom-Weißpapier dominiert Deutschlands Logistiksektor traditionell die globale Lieferkettenindustrie. Die Autoren berufen sich mit dieser Aussage auf den letzten Logistics Performance Index (LPI) von 2018 der Weltbank. Ihm zufolge belegte Deutschland die Spitzenposition und stand auch bei den aggregierten internationalen LPI-Ergebnissen in den vier Ausgaben des Weltbankberichts an erster Stelle. Der LPI ist ein interaktives Benchmarking-Tool, das entwickelt wurde, um Ländern dabei zu helfen, die Herausforderungen und Chancen zu identifizieren, mit denen sie bei ihrer Leistung in der Handelslogistik konfrontiert sind, und was sie tun können, um ihre Leistung zu verbessern. Der LPI 2018 ermöglicht Vergleiche zwischen 160 Ländern.

Top Twenty LPI 2018

Land Jahr LPI-Rang
Deutschland 2018 1
Schweden 2018 2
Belgien 2018 3
Österreich 2018 4
Japan 2018 5
Niederlande 2018 6
Singapur 2018 7
Dänemark 2018 8
Vereinigtes Königreich 2018 9
Finnland 2018 10
Vereinigte Arabische Emirate 2018 11
Hong Kong, China 2018 12
Schweiz 2018 13
USA 2018 14
Neuseeland 2018 15
Frankreich 2018 16
Spanien 2018 17
Australien 2018 18
Italien 2018 19
Canada 2018 20

Quelle: Weltbank

Schlüsselaspekt der Wirtschaft

In den letzten Jahren haben sich laut Bitkom die Trends in diesem Sektor jedoch verändert. Die Digitalisierung ist zu einem Schlüsselaspekt der Wirtschaft geworden. Angesichts der Rück- und Vorwärtsverflechtungen dieses Logistiksektors mit anderen Sektoren lohne es sich, digitale Technologien zu integrieren. Die Logistikbranche leide, so das Weißpapier des Bitkom, unter erheblichen Ineffizienzen. Beispielsweise führen über 37 Prozent der Lkw in Deutschland nach einer Lieferung leer zurück. Die digitale Transformation könne wichtige soziale und ökologische Vorteile bringen, indem sie die Effizienz erhöhe und den Energieverbrauch und die Emissionen senke. Gesteigerte Automatisierung und Autonomisierung in der Intra- und Extralogistik sowie Transparenz in der Kundenkommunikation könnten Fehlerquoten verringern und Kundenerfahrungen verbessern.

Digitale Lösungen könnten Mitarbeiter befähigen, selbstbestimmter zu arbeiten. Weiterhin könnten sie ihnen physisch schwere Aufgaben abnehmen oder automatisiert zumindest erleichtern. Dadurch könnten sie sich anderen wichtigen operativen und strategischen Aufgaben zuwenden. Ihnen kämen leistungsstarke Automatisierungs- und Kollaborationstools zu Hilfe, um ein umfangreiches Aufgabenspektrum zu erledigen – vom schnellen Auffinden schwer auffindbarer Artikel in einem großen Lager bis hin zum Transport schwerer Behälter innerhalb der Anlage. Digitale Technologien seien in Zeiten von Arbeitskräftemangels unterstützend wie ergänzend unerlässlich.

Digitale Technologien:

  • ermöglichten bessere Entscheidungsfindung auf der mittleren und höheren Managementebene.
  • lieferten umfassende Informationen über Prozesse und Abläufen.
  • Schaffen durch Digitalisierung ein insgesamt motivierendes Arbeitsumfeld.
  • Dies hilft dabei, dem zunehmend bedeutenden Fachkräftemangel mittel- und langfristig zu begegnen.

Routing von Auslieferungsfahrzeugen

Effizientes Routing von Auslieferungsfahrzeugen habe sowohl einen positiven Effekt auf die Nachhaltigkeit einer Dienstleistung als auch auf die Zufriedenheit von Kunden sowie dem eigenen Personal. Dies umfasse ebenfalls einfache Dienste wie eine Adressvalidierung möglichst früh im Prozess, um unnötige Fahrten zu nicht wohl definierten Adressen zu vermeiden. Um die Planung von Auslieferungen an aktuelle Gegebenheiten (Staus, Sperrungen etc.) anzupassen, bedürfe es der regelmäßigen Positionsmeldung vom Fahrzeug. Aus diesen Daten ließen sich Kundenapplikationen wie Paketverfolgung und die Ankündigung der Lieferzeit in einem engeren Zeitfenster implementieren – ohne Reibungsverluste bei der Verwendung unterschiedlicher Applikationen, welche aufwändig datensynchron gehalten werden müssen.

Diese Daten böten die Möglichkeit, generell an Optimierungen der Flotte zu arbeiten:

  • Für welche Routen werden elektrisch betriebene Fahrzeuge angeboten?
  • Wo ergibt ein konventionell angetriebenes Fahrzeug Sinn?

Datenanalysen könnten bei der Erstellung detaillierter CO2-Bilanzen helfen. Diese ließen sich wiederum mit anderen Unternehmen teilen. In nahezu Echtzeit müssten eine Vielzahl von internen wie externen Daten zusammenkommen, um diesen Anwendungsfall zu unterstützen. Für kleine und mittlere Unternehmen sollten diese daher als Dienstleistung einkaufen können.

Digitalisierung ermöglicht, so fährt das Weißpapier in seiner Beschreibung der Möglichkeiten fort, eine freie Wahl von Endgeräten und Software-Produkten. Dadurch könne das digitale Vertriebsnetz schnell und einfach wachsen. Zudem erhöhe der digitale Fortschritt die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität z.B. der Lagerkonfiguration. Dennoch empfehlen die Bitkom-Strategen bei digitalen Softwarelösungen eine Standardisierung, um Schnittstellenkompatibilität zwischen einzelnen IT-Systemen, intelligenter Sensorik und Maschinen sicherzustellen und einen nahtlosen Datenaustausch zu ermöglichen. Darüber hinaus gelte es, Medienbrüche, z.B. aufgrund von Papierdokumenten beim grenzüberschreitenden Warenverkehr, durch digitale Prozesse zu vermeiden. Effizienz- und damit Zeitgewinne gebe es nur durch digitale Einbindung von Schlüsselprozesse z.B. im Zusammenspiel mit den Behörden. Grundsätzlich fordert das Papier den Aufbau einzelner IT-Systeme in der Weise, dass diese den digitalen Austausch von standardisierten Nachrichten in nahezu Echtzeit unterstützen.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)