23.04.2020

Lockdown oder Lockerung? Umgang mit Corona-Maßnahmen in Wirtschaftskreisen umstritten

Ist der Laden halb voll oder halb leer? Darüber streiten sich derzeit führende Wirtschaftskreise. Grund: die Ladengröße, ab der ab 20. April 2020 Ladengeschäfte wieder geöffnet haben sollen, erscheint einigen nicht logisch. Die Krise hat unterdessen die Wirtschaft weltweit erfasst.

Lockerung Corona

Läden bis 800 Quadratmeter geöffnet

800 Quadratmeter – nicht größer dürfen Buchläden, Autohäuser und Fahrradgeschäfte sein, wenn sie seit dem 20. April wieder geöffnet haben wollen. Voraussetzung ist laut „Tagesschau“, dass in und vor den Geschäften bestimmte Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden.

Die Regelung ist ein politischer Kompromiss, der weniger die flächenmäßige Größe eines Ladengeschäfts in den Blick nimmt als die zu erwartende oder vielmehr aus virologischer und pandemiologischer Sicht zu befürchtende Menschenmenge davor, wie Kanzleramtsminister Helge Braun im „ARD-Morgenmagazin“ plausibel zu machen versucht:

„Deshalb müssen die großen Geschäfte, die häufig die Publikumsmagneten sind, noch eine Weile geschlossen bleiben.“

Geteiltes Echo aus der Wirtschaft

Aber offenbar ohne größeren Erfolg, jedenfalls bei Vertretern von Teilen der Wirtschaft. Lediglich von Arbeitgeberseite kommt Lob.

Für Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer stellt der Beschluss von Angela Merkel und den Ministerpräsidenten „ein richtiges Maß an Sicherheit für die Gesundheitsversorgung bei ersten Schritten zur Wiederaufnahme des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens“ dar.
„Wichtige Schritte“, lobt der Arbeitgeberpräsident, mit dem Handel könne die Produktion wieder hochfahren – vor allem in der Branche, an der in vielen Regionen Beschäftigung und Wohlstand hängen, die mit den großen Autokonzernen ein bestimmendes Element in der Arbeitgeberorganisation darstellt, ein zentrales Interesse an der Öffnung der Autohäuser hat und dafür aber weniger Ladengeschäfte in den Innenstädten: der Autoindustrie.

Scharfe Kritik vom HDE

Am schärfsten geht demgegenüber naturgemäß gerade deren Organisation, der Handelsverband Deutschland (HDE) mit den Regierungsbeschlüssen ins Gericht. Der HDE erinnert laut der Sendung daran, dass im Nicht-Lebensmittel-Einzelhandel in den zurückliegenden vier Wochen ein Schaden von 30 Milliarden Euro entstanden sei. Es sei nun mal nur eine Teil-Öffnung ist. Die 800-Quadratmeter-Grenze könne man nicht nachvollziehen.

„Die jetzt beschlossenen Vorgaben führen zu Wettbewerbsverzerrungen und Rechtsunsicherheiten“, zitiert die „Tagesschau“ HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.
Er sieht kein Sachargument dafür, kleinere Läden zu öffnen und größere nicht, Abstands- und Hygieneregeln könnten überall eingehalten werden. Nach Einschätzung des HDE verläuft die 800-Quadratmeter-Grenze mitten durch die Innenstadt:

  • Mittelgroße Bekleidungsgeschäfte und Elektronikhändler hätten weiterhin geschlossen;

öffnen dürften:

  • der durchschnittliche Schuhladen und
  • der Haushaltswarengeschäft.

DIHK: Lob und Tadel für die Regierung

DerDeutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hätte sich einen „Fahrplan Richtung Normalität“ gewünscht. Sein Präsident Eric Schweitzer sagt, für viele Betriebe fehle „weiterhin eine klare Perspektive für ihr Geschäft“. Eine verhaltene Kritik nur.

Kein Wunder: Industrie und Handel können sich auf der anderen Seite über einen milliardenschweren Schutzschirm freuen, den die Bundesregierung spannt, um Lieferketten, Exporte und Warenverkehr deutscher Unternehmen auch in der Corona-Krise aufrechtzuerhalten.

Wie der DIHK mitteilt, übernimmt der Staat im Jahr 2020 Garantien für Warenkreditversicherer von bis zu 30 Milliarden Euro. Damit setze die Bundesregierung eine Forderung der Kammerorganisation um, Unternehmen in der Corona-Krise nicht der Gefahr auszusetzen, auf unbezahlten Rechnungen ihrer in- und ausländischen Kunden sitzen zu bleiben. Die EU-Kommission hat den Schutzschirm bereits abgesegnet. Die Kreditversicherer beteiligen sich, indem sie Verluste bis zu 500 Millionen Euro selbst tragen. Zudem übernehmen sie die Ausfallrisiken, die über die Garantie des Bundes hinausgehen.

Deutsche Unternehmen im Ausland besonders betroffen

Wie der DIHK weiter mitteilt, bekommen deutsche Unternehmen im Ausland die Auswirkungen der Corona-Pandemie mit voller Wucht zu spüren. Er beruft sich auf den „AHK World Business Outlook“ der Auslandshandelskammer, an dem sich mehr als 4.000 deutsche Betriebe in aller Welt beteiligt haben. Der Umfrage zufolge rechnen 80 Prozent der Unternehmen bereits jetzt mit starken Umsatzverlusten wegen der Corona-Krise; 15 Prozent der Befragten gingen sogar mindestens von einer Halbierung ihrer Umsätze aus.

„Die Zahlen sind erschreckend, denn sie zeigen, wie hart die Corona-Pandemie insbesondere die deutschen Unternehmen auf der ganzen Welt trifft“, so Treier. 

Deutsche Unternehmen im Ausland
Deutsche Unternehmen im Ausland

„Wichtige Lieferketten in Deutschland und weltweit geraten durch die Corona-Krise unter erheblichen Druck“, erklärt Volker Treier, Mitglied der DIHK-Hauptgeschäftsführung. In der Krise gingen für viele Unternehmen die Auftragseingänge zurück. Zudem nähmen die Zahlungsausfälle zu und die Risiken der Warenkreditversicherer, die diese Lieferbeziehungen oft erst ermöglichten.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)