06.08.2020

Lieferketten: Wandel zur neuen Normalität nach Corona

Wie sehen die Logistikketten in der Nach-Corona-Zeit aus? Dieser Frage geht ein Whitepaper von Logistikdienstleister DHL nach. Resilienz löst demnach Kosten als Fokus für Einkauf und Beschaffung ab. Allerdings geht es nicht ohne Änderung der Transportströme und Lagernetzwerke.

Lieferketten Corona

Die Krise ist zu Ende – es lebe die Krise!

Immer weniger schlechte Nachrichten und Beschränkungen, dafür immer mehr Lockerungen in der Wirtschaft weltweit – die Corona-Krise neigt sich dem Ende zu. Zeit für die Krise der Logistik? Für Katja Busch, Chief Commercial Officer DHL und Head of DHL Customer Solutions & Innovation, auf jeden Fall Zeit, über die Widerstandsfähigkeit globaler Lieferketten nachzudenken.

Das sei schon deswegen nötig, um Kunden gut beraten zu können. Entsprechend ließ DHL Herausforderungen während der Krise analysieren, um herauszufinden, wie resiliente Lieferketten in der Zukunft aussehen könnten. Ergebnis der Überlegungen: DHL ließ Richard Wilding, Professor für Supply Chain Strategy an der Universität Cranfield in Großbritannien, ein Whitepaper verfassen. Darin beschreibt er:

  • mögliche Veränderungen in den Lieferketten nach der derzeitigen Pandemie
  • Auswirkungen von Covid-19 auf die wichtigsten Treiber der Supply Chain
  • Strategien und Maßnahmen zur Entwicklung der Lieferkette der Zukunft.

Die Untersuchung basiert auf realen Fällen und skizziert mögliche Szenarios, wie sich der Wandel der Logistikindustrie vom gegenwärtigen Status quo in der Pandemie zur neuen Normalität vollziehen könnte.

Nichts wird so sein wie es war

Ergebnis, auf das man vielleicht auch ohne eine solche Studie kommen könnte: Branchen und Lieferketten in der Nach-Corona-Zeit werden nicht mehr so sein wie vorher. Der Erkenntnisgewinn darüber hinaus: heute ist nur schemenhaft zu erkennen, wie die neue Normalität aussehen könnte. Die Branche wird nicht sofort in eine Nach-Corona-Phase eintreten, um dann zu business as usual zurückkehren:

  • Wissenschaftler forschen noch fieberhaft an einem Impfstoff gegen die Krankheit
  • viele Unternehmen befinden sich noch mitten in der Krise,
  • eine Rückkehr zur Normalität ist noch in weiter Ferne.

Einstweilen wird, so die DHL-Studie, eine Interimsphase – vor der neuen Normalität – die Lücke zwischen Lockdown und neuer Normalität schließen. Offensichtlich waren laut Studie einige Branchen stärker betroffen als andere und werden sich deshalb langsamer erholen. Die verschiedenen Implikationen für Unternehmen, Lieferketten und Supply-Chain-Manager unterteilt die Studie in fünf Kategorien:

  • Resilienz
  • Nachfrage
  • Transport
  • Lagerung
  • Arbeitsplatz

Der Ausverkauf am Regal

Fotos und Fernsehbilder hätten Eindruck hinterlassen, so Wilding. Schon lange bevor Länder einen Lockdown beschlossen hatten, seien die Supermarktregale leer gewesen: Nudeln, Toilettenpapier, Reis, Schmerzmittel, Dosentomaten, Mehl – alles weg. Fabriken und Lieferanten hätten verzögert auf die extremen Nachfrageschwankungen reagiert.

Schließlich ging es dabei nicht mehr um die Angst vor den lockdown-bedingten Unterbrechungen von Lieferketten.

„Die Leute hamsterten, weil andere hamsterten“, so Wilding.
Wie in jeder Krise seien Stärken und Schwächen im System sichtbar geworden. Damit es besser wird, sei es wichtig, aus solchen Notsituationen zu lernen. Wilding:
„Wenn Ihre Supply Chain in der neuen Normalität genauso aussieht wie vor der Corona-Krise, machen Sie wahrscheinlich etwas falsch.“

Lieferketten in der neuen Normalität

In einer Welt vor der neuen Normalität würden Lieferketten überarbeitet, um sie robuster zu machen. Gleichermaßen von regionalen Lockdowns und individuellen lokalen Bestimmungen betroffene Fabrikations- und Lagerstandorte führten in der Zukunft zu besser verteilter:

  • Fabrikation
  • Lagerhaltung
  • Dual Sourcing
  • Re-Shoring
  • Near-Sourcing.

Anstatt sich nur auf Tier-1-Lieferanten zu konzentrieren, müssten die Supply-Chain-Manager auch nachgelagerte Zulieferer ins Auge fassen. Sind diese in der Lage, den Güterstrom zu managen? Außerdem werde die Nachfrage volatiler sein und Präferenzen von Verbrauchern könnten sich noch schneller ändern.

Mögliche Folge: höherer Anpassungsdruck an flexible und alternative Transportströme und Lagernetzwerke. Während die Zahl der Online-Einkäufe wächst, nähmen auch Direktverkäufe an den Endverbraucher zu und gleichzeitig werden andere Einzelhandelskanäle und -branchen gestört. Das sind nur einige der Facetten, die moderne Lieferketten beeinflussen.

Gestaltung von Arbeitsplätzen

Schließlich wird sich nach Ansicht Wildings die Gestaltung von Arbeitsplätzen in der Nach-Corona-Zeit auf den Arbeitsstil in Lagern und Büros auswirken. Sie müssten möglicherweise weiterhin Abstandsgeboten und Hygienevorschriften entsprechen. Für die Arbeit an dezentralen Arbeitsplätzen müsse die Informationstechnologie robust und in der Lage sein, einer verteilten Belegschaft weiterhin Zugang zu den notwendigen Daten und Systemen zu geben.

Lagerprozesse müssten an neue Standards angepasst werden, zum Beispiel durch Einbahnsysteme und verteilte Kommissionier- oder Packbereiche unter Einhaltung der Abstandsregeln. Resilienz rücke als Voraussetzung für den Einkauf zunehmend in den Fokus. Genauso werde die Arbeit an dezentralen Arbeitsplätzen etablierte Prozesse unterbrechen und neue Impulse für Digitalisierungs- und Automatisierungsinitiativen liefern.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)