12.10.2021

Lkw-Fahrermangel nimmt bedrohliche Ausmaße an

Die Briten machten den Anfang. Lange Schlangen an Tankstellen, weil der Spritnachschub nicht funktioniert. Grund: kaum Fahrer für die Spritlaster. Sah man bislang die Schuld beim Brexit, so mehren sich Anzeichen, in Deutschland könnten bald ebenfalls nicht genug Fahrer verfügbar sein.

Lkw-Fahrermangel

100.000 LKW-Fahrer fehlen

In Großbritannien wanderten etwa 20.000 vor allem osteuropäische Lkw-Fahrer ab. Deswegen gibt es Lieferengpässe. Kaum eine Branche, die dieser Tage in Großbritannien nicht klage, berichtet die „Welt“. Das Blatt zitiert den Branchenverband Road Haulage Association.

Demzufolge hat Großbritannien zurzeit rund 100.000 zu wenig Lkw-Fahrer. Mittlerweile zeige sich der Mangel im Vereinigten Königreich schon beim Supermarkteinkauf. Immer wieder gebe es Engpässe bei allen möglichen Produkten. In den Regalen klaffen ungewohnt große Lücken. Von der BBC interviewte Milchbauern ständen kurz davor, Tausende Liter Milch wegschütten zu müssen, da sie nicht wie gewohnt abgeholt wurde.

Der „Guardian“ berichtete über gelockerte Regeln für Kläranlagen, die bestimmte Abläufe nicht durchführen können, weil ihnen die entsprechenden Chemikalien fehlen. Supermärkte rechneten mit Preissteigerungen, wenn es so weiter gehe. Eine Besserung der Lage sei derzeit nicht in Sicht.

Mangelfaktoren Brexit, Pandemie, fehlende Freizügigkeit

Während der Pandemie haben Fahrer etwa aus Polen oder Rumänien Großbritannien verlassen. Sie sind zu ihren Familien in ihren Heimatländern zurückgekehrt. Viele von ihnen würden wohl nicht zurückkehren. Wegen des Brexits, wie es zunächst hieß. Er habe der Freizügigkeit für EU-Arbeitskräfte ein vorläufiges Ende gesetzt. Sie benötigen für den Einsatz in Großbritannien Visa, deren Beantragung aufwendige und teure Verfahren notwendig macht.

Zudem habe die Corona-Pandemie die Lage verschärft. Überdies werden auch in vielen anderen europäischen Ländern Fahrer benötigt, gegenüber welchen die Anziehungskraft Großbritanniens schwinde.

Kontrollen an der Grenze

Neue Handelshürden und Kontrollen an der Grenze erschweren die Situation zusätzlich. Der Mangel trägt laut Britischer Handelskammer zum sinkenden Export in die EU bei. Das treffe zudem den Handel mit Deutschland. Zum ersten Male seit mehr als 70 Jahren könnte Großbritannien nicht mehr unter den zehn wichtigsten Handelspartnern der Bundesrepublik auftauchen, so „Welt“ und „dpa“.

Problem europaweit

Experten rechneten allerdings nicht damit, dass das Königreich mit dem Problem allein bleiben wird. So hat das thüringische Verkehrsgewerbe davor gewarnt, bei der Gewinnung von Berufskraftfahrern in Deutschland vor allem auf osteuropäische Lkw-Fahrer zu setzen. Damit mache man sich extrem abhängig, berichtet der „Mitteldeutsche Rundfunk“ (MDR). Deutschland droht in wenigen Jahren ein Versorgungskollaps ähnlich wie in England, warnt der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V.:

  • Bereits heute fehlen hierzulande 60.000 bis 80.000 Berufskraftfahrer.
  • Jedes Jahr gingen rund 30.000 Berufskraftfahrer in Rente.
  • Demgegenüber stehen nur etwa 17.000 neue Berufseinsteiger.

Diese Entwicklung zeichne sich bereits seit geraumer Zeit ab. Die Lage spitze sich nun immer mehr zu. Die aktuelle Versorgungssituation in England lasse erkennen, wie rasch sich der Fahrermangel zu einem Versorgungskollaps entwickeln könne.

BGL-Forderungen Umsetzung jetzt!

Der Handlungsbedarf sei dringend geboten. Eine Vielzahl von Maßnahmen müsse man auf europäischer und nationaler Ebene ergreifen. Der BGL hat einen „Aktionsplan Fahrermangel“ zu fünf Kernbereichen mit verschiedenen Maßnahmen aufgestellt, dessen zügige Umsetzung er fordert:

  • Wertschätzung und Image des Lkw-Fahrerberufes verbessern!
  • Arbeitsbedingungen verbessern!
  • Entschlossener Abbau von Hürden und Bürokratie!
  • Nachwuchsgewinnung und Digitalisierung fördern!
  • Fachkräftezuwanderung erleichtern!
BGL-Vorstandssprecher Prof. Dr. Dirk Engelhardt: „Wir warnen davor, dass wir auch in Westeuropa sehenden Auges in einen Versorgungskollaps laufen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen daher endlich wach werden und dem Fahrermangel in einem gesamtgesellschaftlichen Kraftakt entschlossen entgegentreten!“
Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)