25.03.2021

Logistik-Branche übt heftige Kritik an staatlicher Impfstoff-Beschaffung

Vielleicht hätte man jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt. Dieser Ratschlag drängt sich führenden Vertretern der Logistik-Branche offenbar auf, wenn sie das Versagen der Politik in Sachen Pandemie-Management betrachten. Zwei führende Vertreter melden sich zu Wort.

Impfstoff-Beschaffung

Schulnote Sechs für Politik

Beide Experten geben der Politik eine Sechs:

  • Einkaufsexperte Gerd Kerkhoff von der gleichnamigen Beratungsfirma stellt im Sat.1-Interview der Politik in Sachen Impfstoff-Beschaffung ein blamables Zeugnis aus.
  • Wissenschaftler und Einkaufsberater Jacek Drozak, Spezialist für Verhandlungen, Vergaben, Monopolsituationen und Kartelle inner- und außerhalb der Industrie, zeigt in einem Gastbeitrag auf „Focus Online“ auf, was seiner Ansicht nach schief gelaufen ist bei der Impfstoff-Beschaffung – und was die Politik aus diesen Fehlern lernen sollte.

Task Force von Wirtschaftsführern

Kerkhoff rät dringend zu einer Task Force aus kompetenten Unternehmerpersönlichkeiten und Wirtschaftsführern. Nur hier gebe es das notwendige Know-How für die richtige Einkaufs- und Logistikstrategie in dieser Ausnahmesituation. Er sieht ein „absolutes Totalversagen“ sowohl auf der Seite der Logistik als auch der Beschaffung und der gesamten Verhandlungsführung.

Kerkhoff: „Mit Schulnoten ausgedrückt: eine Sechs.“
Den ersten Kardinalfehler sieht Kerkhoff bereits im Juni 2020. Damals sei bekannt geworden, dass voraussichtlich vier Impfstoffe das Rennen um eine Zulassung machen würden. Zu diesem Zeitpunkt sei bekannt gewesen, dass ein Produkt knapp werde, was 7,8 Milliarden Menschen nachfragen würden. Es sei klar, dass da eine solche entsprechende Impfmenge nicht sprunghaft zur Verfügung stehen würde. Es werde nacheinander produziert. Wer immer das Beschaffungsmandant habe – Land oder EU: Schnelligkeit sei Trumpf.

Beschaffungsrichtlinien der EU und Deutschlands

Die Ursache in der preislichen Fehleinschätzung sieht Kerkhoff in den Beschaffungsrichtlinien der EU und Deutschlands. Sie gäben bestimmte Maßstäbe vor, wie agiert werden müsse. Das heißt: danach müsse der Preis verhandelt werden. Das sei bei diesem Produkt jedoch eher unbedeutend gewesen. Die Politik habe versäumt, sich von diesen Beschaffungsrichtlinien zu befreien. Sie habe es vorgezogen, lieber nach diesen Richtlinien zu verfahren und die Menschen in ihren Grundrechten einzuschränken.

Note Sechs auf sieben Ebenen

Dvorzak gibt der Politik auf sieben Ebenen eine Note Sechs:

  • Planung: angesichts von 27 zu versorgenden Ländern Fehlen eines Strategieplanungs- und Abstimmungsprozess vor den Wettbewerbern
  • Verhandlungsziel: Versorgungssicherheit, nicht Preis das Hauptziel der Verhandlung
  • Risiken: Deal mit allen Impfstoffherstellern zwar mit Risiko der Nichtzulassung, dafür aber Garantie maximaler Menge an Impfstoff bei fehlendem Eigenbedarf eventuell für humanitäre Zwecke
  • Preise: nachrangige Bedeutung bei Betrachtung des Total Cost of Ownership (TCO) des Preises einer Ampulle, verglichen mit den Opportunitätskosten für Wirtschaft, Bevölkerung und Zukunft
  • Lieferanten: wurden von der Politik unter Druck gesetzt, obwohl sie am längeren Hebel sitzen.
  • Wettbewerber: nach der Spieltheorie falsche Bewertung der Interessen der Wettbewerber, die Prognose ihrer möglichen strategischen Züge und der Vergleich mit den eigenen Handlungsoptionen, wie beim Schachspiel, daher der Name „Spieltheorie“.
  • Transparenz: deren Fehlen als Grundlage für die meisten Beschaffungsaktivitäten, insbesondere bei Verhandlungen, Vergaben und öffentlichen Ausschreibungen. Drozak: „Fehlt sie, werden Korruption, Compliance-Verstöße, Kartelle und Monopole erleichtert.“

Was lernen wir aus dem Versagen der Politik? Auch Drozak schlägt vor, dass ein unabhängiges Expertenteam den Verhandlungs- und Beschaffungsprozess analysiert. Dieses Gremium solle dann auf Basis der Audit-Ergebnisse Maßnahmen empfehlen, die eine bestmögliche Beschaffung von komplexen Gütern wie Impfstoffen, Tests etc. gewährleisten. Diese Maßnahmen sollten die gesamte Wertschöpfungskette umfassen – zu diskutieren nicht nur in Berlin, sondern auch in Brüssel.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)